Verlogene Slogans Nachhaltig? Nein, danke!
Kämpfer gegen die Ölpest am Golf von Mexiko: Wie nachhaltig ist BP?
Foto: SPENCER PLATT/ AFPIn der Filmkomödie "Miss Undercover" spielt Sandra Bullock eine trampelige Polizistin, die als Teilnehmerin bei den "Miss America"-Wahlen eingeschleust wird. Wer den Film gesehen hat, muss lächeln, wann immer er das Wort "Weltfrieden" hört - endet doch die Präsentation der Kandidatinnen jeweils damit, dass die Schöne behauptet, sich nichts sehnlicher zu wünschen als eben das.
In der Welt der Wirtschaftsunternehmen hat das Wort "Nachhaltigkeit" einen ähnlichen Platz eingenommen wie der "Weltfrieden" im Sandra-Bullock-Film. Egal ob man die Weltmeere verschmutzt wie der britische Ölkonzern BP ("Nachhaltigkeit heißt Wahrung des Vertrauens und der Unterstützung der Menschen, die in der Nähe von BP Standorten leben") oder seine ruinösen Investmentabenteuer vom Steuerzahler bezahlen lässt wie die Hypo Real Estate ("Nachhaltigkeit heißt für die Hypo Real Estate Group, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu übernehmen"), nichts scheint Unternehmen davon abzuhalten, "Nachhaltigkeit" als herausragendes Unternehmensziel in den Geschäftsbericht hineinzuschreiben.
Autokonzerne, die durch intensive Lobbyarbeit neue, klimafreundliche Mobilitätsstrategien verhindern, gewinnen Nachhaltigkeitspreise. Chemiegiganten, deren gentechnisch verändertes Saatgut weltweit kleine Bauern in die Schuldenspirale treibt, landen bei Nachhaltigkeitsrankings weit vorn. Auch Flughafenbetreiber wirtschaften ihrem offiziellen Credo zufolge nachhaltig, ebenso wie Fast-Food-Konzerne oder die deutsche Zementindustrie.
"Weiter so, aber irgendwie netter"
Der Begriff wabert dermaßen penetrant durch die Selbstverständigungsprosa unseres Wirtschaftslebens, dass man ihn den Sonntagsrednern und Nachhaltigkeitsberichtsdichtern am liebsten für eine Weile wegnehmen würde. Denn eigentlich bedeutet Nachhaltigkeit kein "Weiter so, aber irgendwie netter"; auch nicht, Umweltsünden und schlechte Sozialstandards regelmäßig selbstkritisch zu reflektieren oder sich mehr oder minder ehrgeizige Ziele beim Energiesparen zu setzen.
Die aus der Forstwirtschaft stammende Idee, dass man nicht mehr Bäume fällen sollte, als nachwachsen können, bildet vielmehr das Prinzip einer ganz anderen Ökonomie, die Ressourcen einsetzt, aber nicht verbraucht; einer Ökonomie, die gewachsene Landschaften, Artenvielfalt, Grundwasservorräte sowie die Selbstreinigungskraft unserer Atmosphäre erhält und zukünftige Generationen fördert statt sie zu behindern.
Tatsächlich aber tritt der "ökologische Schuldentag", an dem die Menschheit das verbraucht hat, was die Erde binnen eines Jahres ersetzen kann, immer früher ein. 2009 war unser Konto bereits am 25. September überzogen - als würde es da draußen im Weltall noch eine zweite Erde geben, die wir uns bei Gelegenheit leihen könnten.
Den Wachstumsbegriff hinterfragen
Und, nein, die Welt wäre auch nicht besser dran, wenn wir Deutschen als vermeintliche Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit überall das Sagen hätten. Der Indikatorenbericht des Statistischen Bundesamts liefert alle zwei Jahre die ernüchternden Zahlen. Die offiziellen Nachhaltigkeitsziele, welche die Bundesregierung im Zusammenspiel mit der Wirtschaft für das Jahr 2020 verkündet hat, werden demnach absehbar verfehlt.
Beim "Einsatz abiotischen Primärmaterials" sind die Produktivitätssteigerungen für ein Tüftlerland wie das unsrige beinahe lächerlich. Noch immer gelingt es weder, einen effektiveren Einsatz von Energie durchzusetzen, noch die Artenvielfalt zu erhalten. Im Gegenteil: Bei den "Teilindikatoren Agrarland, Siedlungen, Binnengewässer, Küsten/Meere sowie den Alpen" registrieren die Statistiker sogar "einen signifikanten Abwärtstrend".
Solange wir in Deutschland den Wachstumsbegriff nicht hinterfragen, der sich nach der sozialen und ökologischen Qualität des erwirtschafteten Bruttosozialprodukts ausrichten müsste, sollten wir daher dem Nachhaltigkeitsgerede mit äußerstem Misstrauen begegnen. Denn letztlich verhält es sich damit wie mit dem "Weltfrieden" bei "Miss Undercover": Was alle sagen, meint eigentlich keiner.
Dieser Text von Fred Grimm ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins "enorm - Wirtschaft für den Menschen" erschienen.