"System Error": Florian Opitz kritisiert den Wachstumsglauben - DER SPIEGEL
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Szenen aus "System Error": Wachse, wachse nur ein Weilchen

Foto: Port au Prince Pictures

Antikapitalismus-Film "System Error" Besuch bei den Wachstumsjüngern

Vom argentinischen Sojabauern bis zum Trump-Berater: Manager und Politiker setzen auf ewiges Wirtschaftswachstum. Der Dokumentarfilm "System Error" erforscht ihren Glauben, ganz erklären kann er ihn nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein wahrer Wachstumsgläubiger sieht überall Chancen. Fracking? Beschert uns unverhoffte Ölreserven! Asteroiden? Auf die Erde holen, da steckt Platin drin! Der Tod? Wir schaffen einfach das Altern ab! Man müsse bloß "den akademischen Blick auf dieses Zeug" aufgeben, empfiehlt Anthony Scaramucci.

Der aufgekratzte Monolog des Hedgefonds-Gründers, kurzzeitigen Trump-Mitarbeiters und selbst erklärten "Kapitalkünstlers" Scaramucci gehört zu den stärksten Momenten von "System Error". In seinem neuen Kinofilm, der ab Donnerstag läuft, widmet sich Regisseur Florian Opitz einer der großen Debatten der Gegenwart, der Wachstumskritik.

Dabei wird deutlich: Für Menschen wie Scaramucci hat der Glaube an ewig währendes Wirtschaftswachstum quasi religiösen Charakter. So überzeugt sind sie von seinem Sinn, dass Kritik an Nebenwirkungen wie dem Klimawandel sie kaum erreichen kann. Kein Wachstum mehr? "Das ist einfach nur falsch", empört sich Scaramucci.

Bekenntnisse dieser Art sind in "System Error" häufig zu hören. Der argentinische Sojaproduzent Argino Bedin betreibt nach eigener Ansicht ein Geschäft "zum Wohle der Menschheit". Der US-Börsenmoderator Bob Pisani sagt über den Kapitalismus: "Ich bin diesem System verpflichtet." Der ehemalige Allianz-Chefinvestor Andreas Gruber erklärt, er wolle sich "eine Welt ohne Wachstum nicht vorstellen".

"Mächtigste Zahl der Geschichte"

Dabei ist zumindest die heutige Vorstellung von Wachstum vergleichsweise neu. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bruttoinlandsprodukt zur "mächtigsten Kennzahl der Geschichte", wie Opitz es im Film ausdrückt. Entwickelt wurde der Indikator in den USA, die mit einer langen Boomphase auch gleich den passenden Gründungsmythos lieferten. Gespiegelt wurde der im deutschen Wirtschaftswunder, durch das Wachstum auch für viele Bundesbürger etwas zutiefst Positives wurde.

Was in den folgenden Jahrzehnten geschah, ist strittig. Aus Sicht von Wachstumsbefürwortern wurde das Leben im Westen aufgrund zahlreicher Innovationen immer besser, während zugleich Schwellenländer wie China und Indien durch Wachstum Millionen aus der Armut holten. Aus Sicht der Kritiker hingegen zerstört der Kapitalismus erst die Umwelt und irgendwann auch die Menschheit. Das ist der Systemfehler, den Opitz mit seinem Titel anprangert.

System Error

Originaltitel: System Error

Deutschland 2018

Regie und Drehbuch: Florian Opitz

Produktion: Port au Prince Kultur und Produktion

Verleih: Port au Prince Pictures

Länge: 96 Minuten

FSK: Ohne Altersbeschränkung

Start: 10. Mai 2018

Seine These untermauert der Regisseur vor allem durch Aussagen seiner Gesprächspartner aus der Wirtschaftswelt, auf dramatische Bilder verzichtet er. Dennoch bleiben ein paar starke Eindrücke: Etwa Monokulturen, für die im aufstrebenden Schwellenland Brasilien pro Minute 35 Fußballfelder Regenwald verschwinden. Oder der chinesische Airbus-Chef Eric Weng im Auto. "Stellen Sie sich vor, jeder könnte es sich leisten zu fliegen", schwärmt er. Um dann einzuräumen, dass schon die wachsende Zahl von Staus in seiner Heimat natürlich ein "echter Kopfschmerz" sei.

