Konjunktur - Wie schlimm wird der Abschwung? - DER SPIEGEL
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Henrik Müller

meinung •Panikmache oder Schönfärberei Wie schlimm wird der Abschwung?

Lange sah es so aus, als ob der Aufschwung unkaputtbar sei. Doch das ist vorbei. Mit der Konjunktur geht es abwärts - offen ist nur, wie tief der Fall sein wird.
Containerschiff im Hamburger Hafen: Panikmache oder Schönfärberei
Containerschiff im Hamburger Hafen: Panikmache oder Schönfärberei

Containerschiff im Hamburger Hafen: Panikmache oder Schönfärberei

Foto: Fabian Bimmer / REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Typisch, meinte "binibona", "Glaskugel raus, Artikel schreiben und auf Reaktionen hoffen. Ende des Jahres entweder als Prophet auftreten oder die Gründe nennen, die das Desaster abgewendet haben. Wer allerdings zu fest daran glaubt, den trifft die sich selbst erfüllende Prophezeiung."

"binibona" ist das Pseudonym eines Kommentators - oder einer Kommentatorin - im SPIEGEL-ONLINE-Forum. Bei der Passage handelt sich um einen Kommentar zu meiner Kolumne vom 30. Dezember 2018.

Zum Jahreswechsel hatte ich einige Überlegungen angestellt, was der heraufziehende konjunkturelle Abschwung wohl bringen könnte. Der Text enthielt diverse Zahlen und Quellen - so viele, dass ich mir Sorgen machte, Langeweile zu provozieren. Aber auch Männer, die in Glaskugeln starren, brauchen nun mal eine Faktenbasis…

"binibonas" Kommentar habe ich ausgewählt, weil er mir typisch scheint. Wenn es darum geht, sich mit der Zukunft zu befassen, herrscht verbreitetes Unbehagen. Die Kritik changiert dann zwischen drei Extremen: Panikmache (in Wahrheit werde alles schon nicht so schlimm), Schönfärberei (in Wahrheit werde alles noch viel schlimmer) und Scharlatanerie (niemand könne die Zukunft kennen).

Andererseits zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der Leser genau dies vom Wirtschaftsjournalismus erwartet: Entwicklungen zu thematisieren, die künftig relevant werden. Keine Prophezeiungen, keine Vorhersagen mit Wahrheitsanspruch - sondern skeptische Überlegungen über die Zukunft auf Basis von Fakten und Indizien.

Anders als Propheten, die zumeist nicht so lange leben, als dass man sie für falsche Vorhersagen zur Rechenschaft ziehen könnte, sind wir mit einem unendlichen Strom neuer Zahlen und Ereignisse konfrontiert, die eine ständige Überprüfung der Zukunftsperspektiven erlauben.

Derzeit ist es wieder so weit. Die Weltwirtschaft wartet auf ein Update.

Die Industrie, Ground Zero des Abschwungs

Ab Donnerstag tagen in Washington der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Heerscharen von Finanzministern, Notenbankern und Ökonomen werden erwartet. IWF-Chefin Christine Lagarde hat bereits durchblicken lassen, dass ihre Volkswirte die Prognosen gesenkt haben und dass die weltwirtschaftliche Lage "zerbrechlich" sei , also in eine ausgewachsene Rezession umschlagen könnte (neue Zahlen vom IWF gib es am Dienstag).

Pünktlich zur Washingtoner Frühjahrstagung hat der IWF zudem das Crashrisiko auf den globalen Immobilienmärkten kalkuliert  - nicht gerade beruhigende Berechnungen angesichts der extrem hohen Bewertungen und Schulden in vielen Ländern.

In der abgelaufenen Woche haben die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute bereits einen scharfen Rückgang des Wirtschaftswachstums hierzulande  diagnostiziert.

Gerade die deutsche Industrie belastet die Entwicklung, und dort besonders der lahmende Autoabsatz. Die produzierenden Unternehmen verzeichnen einen drastischen Rückgang der Auftragseingänge, den stärksten seit der Schockrezession des Jahres 2009 (Montag gibt es neue Zahlen vom deutschen Exportgeschäft).

