Schwaches US-Wachstum Bergab ins Wahljahr
Weihnachtsmarkt in Los Angeles: Hohe Gehaltseinbußen von US-Bürgern seit der Rezession
Foto: FREDERIC J. BROWN/ AFPZu Weihnachen gibt es nichts. Zumindest nichts, was Geld kostet. Das ist die triste Aussicht vieler amerikanischer Familien für die Feiertage - und auch das Mantra einer Gruppe, die sich mit der weltweiten Occupy-Bewegung solidarisiert. Ihr Name: Occupy Christmas.
"Wir suchen die Rückkehr zu einer einfacheren Weihnacht, denn das ist der erste Schritt zu einer einfacheren Wirtschaft", erklären die Aktivisten aus dem US-Bundesstaat Kentucky auf ihrer Website. Ihr Ratschlag: Geschenke ja - aber lieber handgemacht, heimgewerkelt, von lokalen Handwerkern. Zurück zur Schlichtheit: "Verbringt mehr Zeit mit euren Familien."
Der mögliche Zwang zum Selbstgestrickten trübt die US-Weihnachtszeit - auch mehr als zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession. Die jüngste Revision des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) von diesem Donnerstag zeigt, dass die Freude über die positiven Wirtschaftsdaten der vergangenen Monate verfrüht war. Demnach wuchs die Konjunktur im dritten Quartal 2011 gerade mal nur um schlappe 1,8 Prozent - 0,2 Prozentpunkte weniger als eigentlich gedacht.
"Leider glaube ich, dass wir im Verlauf des kommenden Jahres eine Wirtschaftsabkühlung erleben werden", sagte Ethan Harris, ein Ökonom der Bank of America. Zum einen werde die Euro-Krise auch die USA immer mehr in Mitleidenschaft ziehen. Zum anderen drohten weitere "hausgemachte Schocks". Die Bank of America erwartet sogar, dass das Wirtschaftswachstum bis Ende 2012 sogar wieder auf ein Prozent verkümmert - ausgerechnet zur US-Präsidentschaftswahl.
"Durchwursteln" ist im günstigsten Fall angesagt
Dabei hatten die letzten Anzeichen eher nach oben gedeutet. Die Hausverkäufe zogen wieder an. Die Industrie fand ihr Vertrauen wieder. Der Arbeitsmarkt schien sich zu erholen. Kenner aber warnen: Diese Lichtblicke bedeuteten nicht, dass die USA aus dem Ärgsten heraus seien - geschweige denn, dass ein stabiler Aufschwung begonnen habe.
Zwar teilen nicht alle den Pessimismus der Bank of America, der zweitgrößten Bank des Landes. Doch kaum einer glaubt, dass das Wachstum zumindest in der ersten Jahreshälfte über zwei Prozent hinauskommt. "Der günstigste Fall", schrieb Barclays Capital neulich in einem Bericht, "scheint zu sein, dass wir uns 'durchwursteln' und dass die USA ihre aktuelle Wachstumsrate beibehält."
Das wären schlechte Nachrichten auch für US-Präsident Barack Obama: Der würde das leidige Thema Wirtschaft im Kampf um seine Wiederwahl ja am liebsten ganz vermeiden. "Wir haben gesehen, dass es der Wirtschaft in den letzten Monaten besser ging", sagte Obama am Donnerstag im Weißen Haus. "Aber es gibt immer noch viele Quellen der Unsicherheit."
"Hinzu kommt, dass Washington, in heillosen Parteizank verstrickt, längst nicht mehr in der Lage ist, sich auf die Ankurbelung der Konjunktur zu konzentrieren. Das zeigt gerade auch der Streit um die zum Jahresende auslaufenden Steuererleichterungen: Nachdem der Senat - mit den Stimmen der Republikaner, wohlgemerkt - die Galgenfrist immerhin bis März verlängert hatte, widersetzten sich die Republikaner im Repräsentantenhaus tagelang und lenkten am Donnerstagabend erst in letzter Minute ein - und auch erst, nachdem Obama öffentlichen Druck auf sie ausgeübt hatte.
