US-Präsident bei LinkedIn: Obamas Mutmachstunde - DER SPIEGEL
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US-Präsident bei LinkedIn Obamas Mutmachstunde

9,1 Prozent Arbeitslosigkeit, 14 Millionen Amerikaner ohne vernünftigen Job - die USA stecken in einer tiefen Wirtschaftskrise. Zu Gast beim Erfolgsunternehmen LinkedIn verbreitete Präsident Obama fast verzweifelten Optimismus. Spannend wurde es, als man ihm plötzlich Steuergeschenke anbot.
LinkedIn-Chef Weiner und US-Präsident Obama: Perfekte Inszenierung
LinkedIn-Chef Weiner und US-Präsident Obama: Perfekte Inszenierung

LinkedIn-Chef Weiner und US-Präsident Obama: Perfekte Inszenierung

Foto: Stephen Lam/ AFP
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Die Begrüßung war überschwänglich - und doppeldeutig. Ins Silicon Valley kämen die Menschen nicht nur, weil es ihr Job erforderlich mache, sagte Jeff Weiner, Vorstandsvorsitzender des Online-Netzwerks LinkedIn. Nein, sie kämen an diesen Ort, "weil sie die Welt verändern wollen". Kleiner geht's hier nicht.

Seit knapp drei Jahren leitet Weiner LinkedIn, ein börsennotiertes Internetunternehmen für Karrierekontakte. Am Montag dürfte seine eigene Karriere einen vorläufigen Höhepunkt erfahren haben. Bei einem so genannten Town-Hall-Meeting im Hahn Auditorium des Computer History Museum im kalifornischen Mountain View präsentierte Weiner einen Gast, der auch nicht weniger zu bewerkstelligen hat, als die Welt zu verändern - wenn nicht gar zu retten.

Weiner hatte sein wohl berühmtestes LinkedIn-Mitglied eingeladen. In der Jobbeschreibung von dessen Profil steht: "Ich diene zurzeit als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika." Gekommen war Barack Obama. Die Einladung an den US-Präsidenten sei gedacht "für Menschen aus dem ganzen Land, die sich offen mit den dringlichsten Themen der Nation auseinandersetzen wollen: der Schaffung von Jobs und ökonomischen Möglichkeiten", schrieb der Manager zuvor in seinem Blog.

Das Online-Netzwerk hatte sowohl Mitglieder als auch Mitarbeiter gebeten, Fragen zu formulieren. Es war ein fast intimes Zusammentreffen, so intim, dass der Secret Service regelrecht schwitzte und die rund 300 Zuhörer zuvor dringend ermahnte, nicht aufzustehen, sich nicht vom Platz zu entfernen und "zu ihrer eigenen Sicherheit" die zarte blaue Linie vor den Stuhlreihen auf keinen Fall zu überschreiten. Das kleine runde Podium mit einfachem Stehtisch und zwei Barhockern war nur wenige Schritte vom Publikum entfernt.

Nun also erweist Obama LinkedIn seine Reverenz. "Putting America Back to Work" war das Motto - und es war ein Heimspiel. "Jedes Mal, wenn ich hierher komme, bin ich zuversichtlich, was die Zukunft Amerikas anbelangt", sagte Obama. Keine andere Region repräsentiere die Tugenden des Landes besser als das Silicon Valley. Das Unternehmertum, der Fortschritt, der Optimismus und der Glaube, es mit Blut, Schweiß und Tränen zu etwas zu bringen, machten die wirtschaftliche Stärke Amerikas aus.

Doch gerade hier, wo Tech-Firmen wie Google, Apple oder Facebook inzwischen große Mühe haben, Fachleute zu finden und sich von Monat zu Monat bei Gehaltszahlungen gegenseitig hochschaukeln, über die Zukunft des amerikanischen Arbeitsmarkts zu sprechen, glich schon fast einer Farce.

9,1 Prozent Arbeitslosigkeit - eine wie in Stein gemeißelte Zahl

Besser hätte Obama das nur weniger Kilometer weiter getan. Schon im Nachbartal hätte Obama aus den Vollen schöpfen können. In Stockton zum Beispiel oder in Fresno im San Joaquin Valley, wo die Arbeitslosenquote an die 20 Prozent heranreicht. So aber wurden Diskussions-Teilnehmer wie Chuck Painter, Ester Abeja oder Robert Holley extra aus Austin, Chicago und Charlotte eingeflogen, um von ihrer Arbeitslosigkeit zu berichten. In den USA liegt die Quote bei konstant hohen 9,1 Prozent.

Es war diese eine Zahl, die während des gesamten Vormittags wie in Stein gemeißelt im Raum stand: 9,1 Prozent. 14 Millionen Amerikaner haben keinen vernünftigen Job, 25 Millionen sind es, wenn man die staatlich subventionierten Niedriglohn-Arbeitsplätze hinzuzählt. Da reichen die 3,2 Millionen offenen Stellen hinten und vorne nicht.

Obama war vor allem hier, um noch einmal für sein 447-Milliarden-Job-Programm zu werben. "Die amerikanischen Bürger können nicht bis zur nächsten Präsidentschaftswahl im November 2012 warten", sagte der Präsident. "Sie brauchen sofort Hilfe. Alle Vorschläge meines Job-Pakets helfen uns nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft, sie legen den Grundstein für einen dauerhaften Erfolg."

Bereits zum dritten Mal innerhalb eines halben Jahres zeigte sich Obama bei einer Veranstaltung einer Social-Media-Plattform, wie er sie bei seinem Präsidentschaftswahlkampf 2008 so virtuos eingesetzt hatte. Im April dieses Jahres stellte er sich den Fragen der Gäste bei Facebook in Palo Alto. Zwei Monate später nahm er an einer virtuellen Diskussion via Twitter teil.

35.800 Dollar für ein Dinner mit Obama

Der Vorwahlkampf für die zweite Amtszeit hat längst begonnen, das Geldeintreiben ebenso. Am Sonntagabend war Obama Gast im Haus des Facebook-Vorstandsmitglieds Sheryl Sandberg in Artherton, die eine Fundraising-Party schmiss. Bis zu 35.800 Dollar ließen sich die Gäste das Dinner kosten, unter ihnen auch Pop-Sirene Lady Gaga.

LinkedIn wurde 2003 gegründet und zählt inzwischen 120 Millionen Mitglieder, jede Sekunde kommen zwei neue dazu, sagte Chef Weiner. In diesem Moment dürfte sich Obama gewünscht haben, er könne jede Sekunde zwei Amerikanern Jobs beschaffen.

Doch dazu müsste er sich vor allem mit seinen Kontrahenten im Kongress einig sein. "Das Problem liegt vor allem in Washington", sagte Obama. "Die Debatten verlaufen nur noch ideologisch und fokussiert auf die nächste Wahl, so dass wir nicht mehr in der Lage sind, die Probleme des Landes anzugehen", so Obama selbstkritisch. "Sobald ich aus Washington rauskomme, fällt mir auf, dass die Leute Kompromisse wollen, ob sie nun Republikaner oder Demokraten sind", sagte Obama. "Der Grund, warum ich hier bin, ist, weil ich das von euch persönlich hören will und will, dass eure Stimmen im Kongress gehört werden."

Der Auftritt des Präsidenten war perfekt inszeniert. Er sprach nicht etwa zu den geladenen Gästen. Ihnen wandte er den Rücken zu. Seine Botschaften richtete er vor allem in Richtung Pressetribüne, auf denen die Kameras und Fotografen postiert waren. Gleichwohl nahm er die Menge schnell für sich ein. Mal scherzte er darüber, dass seine Schwiegermutter mit im Weißen Haus wohnt, mal, dass er niemanden bevormunden wolle, weder darin, wie viel Erdnussbutter er aufs Brot schmiert, noch wie oft er seine Kreditkarte einsetzt. Wirklich Substantielles brachte er allerdings nicht zu Gehör.

