Weltwirtschaft China droht eine Kreditblase
Bauarbeiter in China: Starker Preisverfall auf dem Häusermarkt erwartet
Foto: DAVID GRAY/ REUTERSHamburg - Der Mini-Aufschwung ist da. In Deutschland und dem Rest der Welt beginnt sich die Wirtschaft langsam zu erholen. Peking sei Dank. Denn kaum ein anderes Land weltweit entpuppt sich derzeit als ein vergleichbarer konjunktureller Tempomacher, der andere Länder auch noch mit nach oben zieht. So positiv sieht es zumindest der Internationale Währungsfonds (IWF), der China in seinem aktuellen Weltwirtschaftsausblick eine herausragende Rolle für die kommenden Jahre voraussagt - dank gigantischer finanzieller Reserven und einem Wirtschaftswachstum, von dem Deutschland und andere Länder nur träumen können. So erwartet der Währungsfonds für 2010 in China ein Plus von himmlischen neun Prozent, nach 8,5 Prozent in diesem Jahr.
Doch das ist nur die eine Seite. Denn zugleich entwickelt sich China zur ernsthaften Gefahr für die weltweite Wirtschaft. Auch das sagt der IWF - in seinem ebenfalls gerade vorgelegten Finanzstabilitätsbericht. Darin warnt der Währungsfonds vor einer zweiten Kreditblase, die ausgerechnet von den Chinesen ausgelöst wird.
Besorgt äußert sich der IWF über die massive finanzielle Einflussnahme Pekings, die unter anderem zu einer rasanten Zunahme von Krediten geführt habe. "Vermögenswerte in vielen Bereichen des Marktes steigen stark an und lösen Ängste dahingehend aus, dass Kredite exzessiv ausgeweitet und Immobilienblasen ausgelöst werden könnten", formuliert es der Währungsfonds etwas verklausuliert in dem Bericht. Doch die Botschaft ist klar: Wenn die chinesische Regierung ihre ungezügelte Geldpolitik nicht rasch aufgibt, könnte es bald eine Teil Zwei geben.
Die Vorboten einer Finanzkrise mehren sich
China als internationales Zugpferd der Wirtschaft und zugleich Gefahr für die Stabilität auf den Finanzmärkten - ein Widerspruch? Nein. Denn tatsächlich ist das Wachstum in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt massiv aufgeblasen. Im Zuge der Finanzkrise will der Staat mehr als 400 Milliarden Euro ausgeben, allein um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Hinter dem der USA dürfte dies das größte weltweit sein. Ziel der staatlichen Intervention ist es, den Binnenkonsum in Gang zu bringen - als Ausgleich zum extrem geschrumpften Exportgeschäft.
Diese Einflussnahme Pekings auf die inländische Wirtschaft geht sogar so weit, dass die Verantwortlichen zusätzlich massiv Druck auf die meist staatseigenen Banken ausgeübt haben, ihre Kreditvergabe zu lockern. So stellte der Staat den Bürgern und Unternehmen zusätzlich rund 750 Milliarden Euro zur Verfügung, um eine auszuschließen.
Das allerdings könnte zum Bumerang werden, wie der IWF bereits vor einer Woche warnte, ohne China explizit zu erwähnen. Ein starker Anstieg des Kreditwachstums sowie das Aufbauschen von Vermögenswerten seien oft Vorboten von Finanzkrisen.
Denn wenn das Geld in unrentable Investitionsprojekte gesteckt oder Kredite leichtfertig für den Konsum ausgegeben werden, den sich Bürger im Normalfall gar nicht leisten können, kann das fatale Folgen haben. So wie in den USA, wo sich vor Beginn der Finanzkrise Hunderttausende Häuser und Autos auf Pump zugelegt hatten, deren Raten sie später bei weitem nicht zurückzahlen konnten. Viele Banken blieben schließlich auf einem beträchtlichen Teil ihrer Kredite sitzen und mussten Milliarden abschreiben.
Hohe Abschreibungen bereits 2005
Aber auch China musste in den vergangenen Jahren schon Abschreibungen auf "faule Kredite" vornehmen. 2005 etwa wurde der Anteil der so genannten Non-Performing-Loans auf 35 bis 40 Prozent des Kreditvolumens geschätzt. Doch offenbar hat China nichts daraus gelernt: Denn Experten zufolge droht dem Land demnächst möglicherweise wieder eine solche Flut fauler Kredite. Als stabiler Anker in der internationalen Finanzwirtschaft taugt China damit bei weitem nicht.
Erste Anzeichen einer möglichen Blase gibt es bereits, sagt Nikolaus Thöns, Partner im China-Geschäft von PriceWaterhouseCoopers Deutschland (PWC) - etwa im Häusergeschäft oder auf den Aktienmärkten. So habe die Regierung nicht immer darauf geachtet, wohin das viele Geld fließt, dass sie in den Markt gepumpt hat. "Inzwischen dürften im Häusermarkt oder an den Börsen spekulative Investitionen von bis zu 150 Milliarden Euro liegen", schätzt Thöns. So dürften dem Fachmann zufolge auf dem Immobiliensektor und an den Aktienmärkten die Preise in den kommenden Jahren massiv einbrechen. "Ich rechne mit Rückschlägen von 20 bis 30 Prozent."
Daneben habe Peking in bestimmte Branchen massiv Geld gesteckt, die inzwischen vollkommen überbewertet seien, wie etwa in die Stahl- oder Zementindustrie. "Wenn China diese Überkapazitäten nicht nach und nach abbaut, gefährdet das die Stabilität."
Doch während der IWF schon vor einer möglichen "Fehlallokation von Ressourcen" warnt, versucht Thöns zu beschwichtigen. "Der Einbruch wird kommen, aber er wird keinesfalls so dramatisch sein wie von manchen befürchtet."
Vorausgesetzt Peking greift frühzeitig ein.