Für viele Bürger steht fest: Auf Washington ist kein Verlass
Das Hickhack im Kongress erstickt jedes Gefühl der Hoffnung, dass die Politik das Ruder herumreißen kann. Zumal nächstes Jahr eine ganze Reihe weiterer, seit der Rezession erlassener Hilfsmaßnahmen auslaufen werden.
Nach dem Sommer-Debakel um die Schuldengrenze und dem jetzigen Steuerflop steht für viele Amerikaner endgültig fest: Auf Washington können sie sich nicht mehr verlassen - zumindest nicht bis zur nächsten Präsidentschafts- und Kongresswahl.
Das ist ein schwerer Dämpfer für das Verbrauchervertrauen. Und so bleibt die Stimmung schlecht - obwohl viele US-Konzerne langsam wieder Gewinne machen. Auch begreifen Wirtschaftswissenschaftler erst jetzt langsam, dass der Kollaps des Immobilienmarkts 2007 psychologisch viel tiefere Wunden hinterlassen hat als gedacht. Das Fundament des "American Dream" - die Chance aufs eigene Heim - bleibt zerstört.
Schlimmer noch: Fast jeder zweite Amerikaner, so die neuesten Daten des Census Bureau, der US-Volkszählungsbehörde, lebt inzwischen in Armut oder schlägt sich als Geringverdiener durch. Die Rezession hat die Mittelklasse, das Rückgrat der Wirtschaft, langfristig ausgehöhlt. Die Einkommen sanken seit Ende der Krise sogar um mehr als doppelt so viel (6,7 Prozent) als während der Krise (3,2 Prozent).
Viele US-Langzeitarbeitslose nehmen herbe Gehaltseinbußen in Kauf, nur um wieder einen Job zu finden. Einer Studie der Princeton University zufolge verdienen Amerikaner, die während der Rezession arbeitslos wurden, heute rund 17,5 Prozent weniger als vorher.
Selbst die Notenbank, die zaghaft optimistisch ist und keine neue Rezession erwartet, rechnet mit einer sehr hohen Arbeitslosenquote: Die werde auch nächstes Jahr kaum unter ihren aktuellen Stand von 8,6 Prozent sinken.
"Guck mal, Johnny, du wirst nicht alles kriegen"
Um die Verluste der vergangenen Rezession wieder wettzumachen und mit dem Wachstum der arbeitenden Bevölkerung mitzuhalten, müssten die USA im Monat 275.000 neue Arbeitsplätze schaffen - über die nächsten fünf Jahre hinweg. Selbst unter den besten Bedingungen waren es zuletzt im Schnitt gerade mal 143.000, und viele davon waren Billigjobs.
Sicher: Die Amerikaner shoppen wieder kräftig. Fürs diesjährige Weihnachtsgeschäft - lebensnotwendig nicht nur für Lebensmittelketten wie Wal-Mart - rechnet der US-Einzelhandelsverband NRF mit Umsätzen von mehr als 469 Milliarden Dollar, 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem bleiben die Leute vorsichtig: "Viele Verbraucher halten sich auch weiter an ihre Budgets und kaufen nur, was sie brauchen", sagte NRF-Chefökonom Jack Kleinhenz. Viele zapften für die Weihnachtseinkäufe außerdem ihre Ersparnisse an. Ökonomen glauben nicht, dass sich das lange halten kann.
Andere Faktoren liegen jenseits der Macht der Amerikaner. So ist die Euro-Krise längst nicht ausgestanden. Sollte es dort erneute Turbulenzen geben, werden auch die USA kaum ungeschoren davonkommen. Schon jetzt leiden die US-Exporte unter dem schwächelnden Euro, der wiederum den Dollar hochtreibt.
Da stellt sich selbst der Weihnachtsmann auf härtere Zeiten ein. Zumindest an der Charles W. Howard Santa Claus School in Michigan, der "ältesten Weihnachtsmannschule der Welt". Sie trainierte in diesem Jahr 115 Hobby-Weihnachtsmänner für den Einsatz in Kaufhäusern, Shopping-Malls und Christkindlmärkten. Ihr aktuelles Motto: gedämpfte Erwartungen. "Wenn Kinder sich jetzt alles mögliche wünschen", sagte Absolvent Rick Parris der "New York Times", "dann sage ich einfach nur noch: Guck mal, Johnny, du wirst nicht alles kriegen".