Türkei: Die Lira stürzt von einem Rekordtief zum nächsten - DER SPIEGEL
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Türkische Unternehmer "Die Stimmung wendet sich immer mehr gegen Erdogan"

Es ging immer nur nach oben für die türkische Wirtschaft, jahrelang. Jetzt gefährdet der andauernde politische Machtkampf den Erfolg. Die Lira stürzt von einem Rekordtief zum nächsten. Selbst Unternehmer stellen sich nun gegen Regierungschef Erdogan.
Erdogan (M.), Lira-Symbol: Der Anker hält nicht mehr
Erdogan (M.), Lira-Symbol: Der Anker hält nicht mehr

Erdogan (M.), Lira-Symbol: Der Anker hält nicht mehr

Foto: ? Umit Bektas / Reuters/ REUTERS
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Als die türkische Zentralbank vor zwei Jahren das neue Währungszeichen für die Lira vorstellte, waren die Türken begeistert: ein Symbol, das wie ein Anker aussieht und Stabilität darstellen soll. Dazu zwei nach oben geneigte Striche, die die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung andeuten sollen: nach oben. T und L zu einem Zeichen verschmolzen, für türkische Lira. Eine junge Geologin hatte den Entwurf bei einem Wettbewerb eingereicht.

Die zwei Aussagen, die dieses Symbol beinhaltet, stimmen jedoch mittlerweile nicht mehr: Die türkische Lira ist nicht mehr stabil und die wirtschaftliche Entwicklung keineswegs so steil nach oben gerichtet, wie es die Türken seit Jahren gewohnt sind. Die Währung, die Premierminister Recep Tayyip Erdogan als "eine der stabilsten der Welt" und als "sicheren Hafen" bezeichnete, hat in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber dem Euro rund 20 Prozent an Wert verloren.

Grund für den erneuten Absturz diese Woche ist die Weigerung der Zentralbank, den Leitzins zum Schutz der Währung zu erhöhen. Beobachter berichten, Notenbankchef Erdem Basci habe sich Forderungen widersetzt, den Zins zu erhöhen. Dagegen hatte die Regierung angeblich Druck ausgeübt, den Zins bei 4,5 Prozent zu belassen. Analysten lobten die Entscheidung trotz der Gefahr einer wachsenden Inflation, weil eine Zinserhöhung in der jetzigen turbulenten politischen Situation verpuffen würde.

Auch die Wirtschaft insgesamt hat an Dynamik verloren. In den vergangenen Jahren fiel das Wachstum im Schnitt beinahe zweistellig aus, derzeit liegt es bei etwa fünf Prozent.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Als die US-Notenbank im vergangenen Mai ankündigte, ihre Politik des lockeren Geldes zu zügeln, zogen Investoren Kapital aus Schwellenländern ab. Es wurde deutlich, wie sehr die Türkei von ausländischen Financiers abhängig ist und dass die vor allem an kurzfristigen Investments und schnellen Gewinnen interessiert sind, nicht an langfristigem Engagement in der Türkei. Die Gezi-Proteste, die Korruptionsaffäre und die autoritäre Art, mit der die Regierung in Ankara auf all diese Vorgänge reagiert, verschärfen die Probleme.

Die Gülen-Bewegung kontrolliert die Wirtschaft

Erdogan scheint diese Entwicklung nicht wahrhaben zu wollen. In seiner zehnjährigen Regierungszeit wuchs die Wirtschaft enorm, seine Politik bescherte Millionen Türken wachsenden Wohlstand. Strukturelle Probleme wie das Handelsbilanzdefizit, das sich von 2004 bis 2012 auf 84 Milliarden Dollar mehr als verfünffachte, ging Erdogan nicht an.

Anstatt jetzt die Fehler zu sehen, wirft er der "internationalen Zinslobby" vor, die Proteste angefacht und finanziert zu haben. Fahnder durchsuchten daraufhin mehrere ausländische Banken und suchten nach Beweisen für Erdogans Theorie - und verprellten damit ausgerechnet diejenigen, die das türkische Wachstum mitfinanziert haben.

Immer mehr Unternehmer sehen in Erdogan persönlich den Schuldigen für die missliche Lage. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass weite Teile der türkischen Wirtschaft von der Gülen-Bewegung beeinflusst werden, einem undurchsichtigen Netzwerk des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der im selbstauferlegten Exil in den USA lebt.

Gülen war einst ein Verbündeter Erdogans und Unterstützer der regierenden AKP. Die Regierungskrise ist in weiten Teilen auf einen Machtkampf zwischen diesen beiden Männern zurückzuführen. Viele Unternehmer ergreifen dabei immer offener Partei für Gülen, weil der bei aller Frömmigkeit für eine Trennung von Religion und Staat eintritt. Und weil die Kontakte über das Gülen-Netzwerk hilfreich sind fürs Geschäft.

Die Stimmung wendet sich von Tag zu Tag mehr gegen Erdogan

Umgekehrt geht Erdogan mit aller Härte gegen Gülen-nahe Firmen vor. Besonders abgesehen hat Erdogan es auf die mächtige Koc-Gruppe, den größten türkischen Konzern mit weltweit 85.000 Mitarbeitern. Ihr gehören unter anderem Auto-, Bau- und Energieunternehmen, Werften, ein Elektrogerätehersteller, eine Lebensmittelkette und eine Bank.

Erdogan war offensichtlich verärgert, als Demonstranten in dem zu Koc gehörenden Divan-Hotel in Istanbul Unterschlupf fanden, während die Polizei mit Tränengas gegen sie vorging. Erdogan warf Koc daraufhin vor, "mit dem Terror zu kooperieren". Kurz darauf, im Juli, wurden landesweit 77 Büros von Koc-Firmen durchsucht. Innerhalb von nur drei Tagen verlor die Holding mehr als eine Milliarde Euro an Börsenwert. Vergangene Woche wurde eine Koc-Tochter, das Ölunternehmen Tüpras, zu einer Geldstrafe in Höhe von umgerechnet 133 Millionen Euro wegen Wettbewerbsverstößen verdonnert.

"Man kann nicht beziffern, wie viele Unternehmer inzwischen verärgert sind über Erdogans Verhalten", sagt ein Industrieller, der aus Sorge vor Ärger mit der Regierung seinen Namen nicht genannt wissen will. "Aber ganz klar ist, dass die Stimmung sich von Tag zu Tag mehr gegen Erdogan wendet." Aus Sicht der Wirtschaft gebe es nur zwei Lösungen: "Entweder tritt Erdogan sehr bald ab, oder wir alle gehen etwas später zusammen mit ihm unter."

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