Opitz zeigt auch, dass der Wunsch nach immer neuem Wachstum zu zweifelhaften Geschäftsideen führt. Dazu gehören hochkomplexe Finanzprodukte und ein Börsenhandel in Millisekunden, bei dem nur noch Maschinen entscheiden und mit dem Opitz sich bereits in seiner Dokumentation "Speed" beschäftigte. Diesmal befragte er unter anderem den Hochgeschwindigkeitshändler Haim Bodek, der über seinen Algorithmus spricht wie über ein fremdes Wesen: "Man kontrolliert es nicht, man beobachtet es." Bodek sagt auch, persönlich würde er lieber ins Casino gehen als in bestimmte Finanzprodukte zu investieren.

Bei solchen Szenen fällt auf, wie weit weg die nur zehn Jahre zurückliegende Finanzkrise schon wieder erscheint. "Wir haben die Lektion gelernt, aber dann wieder vergessen", sagt im Film der britische Ökonom Tim Jackson. Er war Teil einer Regierungskommission, die nach der Krise alternative Wohlstandsdefinitionen erarbeiten sollte. Ihr Einfluss blieb ähnlich gering wie der einer Enquetekommission im Bundestag.

Kanzlerin mit zwei Gesichtern

Wachstumskritik von Politikern sei oft nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, kritisiert Opitz bei einem Gespräch in seinem Kreuzberger Büro. "Man muss eine Kanzlerin festnageln, die auf dem Klimagipfel das eine sagt und beim Bundesverband der Deutschen Industrie das andere."

Doch woher kommt der Mangel an Konsequenz? Diese Frage beantwortet "System Error" nur teilweise.

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Natürlich gibt es Figuren wie Scaramucci mit einer fast sektenhaften Verehrung des Kapitalismus. Bei vielen Entscheidungsträgern aber dürfte die Lage komplexer sein: Sie sehen die Probleme mit dem Wachstum, ihnen fehlt aber ein konkrete Alternative. Das liegt, wie zum 200. Geburtstag gerade wieder fleißig diskutiert, auch an den gescheiterten Feldversuchen zu den Theorien von Karl Marx. Opitz hat mit oft erstaunlich aktuell wirkenden Marx-Zitaten seine Filmkapitel überschrieben.

Zu seinem nach wie vor für Milliarden Menschen verlockenden Wohlstandsversprechen kommt, dass der Kapitalismus durchaus anpassungsfähig ist. Ex-Allianz-Chefinvestor Gruber verwundert im Film mit der Behauptung, Wachstum und Ökologie stünden entgegen früherer Annahmen nicht im Widerspruch zueinander. Sein Konzern hat dennoch gerade den Ausstieg aus der Kohlefinanzierung bekannt gegeben - auf Druck von Investoren.

Opitz überzeugen solche kleineren Korrekturen nicht, am Ende des Films prophezeit er ein nahes Ende des Kapitalismus. Und dann? "Ich habe kein neues Narrativ in der Schublade, keine Lösung", sagt er. "Ich bin ja nur ein kleiner Filmemacher. Aber ich möchte zeigen, auf welch wackligen Füßen das Wachstumsnarrativ steht."

Gesucht hat der Regisseur die Alternativen durchaus. Zu Beginn des Filmprojekts beschäftigte er sich mit alternativen Wirtschaftsmodellen wie dem sogenannten Regiogeld. "Ich finde diese Projekte ganz toll und bin zum Teil selbst daran beteiligt", sagt Opitz. "Aber ich glaube nicht, dass sie die Lösung für unsere Probleme sind." Mit dieser Einsicht wandte er sich ganz den Wachstumsfans zu, die er im Umgang alle "sehr sympathisch" fand.

Vielleicht ist ja auch das ein Problem mit dem Kapitalismus: Er bietet immer noch die bessere Story.