Internationale Studie Deutsche fremdeln mit der Globalisierung
Hafenarbeiter in Hamburg
Foto: Christian Charisius/ REUTERSDeutschland ist eine Handelsnation - das lässt sich bei einer Hafenrundfahrt in Hamburg genauso erfahren wie bei der Werksführung eines schwäbischen Mittelständlers, der seine Maschinen in alle Welt liefert. Kaum ein Land ist so eng mit der Weltwirtschaft verflochten, Millionen Jobs hängen direkt oder indirekt am Export.
Doch unterstützen die Deutschen deshalb auch die Globalisierung mit ihrem immer intensiveren Austausch von Waren? Oder wächst hierzulande eine ähnliche Skepsis wie in den USA, wo Donald Trump die Wahl nicht zuletzt mit dem Versprechen auf mehr Abschottung gewonnen hat?
Tatsächlich fremdelt auch ein erheblicher Teil der Deutschen mit der Globalisierung. Zwar finden 70 Prozent einen wachsenden weltweiten Warenhandel grundsätzlich positiv. Ähnlich wie Bürger in anderen Ländern fühlen sie sich aber ungenügend vor Nebenwirkungen geschützt. Das ist das Ergebnis einer internationalen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird.
Die gut 14.000 Befragten in zwölf Industrie- und Schwellenländern wollten sich vor dem Welthandel nicht hinter einer "großen und schönen Mauer" verschanzen, schreibt Studienautor Christian Bluth in Anspielung auf Trumps umstrittenes Projekt an der Grenze zu Mexiko. Sie seien aber auch "nicht so naiv, die möglichen negativen Auswirkungen ( ) zu übersehen".
Zu diesen Effekten gehört die Sorge um Arbeitsplätze, die in Zeiten globalisierter Märkte und hochmobilen Kapitals schnell ins Ausland verlagert werden können. In Deutschland fürchten 42 Prozent der Deutschen einen negativen Effekt des Handels auf die Jobsicherheit. Eine positive Wirkung sehen trotz der hohen Exportabhängigkeit deutscher Firmen nur 37 Prozent.
Auch glauben 57 Prozent der Deutschen nicht, dass die Globalisierung ihre Einkommen steigen lässt. Mehr als jeder Zweite geht vielmehr davon aus, dass durch die Globalisierung soziale Ungleichheit eher zunimmt - und liegt damit grundsätzlich richtig: Bluth verweist auf Studien, wonach internationaler Handel zwar tendenziell die Unterschiede zwischen Ländern verringert, sie innerhalb eines Landes aber verstärkt.
Der Blick auf den Rest der Welt hängt allerdings auch davon ab, in welcher Entwicklungsphase sich ein Land gerade befindet. In Schwellenländern wie China oder Indien verhilft der Handel bis heute Millionen zu sozialem Aufstieg. Neue Jobs entstehen, Gehälter steigen.
In Ländern wie Deutschland dagegen liegt das Wirtschaftswunder schon Jahrzehnte zurück, viele Arbeitnehmer mussten zuletzt über Jahre auf Lohnerhöhungen verzichten. Deshalb ist es laut Bluth auch nicht überraschend, dass zwei von drei Indern oder Indonesiern an einen positiven Zusammenhang zwischen Globalisierung und Gehältern glauben, "während Deutschland zu den Ländern mit der negativsten Einstellung gehört, was die lange Stagnation der Reallöhne widerspiegelt".
Die USA als Gewinner und Opfer zugleich
Wie unterschiedlich der Blick auf die Globalisierung ausfällt, zeigt auch der Blick über den Atlantik. US-Präsident Trump begründet neue Schutzzölle damit, dass seine Heimat "beim Handel von praktisch jedem Land der Welt abgezockt worden" sei. Als die Teilnehmer der Bertelsmann-Studie nach den größten Gewinnern der Globalisierung gefragt wurden, landeten die USA jedoch im Schnitt an erster Stelle, noch knapp vor China.
Bei der Frage nach den größten Globalisierungsverlierern landeten die USA allerdings auch hinter den (gemeinsam abgefragten) afrikanischen Ländern auf Platz zwei. Diese Tendenz gab es sowohl international als auch in den USA selbst. Das Thema spaltet offensichtlich die Meinungen.
Ist es nun unvermeidbar, dass gerade im wohlhabenden Westen die Globalisierungsmüdigkeit zunimmt? Nein, meint Bluth. Die Befragten störten sich weniger am Handel selbst, als am Gefühl, dass die Politik zu wenig gegen negative Effekte der Globalisierung tue. Auch in Deutschland teilt jeder Zweite grundsätzlich diese Meinung.
Besonders kritisch sehen die Deutschen die Übernahme heimischer Unternehmen durch ausländische Käufer: Nahezu zwei von drei Befragten glauben nicht, dass solche Geschäfte dem eigenen Land helfen - einer der höchsten Werte in der Umfrage. In jüngster Zeit hatten vor allem Übernahmen durch chinesische Firmen in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Sie sind auch deshalb umstritten, weil deutsche Firmen umgekehrt in China nur unter erheblichen Einschränkungen investieren dürfen.
Sollte die Bundesregierung der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China also selbstbewusster entgegentreten - sozusagen ein bisschen Trump wagen? Zumindest um die Sympathie der internationalen Öffentlichkeit müsste sie sich wohl nicht sorgen. Nach Japan ist Deutschland der Umfrage zufolge international der beliebteste Handelspartner. Der unbeliebteste: China.
Die Umfrage wurde im Februar 2018 vom Umfrageunternehmen YouGov im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung in China, Deutschland, Frankreich, Indien, Indonesien, Japan, Kanada, Mexiko, der Türkei, Russland, den USA und Großbritannien durchgeführt. Insgesamt wurden 14.381 Menschen online befragt, in Deutschland 2037 Personen. Die Umfrageergebnisse sind den Angaben zufolge repräsentativ für die einzelnen Länder. Die Bertelsmann-Stiftung wird aus Dividenden des Medienkonzerns Bertelsmann finanziert, der über seine Tochter Gruner + Jahr zu 25 Prozent auch am SPIEGEL-Verlag beteiligt ist. Teil ihres Leitgedankens ist die "Teilhabe in einer globalisierten Welt".