Treffen in Pittsburgh: "Das System ist krank" - DER SPIEGEL
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Treffen in Pittsburgh "Das System ist krank"

Die Debatte über Banker-Boni könnte das G-20-Treffen in Pittsburgh überlagern. Ein falsches Signal, kritisiert Jakob von Weizsäcker im Interview mit SPIEGEL ONLINE: Viel wichtiger sind dem Finanzexperten zufolge neue Eigenkapitalregeln für die Banken - und mehr Überwachung.
G-20-Vorbereitung in Pittsburgh: Den Übeltätern an der Wall Street geht es bestens
G-20-Vorbereitung in Pittsburgh: Den Übeltätern an der Wall Street geht es bestens

G-20-Vorbereitung in Pittsburgh: Den Übeltätern an der Wall Street geht es bestens

Foto: Matt Rourke/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Ein Jahr nach der Krise geht es den Übeltätern an der Wall Street bestens. Erst rettete sie der Steuerzahler, jetzt sprudeln die Bonuszahlungen wieder.

Weizsäcker: Es ist empörend, wie die Finanzbranche in guten Jahren Milliardengewinne eingestrichen hat und in der Krise die Milliardenverluste auf den Steuerzahler abwälzt. Das System ist krank und muss reformiert werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Gehaltsgrenzen für Banker das zentrale Thema des G-20-Treffens werden sollten, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vorschlagen. Es ist verlockend, weil die Wähler diese Frage am ehesten verstehen. Aber sie ist nicht so wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn am wichtigsten?

Weizsäcker: Das Eigenkapital von Banken weltweit. Wenn die Institute hier einen höheren Puffer aufbauen müssen, werden die Aktionäre stärker in die Haftung genommen, sobald etwas schiefläuft. Das hat automatisch zur Folge, dass sie ihren Managern Boni eher für Vorsicht als für volles Risiko zahlen. Auch müssen die G-20-Staaten dafür sorgen, dass die Überwachung internationaler Großbanken international oder zumindest europaweit erfolgt. Sonst gilt in der nächsten Krise wieder: Bei Gewinnen sind Banken international - und bei Verlusten muss der nationale Steuerzahler geradestehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird es dazu in Pittsburgh eine Einigung geben?

Weizsäcker: Viele technische Fragen werden ja vor allem vor dem Gipfel verhandelt. Die Vorzeichen sind positiv, dass es zu diesen Fragen eine Einigung geben wird. Vielleicht ist auch eher die Botschaft von Pittsburgh wichtig: Zu zeigen, dass man die Bedeutung dieser Fragen verstanden hat und nicht einfach wieder nach der Krise zur Tagesordnung übergehen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Über die "exit strategy" wird erst gar nicht verhandelt - also die Frage, wann die Notenbanken und Staaten ihre Milliarden-Hilfspakete auslaufen lassen sollen.

Weizsäcker: Nein, aber diese Diskussion läuft trotzdem. Eigentlich ist es nicht so kompliziert. 2010 sollten die Regierungen ihre Konjunkturpakete noch weiter laufen lassen und den Banken, die das noch brauchen, frisches Kapital zur Verfügung stellen. Das wird noch einmal teuer, aber es ist notwendig. Dann müssen die Regierungen ein Jahr später mit dem Abbau ihrer Haushaltsdefizite anfangen - nicht abrupt, sonst wäre die Konjunktur gefährdet, aber dennoch zügig. Politisch ist das eine enorme Herausforderung, auch für Deutschland. Denn eine solche Politik bedeutet massive Ausgabenkürzungen und wohl auch Steuererhöhungen. Wenn aber dieser Sparkurs klappt, muss man sich über Inflation kaum Sorgen machen, und die Notenbanken können die Zinsen noch recht lange niedrig halten und so die Wirtschaft stützen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn nicht?

Weizsäcker: Dann wird es hässlich. Und es kommt zu Konflikten zwischen Zentralbanken und Regierungen, ob zuerst die Niedrigzinspolitik beendet werden muss - oder ob zunächst die Milliarden-Staatsdefizite heruntergefahren werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Amerikaner und Briten wollen das weltweite Wirtschaftswachstum stärken, indem sie Überschussländer wie Deutschland oder China, die mehr exportieren als importieren, zu stärkerem Konsum daheim zwingen. Muss Deutschland um seine Stellung als gigantische Exportnation fürchten?

Weizsäcker: Wir sollten uns hier nicht den Schwarzen Peter zuschieben lassen. Die Ursachen für unseren Handelsüberschuss sind mit dem in China gar nicht vergleichbar. Dort ist er schließlich staatlich verordnet. Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, über das deutsche Wirtschaftsmodell nachzudenken, das so stark auf den Export vertraut. So eine Strategie ist wirklich zwiespältig. Zwar ist Welthandel gerade deshalb gut, weil sich Länder spezialisieren können - denken Sie an die deutsche Automobilbranche, eine tolle Erfolgsgeschichte. Doch macht solcher Erfolg ein Land oft vom Wohl und Wehe einer Branche abhängig. Wenn es mal nicht so gut läuft, wollen die mächtigen Exportbranchen vom Rest der Wirtschaft subventioniert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wird es die recht neue Institution G20 weiter geben, wenn die Ergebnisse von Pittsburgh mager ausfallen, wie viele Experten befürchten?

Weizsäcker: Das G-20-Format wird sich mangels Alternativen etablieren. Aber wenn wichtige Fragen im großen Kreis nicht gelöst werden können, dürfte G2 - also der bilaterale Austausch zwischen China und den USA - das Forum für globale Fragen werden. Da wäre Europa nicht mehr dabei.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington