Mögliche Terrorfolgen Wie Angst die Wirtschaft lähmt
Soldat vor Geschäft in Brüssel: Einbußen im zweistelligen Millionenbereich
Foto: AP/dpaAls am 11. September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center flogen, schien es, als stehe die Welt still. Die Terrorattacke erschütterte nicht nur die amerikanische Gesellschaft und forderte Tausende Opfer. Auch der Kapitalismus schien getroffen. Die New Yorker Börse wurde geschlossen, Aktienkurse brachen ein, der Flugverkehr kam weitgehend zum Erliegen.
Drohen nach den Anschlägen von Paris ähnliche Folgen? Der Überblick.
Konsum - Die Kauflaune bleibt
Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehört für viele Deutsche fest zur Winterzeit. Nach den Attacken von Paris werden die Märkte einmal mehr als mögliches Anschlagsziel gehandelt - weshalb die Betreiber einen Rückgang der Besucherzahlen fürchten. "Im Moment hoffen wir, dass wir gut herauskommen", sagte Hans-Peter Arens, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute der "Passauer Neuen Presse". "Aber die Befürchtung, dass es weniger wird, ist natürlich da."
In der Vergangenheit haben sich Verbraucher jedoch auf Weihnachtsmärkten und anderswo höchstens kurzfristig von Terrorgefahren beeindrucken lassen. "Einmalige Anschläge treffen die Wirtschaft nicht nennenswert", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Die Anschläge auf Vorortzüge in Madrid 2004 hätten den privaten Konsum ebenso wenig schwächen können wie die Attentate in London im darauffolgenden Jahr. Nach den Anschlägen 2001 in New York habe der Einzelhandel nach einem ersten Einbruch sogar ein Plus verzeichnet. "Die Amerikaner sind weniger Flugzeug geflogen und hatten mehr Zeit, einkaufen zu gehen."
Weihnachtsmarkt in Dresden: "Befürchtung, dass es weniger wird"
Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpaDas öffentliche Leben in Deutschland scheinen die Ereignisse bislang ohnehin kaum zu beeinflussen. So hieß es auf Anfrage bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben in Berlin und Hamburg, man habe keinerlei Rückgang der Fahrgastzahlen verzeichnet.
Auch die besonnensten Bürger nützen der Wirtschaft freilich nichts mehr, wenn Behörden wie jetzt in Brüssel weite Teile der Stadt dichtmachen. Laut Einzelhandelsvertretern verzeichneten Geschäfte in der belgischen Hauptstadt Umsatzverluste von bis zu 68 Prozent, insgesamt gehe es um zweistellige Millionensummen. Ein kleiner Trost aus gesamtwirtschaftlicher Sicht: Ein Teil der Ausgaben dürfte sich zu Internethändlern verlagert haben.
Tourismus - Die Urlauber ändern ihre Ziele
Wo gerade erst Menschen erschossen wurden, wollen viele keinen Urlaub mehr machen. Das mussten zuletzt Ägypten und Tunesien erleben, wo die Buchungszahlen nach islamistischen Anschlägen einbrachen. Auch die Zahl der Flugbuchungen nach Paris ging nach den Anschlägen laut ersten Zahlen um gut ein Viertel zurück.
Zugkontrolle in Saarbrücken: Eingeschränkte Bewegungsfreiheit
Foto: Oliver Dietze/ dpaDie Sorge vor den Folgen für den Tourismus zeigte sich auch an der Börse. Kurz nach den Attacken verzeichneten Reiseunternehmern wie Tui Travel und Thomas Cook deutliche Verluste. In Frankreich sanken auch die Aktienkurse von Unternehmen, die mittelbar vom Tourismus abhängen, etwa der Luxusgüterkonzern LVMH .
Die Auswirkungen auf die Wirtschaft als Ganzes dürften dennoch begrenzt sein, da Touristen im Zweifel nur ihre Reiseziele verlagern. Davon geht man auch beim Deutschen Reiseverband aus, dessen DRF-Präsident Norbert Fiebig "keinen Einbruch des Reisegeschäfts" erwartet.
Handel - Grenzkontrollen könnten Wirtschaft bremsen
Wenn weniger konsumiert und investiert wird, werden weniger Güter gebraucht. Die Schiffe, die im Hamburger Hafen einlaufen, sind dann nicht mehr voll beladen, auf den Autobahnen fahren weniger Lastwagen - der Handel lahmt.