Hinzu kommt die gestiegene politische Unsicherheit (achten Sie diese Woche auf den Fortgang des Brexit-Dramas, insbesondere den EU-Sondergipfel am Mittwoch, zwei Tage vor dem derzeit gültigen Austrittsdatum.) Der nach wie vor schwelende Handelskonflikt zwischen den USA und China hilft auch nicht gerade bei der Stabilisierung der Erwartungen (neue Außenhandelszahlen aus Peking gibt's Freitag).

Das große Bild in groben Strichen

All diese Entwicklungen bestätigen das Bild, das sich schon länger abzeichnet. Grob skizziert sieht es in etwa so aus:

  • Machtlose Politik: Ein zyklischer Abschwung trifft auf historisch hohe Verschuldungsgrade, gerade in den reichen Volkswirtschaften. Sollte es zu einer Rezession kommen, steht eine raue Phase bevor. Die Wirtschaftspolitik kann kaum gegensteuern, da ihre Instrumente weitgehend funktionsunfähig geworden sind. Hohe Staatsschulden verbieten großangelegte Ausgabenprogramme; extrem niedrige Zinsen lassen den Notenbanken kaum Spielraum, die Wirtschaft zu stimulieren (achten Sie auf die Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank am Mittwoch).
  • Unfassbare Unwägbarkeiten: Unsicherheit über die Politik rund um den Globus belastet die Wirtschaft, weil Bürgern und Unternehmen eine verlässliche Entscheidungsbasis fehlt. Wir stehen am Beginn einer Epoche der Unsicherheit - mit kaum abschätzbaren ökonomischen Folgen. Ein Treiber dieser Entwicklung ist der grassierende Nationalpopulismus, der durch den konjunkturellen Abschwung weiter zu erstarken droht.
  • Deutschland vor! Die Bundesrepublik ist die einzige größere europäische Volkswirtschaft, die noch über nennenswerte konjunkturpolitische Spielräume verfügt. Die Staatsschuldenquote wird 2020 auf 53 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, prognostizieren die Forschungsinstitute. Die Forderungen aus dem Ausland nach höheren öffentlichen Ausgaben dürften laut und lauter werden. Die Bundesregierung und die Wirtschaft sollten sich darauf vorbereiten und überzeugende Antworten parat haben, am besten eine Investitions- und Innovationsoffensive.
  • Schwache Industrie: Trotz solider Staatsfinanzen wird Deutschland relativ heftig vom kommenden Abschwung betroffen sein. Bereits im zweiten Halbjahr 2018 stagnierte die Produktion. Die gewichtige deutsche Industrie steht offenkundig vor einer Rezession und einem tiefgreifenden strukturellen Wandel im Zeichen von Digitalisierung, Dieselkrise, E-Mobilität. Die Folge könnte ein dauerhaftes Schrumpfen des produzierenden Sektors sein. Die Zeiten, in denen deutsche Industriekonzerne sich darauf konzentrieren konnten, ihre bewährten Geschäftsmodelle über den Globus auszudehnen, sind jedenfalls vorbei.
  • Widerstandsfähiger Jobmarkt: Anders als in früheren Schwächephasen dürfte die Arbeitslosigkeit kaum ansteigen. Zwar belastet ein Rückgang der Nachfrage den Arbeitsmarkt. Auch die Digitalisierung wird viele Jobs überflüssig machen. Doch parallel dazu wird das Angebot an Arbeitskräften wegen des demographischen Wandels immer knapper. Auch in Japan, wo die Alterung weiter fortgeschritten ist als bei uns, steigt die Arbeitslosigkeit bei stagnierender Wirtschaft nicht mehr an. Unter diesen Bedingungen sollten Unternehmen davor zurückschrecken, Mitarbeiter zu feuern, und stattdessen mehr Geld in Weiterqualifizierung stecken.

All das wäre noch kein "Desaster", wie "binibona" formulierte. Aber die Zeiten würden deutlich ungemütlicher.

Und falls es doch besser kommen sollte als derzeit erwartet? Dann freuen wir uns.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche