Symptome der Krise Europas Krankenakte
Euro-Münze: Der nächste Abschwung scheint unausweichlich
Foto: TONY GENTILE/ REUTERSHamburg - Kurz vor dem Krisengipfel in Brüssel häufen sich die dramatischen Appelle: "Die ganze Welt blickt auf uns", sagt EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wenige Stunden vor dem Treffen, das einen Ausweg aus der Krise ebnen soll. Der Euro drohe zu explodieren, sagt Frankreichs Europa-Minister. In diesem Fall drohe ein "Teilkollaps der deutschen Exportindustrie", warnt BMW-Chef Norbert Reithofer.
Es geht Europa nicht gut, das ist klar. Nachdem zunächst nur der Bankensektor von der Krise betroffen war, haben die Probleme auf die öffentlichen Haushalte des Kontinents übergegriffen. Die hohen Schulden vieler Euro-Länder waren lange bekannt, wurden aber ebenso lange ignoriert oder schöngeredet. In einer Art Operation am offenen Herzen versuchen die Regierungen jetzt, die größten Beschwerden der Währungsunion zu lindern und zugleich ihre Abwehrkräfte zu stärken.
Aber wie ernst steht es tatsächlich um Europa? Läge der Kontinent als Patient im Hospital, so würden seine wichtigsten Gesundheitsdaten auf einem Blatt zusammengetragen und ans Bett gehängt. Auch für Europa lässt sich ein solches Krankenblatt erstellen - aus Zinsraten, Auftragseingängen und Meinungsumfragen. Das Ergebnis zeigt - die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos:
Misstrauen überall - die Situation der Banken
Lehman II - dieses Schlagwort fasst die derzeit größte Sorge um das europäische Finanzsystem zusammen. Ähnlich wie nach der Pleite der US-Investmentbank im September 2008 könnten Banken wieder so vorsichtig werden, dass sie kaum noch Geld verleihen. Es käme zu einer Kreditklemme, die wiederum die Existenz zahlreicher Unternehmen gefährden würde.
Ein wichtiger Hinweis auf eine drohende Kreditklemme ist die Summe des Geldes, das Banken über Nacht bei der Europäischen Zentralbank deponieren. Da es hierfür kaum Zinsen gibt, sprechen die Einlagen für ein hohes Sicherheitsbedürfnis - und wachsendes Misstrauen der Institute untereinander. Ende November überstieg die Höhe der Einlagen 300 Milliarden Euro - selbst in den Monaten nach der Lehman-Pleite war diese Marke nur selten überschritten worden.
Misstrauen herrscht nicht nur bei den Banken. In südeuropäischen Ländern fürchten offenbar immer mehr Anleger um ihr Erspartes. Besonders deutlich zeigt sich das in Griechenland: Dort haben die Bürger seit Anfang 2010 mehr als ein Viertel ihrer Einlagen von der Bank abgezogen. Doch auch in anderen Ländern leiden die Institute laut einer Studie der US-Bank Citigroup unter Kapitalflucht. Demnach sanken etwa die Einlagen bei der italienischen Intesa im vergangenen Quartal um 16 Prozent, die spanische BBVA verlor elf Prozent und die französische Société Générale sieben Prozent.
Die Zahlen sind erste Anzeichen einer Kapitalflucht: Anleger fürchten ein Scheitern des Euro in der Heimat und schaffen ihr Geld ins Ausland. Für diese Tendenz sprich auch, dass nordeuropäische Banken laut Citigroup Kapital hinzugewinnen konnten. So stiegen die Einlagen bei den schwedischen Banken SHB und Swedbank im selben Zeitraum um 18 und 10 Prozent.
Diagnose: Ein beunruhigendes Symptom, da es stark an den letzten Zusammenbruch des Patienten erinnert.
Das Desaster - die Staatsschulden
Wenn es auf Europas Krankenblatt so etwas wie eine Fieberkurve gibt, dann sind es die Zinsen europäischer Staatsanleihen: Sie zeigen an, was es die einzelnen Länder kostet, sich am Markt neues Geld zu leihen. Je höher Investoren das Risiko eines Zahlungsausfalls einschätzen, umso höhere Zinssätze werden sie verlangen.
Als "Goldstandard" gelten bislang deutsche Bundesanleihen. Für zehnjährige Papiere werden derzeit im Durchschnitt gut zwei Prozent gezahlt - also nicht einmal genug, um die derzeitige Inflation auszugleichen. Die Zinssätze anderer Länder sind dagegen in teilweise dramatische Höhen gestiegen. Müsste sich das bereits vom Rettungsfonds gestützte Griechenland derzeit am freien Markt finanzieren, würde es rund 32 Prozent zahlen. Auch Länder wie Spanien (fünf Prozent) und Italien (sechs Prozent) nähern sich langsam jenen Zinssätzen an, bei denen andere Euro-Länder um Finanzhilfen bitten mussten.
Um die Zinssätze zu drücken, kauft die Europäische Zentralbank (EZB) seit Frühjahr 2010 die Staatsanleihen von Krisenländern auf - für mittlerweile gut 200 Milliarden Euro. Die Käufe sind umstritten, weil sich die EZB laut Satzung alleine auf die Gewährleistung der Währungsstabilität beschränken soll (mehr dazu unten beim Punkt "Währung").
Kritiker bezweifeln aber, dass die gestiegenen Zinssätze überhaupt das Symptom einer Krise sind. Schließlich zahlten Italien, Spanien und Portugal Mitte der neunziger Jahre noch Zinssätze von rund zwölf Prozent, bei Griechenland waren es zeitweise mehr als 20 Prozent. Erst mit dem nahenden Beitritt zur Euro-Zone sanken die Zinssätze, der Anreiz, sich zu verschulden, stieg. In gewisser Weise bedeuten die jetzt erreichten Höhen also eine Normalisierung - und einen Ansporn, zu sparen.
Diagnose: Die Fieberkurve steigt, doch der Patient hat schon Schlimmeres überstanden. Und die Hitze könnte sogar heilsam sein.
Düstere Vorzeichen - die Wirtschaft
Noch beschränkt sich die Krisenstimmung in Europa auf Politik und Finanzmärkte. Doch die Anzeichen häufen sich, dass bald auch die Realwirtschaft erneut auf Talfahrt geht. In Krisenländern wie Griechenland oder Portugal schrumpft die Wirtschaftsleistung schon länger. Doch auch die Euro-Zone insgesamt wuchs im dritten Quartal 2011 nur noch um 0,2 Prozent. Die Industrieländer-Organisation OECD warnte bereits vor einer Rezession.
Nicht nur die Prognosen von Ökonomen deuten auf einen baldigen Abschwung hin. Ein wichtiger Hinweis auf die Entwicklung der Wirtschaft sind die Auftragseingänge der Unternehmen. Diese schrumpften im September in der Euro-Zone gegenüber dem Vormonat um 6,4 Prozent. Das ist der stärkste Rückgang seit Ende 2008, als die Welt noch tief in der Finanzkrise steckte.
Auch andere Indikatoren sind wenig ermutigend: So sinkt bereits seit Anfang 2011 der Economic Sentiment Index der Europäischen Union, der die Stimmung in der Industrie, bei Dienstleistern, im Handel, der Baubranche und bei Verbrauchern abbildet. Der Markit-Index, für den Einkaufsmanager in der Euro-Zone befragt werden, verbesserte sich zwar im November leicht. Schon seit September liegt er aber unter der Marke von 50 Punkten, die Wachstum signalisiert.
Diagnose: Erkrankung noch in frühem Stadium, weitere Verschlechterung ist zu befürchten.
Ein gemischtes Bild - die öffentliche Meinung
Angesicht der immer eiliger geschmiedeten Gipfelbeschlüsse und Rettungspakete erscheint die demokratische Beteiligung der europäischen Bevölkerung zunehmend gefährdet. Vereinzelt gaben in den vergangenen Monaten jedoch Wahlergebnisse Aufschluss darüber, ob die Bürger noch hinter Europa stehen.
Das Bild dabei ist gemischt: In den Niederlanden wird die Regierung schon jetzt von der europafeindlichen PVV von Geert Wilders toleriert. In Finnland wurden die europakritischen "Wahren Finnen" im April drittstärkste Kraft. Und vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich im kommenden Jahr lag Marine Le Pen mit Forderungen nach einem Austritt aus dem Euro knapp vor Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.
Von einer europaweiten Vertrauenskrise war zumindest im Frühjahr 2011 noch wenig zu spüren. Damals befragte die EU Bürger in der Union, wem sie am ehesten einen effizienten Kampf gegen die Krise zutrauen. Mit 22 Prozent lag die EU knapp vor der eigenen Regierung (20 Prozent) und deutlich vor anderen Akteuren wie dem Internationalen Währungsfonds (15 Prozent) oder den USA (sieben Prozent). Interessant ist, dass das Vertrauen in die EU innerhalb der Euro-Zone sogar um drei Prozentpunkte höher lag als außerhalb.
Auch mit Blick auf die Zukunft war das Vertrauen in die EU bei der Krisenlösung höher (44 Prozent) als in nationale Regierungen (38 Prozent). Dass sich die Meinung aber schnell ändern kann, zeigt das besonders von der Krise getroffene Griechenland: Dort fanden drei Viertel der Befragten, die EU sei nicht effizient gegen die Krise vorgegangen. Das Abschneiden der eigenen Regierung bewerteten sogar 90 Prozent negativ.
Die Meinungen über den Euro sind geteilt: Mehr als jeder zweite Befragte war der Meinung, dieser habe die Folgen der Krise nicht gemildert, auch hier war die Meinung innerhalb der Währungsunion aber positiver. Und während sich in Deutschland inzwischen jeder Zweite die D-Mark zurückwünscht, halten die Griechen trotz allem zu 78 Prozent am Euro fest.
Diagnose: Der Patient ist psychologisch erstaunlich stabil, die Stimmung könnte aber kippen.
Die nächste Krise - der Arbeitsmarkt
Auf den ersten Blick hat sich am Arbeitsmarkt der Euro-Länder in den vergangenen Monaten wenig verändert. Im Oktober 2010 lag die Arbeitslosenquote des Währungsraums laut EU-Definition bei 10,3 Prozent, ein Jahr zuvor waren es 9,6 Prozent. In Deutschland sank die Arbeitslosigkeit trotz aller Krisensorgen nach derselben Berechnungsweise sogar auf zuletzt 5,5 Prozent.
Doch Deutschland ist mit seiner starken wirtschaftlichen Erholung und arbeitsmarktpolitischen Instrumenten wie der Kurzarbeit ein Sonderfall. Zudem zeigen sich wirtschaftliche Entwicklungen am Arbeitsmarkt mit Verzögerung. In manchen südeuropäischen Ländern ist die Erwerbslosigkeit im vergangenen Jahr denn auch schon deutlich angestiegen: In Spanien wuchs sie zwischen August 2010 und 2011 von 20,5 auf 22,8 Prozent, in Zypern von 6,0 auf 8,2 Prozent. Besonders extrem ist die Entwicklung in Griechenland, wo ein Sparpaket nach dem anderen verabschiedet wurde: Dort stieg die Zahl der Jobsuchenden von 12,9 auf 18,3 Prozent.
Noch dramatischer entwickelte sich die Jugendarbeitslosigkeit. Mit 21,4 Prozent liegt sie im Euro-Raum ohnehin schon doppelt so hoch wie bei den Arbeitnehmern insgesamt. In Griechenland sind sogar 45,1 Prozent und in Spanien 48,9 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Arbeit - ein fatales Zeichen für einen Kontinent, der eigentlich dringend auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen wäre.
Diagnose: Die Erkrankung ist noch im frühen Stadium, weitere Verschlechterung aber zu befürchten.
Besser als gedacht - die Währung
Auch wenn die derzeitigen Probleme oft als "Euro-Krise" zusammengefasst werden: Seit 2008 gab es zwar eine Krise von Banken, Unternehmen und schließlich Staatshaushalten in der Euro-Zone. Die Gemeinschaftswährung selbst aber ist beachtlich stabil. Zwar hat der Euro in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Dollar etwas nachgegeben. Doch sein Wert von derzeit rund 1,34 Dollar liegt weit jenseits seines Allzeittiefs von knapp 0,86 Dollar, das er im Jahr 2002 erreichte.
Allerdings wächst die Sorge, dass die Kaufkraft innerhalb der Euro-Zone nachlassen könnte. Denn die Europäische Zentralbank kauft in großem Stil die Staatsanleihen kriselnder Euro-Staaten auf. Sie pumpt also viel Geld in die Währungsunion, wodurch die Inflation zu steigen droht. Die EZB versucht das zu verhindern, indem sie Banken Einlagengeschäfte anbietet. Die Institute werden also animiert, Geld bei der EZB zu parken, wodurch die Geldmenge wieder sinkt.
Trotz dieser Schritte liegt die Teuerung im Euro-Raum seit mehreren Monaten bei drei Prozent. Das ist nicht unbedenklich, weil die EZB eigentlich eine Inflation von knapp zwei Prozent anstrebt. Doch der Anstieg begann nicht erst mit den Anleihekäufen und ist historisch gesehen auch nicht der höchste. Mitte 2008 lag die Inflation kurzzeitig sogar bei vier Prozent, bevor sie auf zeitweise nur noch 0,6 Prozent fiel. Der Trend ist also keineswegs unumkehrbar, zumal der Leitzins der EZB derzeit mit 1,0 Prozent sehr niedrig liegt. Außerdem dürfte der Inflationsdruck nachlassen, wenn das Wirtschaftswachstum wie erwartet im kommenden Jahr zurückgeht.
Diagnose: Vorerst unter Kontrolle, sollte aber unter Beobachtung bleiben.