Weltkrise privat: Wrack you! - DER SPIEGEL
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Weltkrise privat Wrack you!

Jetzt oder nie! Die Mutter aller Subventionen gibt es nur noch kurze Zeit! Hören Sie die scharfen Crash-Test-Dummies von der Abwrackbehörde live stöhnen!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Deutschland macht sich "Endzeitstimmung" breit, warnt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Schuld sind weder Schweinegerippe noch SPD-Kompetenzteam. In wenigen Wochen wird der Fünf-Milliarden-Euro-Topf der Abwrackprämie leer sein. Jetzt oder nie!

Abwrack-Kunstprojekt: 7000 und ein paar Zerquetschte

Abwrack-Kunstprojekt: 7000 und ein paar Zerquetschte

Foto: A3386 Uli Deck/ dpa

Die Uhr tickt. Bis Sie diese Kolumne zu Ende gelesen haben, werden beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) in Eschborn schon wieder 43 neue Anträge eingereicht worden sein. Jeden Werktag macht das 7000 und ein paar Zerquetschte.

Vor einem Jahr wussten nicht einmal alle Bafa-Beschäftigten, dass es die Bafa gibt. Nun verwalten sie serviceorientiert den Endspurt um die Mutter aller Subventionen: Ruf! Uns! An! 030-346465470. 30 Sekunden Vollgas sofort! Zu normalen Festnetzpreisen (Handy-Gebühren können abweichen). Hör die scharfen Crash-Test-Dummies von der Bafa live stöhnen - über Bearbeitungsstau, Überstunden und die Spinner, die glauben, dass sie mit Fuhrparkresten aus NVA-Altbeständen zu Multimillionären werden können.

1,79 Millionen Anträge liegen bereits bei der Bafa, aber erst eine halbe Million Bundesbürger haben ihr Geld. Das große Wrack-Sausen hat begonnen. Aber nicht alles, was über neun Jahre alt ist und Räder hat, bringt Geld. So wird dringend abgeraten, Rollstühle samt pflegebedürftigen Verwandten zum Abwracken anzubieten. Schon weil meist die Fahrgestellnummer nicht mehr zu rekonstruieren ist. Oder der Zuwendungsbescheid fehlt. Oder das Verwendungsnachweisformular.

Dennoch findet jeder zweite Deutsche die Prämie sinnvoll. Die andere Hälfte hat keinen Führerschein, die Frage nicht verstanden oder war in Urlaub, als das Meinungsforschungsinstitut klingelte. Natürlich hat die Prämie Schattenseiten. Die bislang absolut integere Verschrottungsbranche erlebt erstmals halbseidene Geschäftemacher, und in Afrika bricht der Second- bis Seventh-Hand-Kfz-Markt zusammen.

Dennoch sind sich Fachleute einig: Die Prämie ist als Wirtschaftsförderung ideal; nein, ist sie nicht; doch, ist sie wohl. Die Vorteile überwiegen: Zum Beispiel kann man sitzfahrradelnden Rooibos-Tee-Trinkern nun einreden, dass sie über ihre Steuern die Zwangsmotorisierung der Republik mitfinanzieren, was die dann sehr ärgert. Wrack you! Und endlich verschwinden die letzten 23 Jahre alten Mercedes Diesel, die Bewohner sogenannter "Szeneviertel" gern als Ausweis konsumistischer Unabhängigkeit missverstanden haben. Dabei stinken die einfach nur.

Ich selbst fahre übrigens einen Kleinstwagen, der seine Erstzulassung am 30. November 2000 feiern konnte. Er erreicht also in drei Monaten die Abwrack-Grenze. Es wird knapp. Zu knapp. Außerdem ist das Auto laut unseriösen Internetpreisvergleichsseiten noch immer weit mehr als 2500 Euro wert. Vielleicht sollte ich einen Porsche Cayenne rammen. Das wäre umweltpolitisch integer und brächte sogar Geld von der Versicherung, bevor ich die Reste verschrotten lasse.

Oder ich warte einfach ab. Nächstes Jahr bin ich dann einer der letzten Besitzer eines Gebraucht-Smarts der ersten Generation, der in Sammlerkreisen schnell unglaublich an Wert gewinnen wird. Das Deutsche Museum wird Zigtausende bieten. Graumelierte Männer werden fragen, ob ihre Söhne mal den zerkratzten Lack streicheln dürfen. Und wohlbestallte Frauen mit großen Sonnenbrillen werden sich am Rande der Fuz zuraunen: Wow, ein neunjähriger Alt-Smart, voll fett!

Es war schon schwerer, Phlegmatismus als Haltung zu deklarieren.

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