Zudem gilt bisher innerhalb der Europäischen Union der freie Warenverkehr: Handelsgüter dürfen sich ebenso wie Menschen frei zwischen den 28 EU-Staaten bewegen. Die meisten EU-Staaten sowie die Schweiz, Norwegen, Liechtenstein und Island haben zudem im Schengener Abkommen den Wegfall der Grenzkontrollen vereinbart. Doch mittlerweile steht das Abkommen zur Disposition. Frankreich und andere Staaten haben wieder Grenzkontrollen eingeführt.
Solche Schranken könnten den Handel lähmen, fürchten Experten. "Wenn jetzt wieder jedes Land anfängt, seine Grenzen dichtzumachen, wird das Auswirkungen auf die Wirtschaft haben", sagt Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institutes und ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Wenn die Lkws nun wieder stunden- oder tagelang an den Grenzen warten müssen ist das schon eine Beeinträchtigung, die am Ende auch das Wachstum bremsen würde."
Finanzmärkte - Anschläge überraschen die Anleger kaum
An den Finanzmärkten haben die Anschläge von Paris bisher kaum Spuren hinterlassen. Die Kurse an den Aktienmärkten gaben nur leicht nach und stehen heute schon wieder höher als vor den Anschlägen. Experten begründen dies damit, dass die Attacken nicht wirklich überraschend kamen. "Wir mussten damit rechnen, dass es Terroranschläge in Europa geben wird", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank.
So abgeklärt waren die Reaktionen nicht immer. Nach dem 11. September 2001 brach der deutsche Leitindex Dax innerhalb von zehn Tagen um rund 20 Prozent ein. Doch schon einige Jahre später war die Antwort der Börsen auf den Terror deutlich verhaltener. Nach den Anschlägen in Madrid fiel der Dax innerhalb von zwei Wochen zwar um knapp acht Prozent, erholte sich aber wieder sehr schnell. Bei den Londoner Anschlägen war praktisch keine Börsenreaktion zu erkennen.
"Konventionelle Anschläge sind aus wirtschaftlicher Sicht keine Überraschung mehr", sagt Ökonom Kater. Das heißt freilich nicht, dass die Börsen nicht zu erschüttern wären. "Unkonventionelle Anschläge, etwa auf die Infrastruktur eines Staates, oder auch eine Anschlagsserie würden die Lage ändern."
Investitionen - Schlechter kann es kaum werden
Ist die Weltlage ausreichend düster, so lässt das auch Unternehmer nicht unbeeindruckt. Wie Normalbürger können sie angesichts ungewisser Zukunftsaussichten beschließen, ihre Ausgaben vorerst zu drosseln, sprich: weniger zu investieren. So sei es beispielsweise infolge der Ukrainekrise gewesen, sagt Berenberg-Ökonom Schmieding.
Arbeiter bei Bergmann Automotive: Stimmungshoch trotz Terrorangst
Foto: Julian Stratenschulte/ DPADie Anschläge von Paris scheinen aber zumindest in Deutschland keinerlei Auswirkungen aufs Wirtschaftsklima zu haben. Im Gegenteil: Der Ifo-Index erreichte im November den besten Wert seit anderthalb Jahren. Rund 80 Prozent der ausgewerteten Antworten gingen noch vor der Attacke ein, doch laut Ifo-Chef Hans-Werner Sinn gibt es keinen Unterschied zu später gemachten Angaben. "Nicht einmal die Anschläge von Paris haben sich in den Daten negativ bemerkbar gemacht."
Zwar gibt es in der EU derzeit in der Tat zu wenig private Investitionen. Frankreichs Wirtschaftsminister Emanuel Macron wies am Dienstag beim Arbeitgebertag in Berlin jedoch darauf hin, dass dieses Problem schon vor den Anschlägen und trotz historisch niedriger Zinsen bestand.
Zusammengefasst: Die Terroranschläge in Frankreich haben auch wirtschaftliche Folgen: Flugbuchungen nach Paris gehen zurück, Einzelhändler in Brüssel haben wegen des Terroralarms hohe Einbußen. Insgesamt aber dürften sich die ökonomischen Folgen in Grenzen halten, sofern es nicht zu weiteren Anschlägen kommt.