Lagarde als mögliche EU-Kommissionspräsidentin Die Frau, die es kann, aber nicht soll
IWF-Chefin Lagarde: Favoritin der Wirtschaftsblätter
Foto: Michel Euler/ AP/dpaChristine Lagarde wirkt so, wie man sich die namenlose Dame aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung immer vorstellte: Mit perfekt sitzender Frisur scheint sie unermüdlich auf dem Weg zur nächsten großen Aufgabe. Erst dirigierte die elegante Französin als erste Frau eine der einflussreichsten amerikanischen Anwaltskanzleien, dann manövrierte sie ihr Heimatland als Finanzministerin durch die Euro-Krise, schließlich verlieh sie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) neue Glaubwürdigkeit, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn im Skandalsumpf versank.
Und nun soll die 58 Jahre alte Juristin mal eben noch Europa retten - zumindest wenn es nach den beiden einflussreichsten Leitmedien der europäischen Elite geht: "Economist" und "Financial Times". Kurz nacheinander veröffentlichten die britischen Blätter glühende Empfehlungen für eine Kandidatur Lagardes als Präsidentin der Europäischen Kommission. "Lagarde for president", schrieb der "Economist": "Wenn Europa jemals eine kompetente Führungsperson mit neuen Ideen brauchte, dann jetzt."
Noch sei es Zeit, eine weise Entscheidung über die nächste Person an der Kommissionspitze zu treffen, sekundierte die "Financial Times", ohne direkt Lagardes Namen zu nennen. Doch das Blatt attackierte entschlossen ihre möglichen Rivalen, den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, den aussichtsreichsten konservativen Bewerber Jean-Claude Juncker und den liberalen Hoffnungsträger Guy Verhofstadt als "Männer von gestern" - sie alle stünden für die europäischen Sünden der jüngeren Vergangenheit, also für Bankenkollaps, Massenarbeitslosigkeit und die Schwächen der Währungsunion.
Lücke bei Europas Konservativen
Die Autoren des "Economist" lieferten auch gleich konkrete Hinweise, wie Lagardes Inthronisierung gelingen könne: Die Französin solle anstelle des bisherigen Favoriten Juncker als Spitzenkandidatin der EVP, der europäischen Konservativen, in den Europawahlkampf ziehen. Und so bis an die Kommissionspitze gelangen, denn diese sollen Europas Staats- und Regierungschefs im Lichte der Parlamentswahlen bestimmen. Unter führenden Regierungschefs genieße Lagarde genug Rückendeckung: Frankreichs Präsident François Hollande komme eine französische Kommissionspräsidentin gelegen, der EU-skeptische britische Premier David Cameron erhoffe sich von ihr mehr Durchschlagskraft bei Reformen, und auch Kanzlerin Angela Merkel sei nicht abgeneigt.
Dass Lagarde ihren Posten beim IWF, den sie seit 2011 bekleidet, aufgeben würde, setzen bei derlei Gedankenspielen alle Beteiligten voraus. In der Tat schien Lagarde bei Auftritten in Europa mit einer EU-Kandidatur zu liebäugeln - und schon frühere IWF-Chefs wie Horst Köhler verließen Washington rasch, wenn sich eine noch verlockendere Aufgabe fand.
Auch ist unübersehbar, dass Europas Konservative unter Zugzwang stehen. Während Sozialdemokrat Schulz sich erfolgreich als Obereuropäer inszeniert, ist der mögliche EVP-Spitzenkandidat Juncker, bis vor kurzem Regierungschef in Luxemburg, angeschlagen - etwa durch Berichte über Alkoholprobleme, die er öffentlich zurückweisen musste.
Ebenso klar ist aber, dass der Widerstand gegen Lagardes Kandidatur groß ist. Dass sie Juncker noch verdrängen kann, halten EVP-Insider für wenig wahrscheinlich. "Frau Lagarde hat einen herausragenden Posten. Wir können froh sein, dass eine Europäerin an der Spitze des IWF steht. Ich finde, dort hilft sie uns am meisten", gab etwa EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) kühl zu Protokoll. Auch als europäische Kompromisslösung, sollte es ein Patt nach der Europawahl geben, wirkt sie schwer vermittelbar: Lagarde gilt durch ihre Mitverantwortung für IWF-Sparauflagen in Teilen des Kontinents als Reizfigur.
Egal aber, wie es ausgeht: Die ungewöhnliche Pressekampagne zeigt, wie fragil das angestrebte neue Demokratiemodell in Europa bleibt. Die Kür der Spitzenkandidaten und ihr Anspruch auf den Platz an der Kommissionsspitze sollte die Demokratie in Europa befördern. Nun schreibt der "Economist" höhnisch über solche Hoffnungen: "Dream on." Die meisten Europäer würden weder die Spitzenkandidaten noch deren Positionen genauer kennen.
Das Schlimme ist: Derlei Skeptiker könnten recht behalten, gerade wenn auch die Bestimmung von Spitzenkandidaten die Begeisterung für die Europawahl nicht hebt. Die bereits ernüchternden Debatten über Schulz, Juncker und Co. dienen dafür als Menetekel.