Umstrittene Sonderregel: Minijobs - ja bitte! - DER SPIEGEL
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Umstrittene Sonderregel Minijobs - ja bitte!

Die Minijobs boomen, gut 7,3 Millionen Menschen arbeiten für höchstens 400 Euro. Gewerkschafter sprechen von einer Armutsfalle, die Beschäftigten würden ausgebeutet. Doch ist das wirklich so? Die umstrittene Sonderregel hat durchaus ihre Berechtigung - und erfreut sich großer Beliebtheit.
Hotelloby: Minijobber in der Saison kaum zu ersetzen
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Foto: dapd
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Hamburg - Conny P. ist eine von 800.000. So viele Menschen jobben mittlerweile in Hotels und Gaststätten auf 400-Euro-Basis. Die meisten, um sich mal etwas leisten zu können. So ist es auch bei Conny: Die 17-jährige Schülerin erzählt, sie brauche das Geld für ihren Führerschein. Deshalb jobbt sie seit den Osterferien in einem Restaurant im fränkischen Spalt. Sie hilft beim Kellnern aus, beim Putzen und in der Küche. Der Verdienst liegt bei acht bis zehn Euro, die Arbeitszeiten sind flexibel.

Für die Schülerin ist es der erste Job und sie macht einen zufriedenen Eindruck: "Ich kann arbeiten, wann ich möchte und das Trinkgeld ist auch super", erzählt die Bayerin. Ausbeutung Minijob? Falle im Niedriglohnsektor? Gewerkschafter beklagen das immer wieder, doch mit Connys Realität hat das wenig zu tun. Sie ist froh, dass es die Minijobs gibt.

Menschen wie Conny gibt es viele: Schüler, Studenten, Hausfrauen, Rentner. Mehr als sieben Millionen Deutsche bessern ihr Haushaltseinkommen mit den sogenannten Minijobs auf. Bei einem Gehalt bis zu 400 Euro müssen sie keine Steuern und Sozialabgaben zahlen, der Arbeitgeber zahlt maximal 30,74 Prozent - für Renten- und Krankenversicherung, Pauschalsteuer und weitere Umlagen - , also bis zu 120 Euro zusätzlich.

Netto gleich Brutto: Der Minijob ist gefragt wie nie. Jedes vierte Beschäftigungsverhältnis in Deutschland ist mittlerweile ein geringfügiges, knapp fünf Millionen Menschen haben nur einen Minijob. Doch der Ruf der Sonderregel ist schlecht: In seltener Einigkeit kritisieren Gewerkschafter und Arbeitgeberverbände den Boom. Die Minijobs seien ein Irrweg, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Sie würden missbraucht, um Schwarzarbeit zu verschleiern. Die Lobbyisten der Unternehmer rügen falsche Anreize für Hartz-IV-Empfänger: Für diese sei es attraktiver, mit einem Minijob etwas dazu zu verdienen, als eine Vollzeitstelle anzunehmen.

Die geballte Kritik lässt beinahe den Schluss zu, die Regierung müsse die Förderung der 400-Euro-Jobs wieder einschränken. Denn schließlich bezahlen die regulär Beschäftigten die Sonderregel mit ihren Beiträgen. Das liegt daran, dass Minijobber durchaus Ansprüche in der Rentenversicherung erwerben, ohne selbst Beiträge zu zahlen. Diese Ansprüche sind zwar geringer als im Normalfall, aber immerhin. Und versteuern müssen die 400-Euro-Jobber ihre Verdienste eben auch nicht.

Aber sind die Minijobs nun wirklich ein Reinfall? Das wohl kaum. Ein Blick in die Realität des deutschen Arbeitsmarkts zeigt, warum sie durchaus ihre Berechtigung haben - und wie sie zum kräftigen deutschen Aufschwung beitragen.

Zunächst mal hat sich eine düstere Prophezeiung von Gewerkschaftern nicht bestätigt: Die Minijobs verdrängen nicht unbedingt sozialversicherungspflichtige Stellen. Beispiel Gaststättengewerbe: Dort ist die Zahl der Minijobs zwar von Sommer 2003 bis Sommer 2010 um rund 300.000 gestiegen. Doch auch die Zahl der regulären Stellen, also jener mit Steuer- und Abgabenpflicht, ist deutlich gestiegen - konkret um knapp 100.000.

Minijobber helfen in der Hochsaison

"Wir brauchen die Minijobber, um besondere Situationen zu bewältigen", sagt Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Damit gemeint sind etwa Saisonzeiten für Hoteliers und Wochenenden für Restaurants. Dann kommen häufig mehr Gäste, als die Betriebe mit ihrem normalen Personal bewältigen können.

Sollten die Vergünstigungen für 400-Euro-Jobber wegfallen, bekämen viele Unternehmen ein echtes Problem, warnt Dehoga-Geschäftsführerin Warden. "Es gibt Jobs, die sind nur für Minijobber attraktiv, da würde man schlicht niemanden für eine sozialversicherungspflichtige Stelle finden."

Ähnlich ist die Situation im Einzelhandel: Dank der Flexibilisierung der Öffnungszeiten kann man in vielen Städten mittlerweile bis 22 Uhr einkaufen. Doch für diesen Luxus muss es auch Menschen geben, die spätabends noch im Supermarkt an der Kasse stehen. Und dafür greifen die Unternehmen häufig auf Minijobber zurück, sagt Kai Falk, Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE).

Im Einzelhandel habe die Zahl der 400-Euro-Jobs zwar ebenfalls deutlich zugenommen: zuletzt 2010 um rund 10.000. Aber auch bei den sozialversicherungspflichtigen Stellen gab es laut Falk einen Anstieg - um rund 22.000 Stellen.

Geld fließt direkt in den Konsum

Und auch für die Volkswirtschaft sind Minijobs durchaus attraktiv: Die geringfügig Beschäftigten geben ihr Geld meist direkt für den Konsum aus. Sie brauchen das Geld zumeist nicht, um ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen - also für Miete, Essen und sonstige feste Ausgaben. Sondern oft ist das Geld tatsächlich ein Bonus - sei es für eine Urlaubsreise, eine Shoppingtour oder eben einen Führerschein wie in Connys Fall. Das Geld fließt also häufig in den Binnenkonsum, einen Bereich, in dem Deutschland längst nicht so gut dasteht wie beim Export.

Das Argument "Förderung der Schwarzarbeit", das Gewerkschafter gerne anführen, ist zudem nicht unbedingt eines. Denn als die rot-grüne Regierung im April 2003 wieder Minijobs zusätzlich zu Vollzeitstellen erlaubte, gab es auf einmal 120.000 zusätzliche Nebenbeschäftigte.

Dass diese Stellen wirklich alle neu geschaffen wurden, ist reichlich unwahrscheinlich. Stattdessen ist anzunehmen, dass sie zuvor in der Schattenwirtschaft angesiedelt waren - und den Sozialsystemen damit auch die Beiträge der Arbeitgeber verloren gingen. Mit anderen Worten: Minijobs fördern nicht die Schwarzarbeit, sie bekämpfen sie.