Motivator, eloquenter Redner, Charmeur

Es genügte, den Obama zu geben, den alle kennen: den Motivator, den eloquenten Redner, den Charmeur. Einer Fragestellerin, die von ihrer arbeitslosen Mutter erzählte, rief er zu: "Richten Sie Ihrer Mutter viele Grüße von mir aus." Einem IT-Manager, der nach 22 Jahren seinen Job verlor, sagte er: "Es liegt nicht an Ihnen und Ihren Fähigkeiten, es liegt an der wirtschaftlichen Lage allgemein." Und die Frage eines früheren Air-Force-Piloten kommentierte er so: "Zuallererst möchte ich Ihnen für Ihren Einsatz für unser Land danken." Minimaler Einsatz, viel Beifall.

Richtig spannend wurde es jedoch, als Doug Edwards seine Frage stellte, die eher ein Statement war. Er fände es nahezu irrsinnig, sagte Edwards, dass die Republikaner keine Steuern erhöhen wollen. "Warum erhöhen Sie nicht meine Steuern?", fragte Edwards. Obama stutzt. Was Edwards denn arbeite, will er wissen. "Gar nichts, ich muss nicht arbeiten, es ist meine eigene Entscheidung."

"Die europäische Schuldenkrise macht der Welt Angst"

Was er denn gearbeitet habe, fragt Obama.

"Ich war bei einer Suchmaschine, gleich hier die Straße hinunter", sagt Edwards.

"Es muss ganz gut gelaufen sein mit der Suchmaschine", scherzt Obama.

Lachen im Publikum. Edwards war ab 1999 Direktor für Marketing und Markenentwicklung bei Google. 2005 hat sich der heute 53-Jährige, inzwischen reich durch Aktienoptionen, zur Ruhe gesetzt. Heute gehört er zu einer Gruppe, die sich Patriotic Millionaires for Higher Taxes nennt. Zusagen, Edwards' Steuern zu erhöhen, will Obama dennoch nicht machen. Wieder einmal bemüht er Warren Buffett, den milliardenschweren Investor aus Omaha. "Ziel muss sein, dass die Sekretärin von Warren Buffett nicht mehr Steuern bezahlt als ihr Chef." Wann er dieses Ziel erreichen will, lässt Obama - wieder einmal - offen.

Deutlicher wird er allerdings mit seiner Kritik an Europa. Erneut warf er den Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone schwere Versäumnisse vor. Die Schritte zur Bekämpfung der Schuldenkrise seien nicht schnell genug ergriffen worden, sagte Obama."Die europäische Schuldenkrise macht der Welt Angst". Europa habe "sich nie wirklich von der Krise 2007 erholt und nie umfassend auf die Herausforderungen reagiert, denen sein Bankensystem ausgesetzt war". Als ob der Grund der amerikanischen Job-Misere in Europa zu suchen sei.

Am Ende des gut einstündigen Intermezzos versucht der US-Präsident seinem Publikum Mut zu machen: "Wir gehen durch raue Zeiten, aber ich möchte jeden hier im Saal daran erinnern, dass wir schon durch viel rauere Zeiten gegangen sind." Er sei sehr zuversichtlich, was die langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Landes anbelange, "aber wir müssen dringend ein paar wichtige Entscheidungen fällen, damit es auch wirklich vorwärts geht."

Zum Schluss schüttelt er unter der Marschmusik "Stars and Stripes forever" viele Hände. Die Gesichter der Fragesteller hat er sich genau gemerkt, ihnen legt er die Hand auf die Schulter und widmet ihnen noch ein paar persönliche Worte. Wenigstens diese Handvoll Amerikaner hat er an diesem Morgen glücklich gemacht.