SpaceX-Flug zum Mond: Obszöne Lustreise - Kommentar - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
SPIEGEL ONLINE
Michael Kröger

meinung •Milliardär fliegt zum Mond Obszöne Lustreise

Ein Japaner wird der Erste sein, der einen Flug zum Mond allein zu seinem Privatvergnügen macht. Der Milliardär lässt sich seine Reise viel Geld kosten - und raubt trotzdem Ressourcen, die eigentlich allen gehören.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Privatmann macht eine Rundreise durchs Weltall. Einmal Mond und wieder zurück in vier bis fünf Tagen. Wenn der japanische Milliardär Yusaku Maezawa im Jahr 2023 tatsächlich aufbricht, wird sein Shuttle zunächst eine Runde um die Erde fliegen und dann Kurs auf den Mond nehmen, der dann ebenfalls umrundet werden soll.

Anders als die ersten Touristen im All - bislang waren es sieben - wird Maezawa nicht etwa eine Crew von Wissenschaftlern auf ihrem Flug zur Raumstation ISS begleiten und von dort aus die Erde durch ein Bullauge betrachten, während die anderen arbeiten. Nein, für ihn und seine Gäste - sechs bis acht Künstler will Maezawa auf seinen spektakulären Flug einladen - startet eigens eine Rakete. "Big Falcon Rocket" wird sie heißen.

Wie hoch der Preis für die Vergnügungstour ist, darüber hüllen sich alle Beteiligten zwar in Schweigen. Doch am Rande der großen Party am Firmensitz von Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX, auf der Maezawa als "First Passenger" ausgerufen wurde, gab der Japaner immerhin einen Hinweis. Der Preis für sein Weltraumabenteuer übersteige den für das teuerste Gemälde seiner Sammlung, erklärte er einem staunenden Journalisten. Er meinte ein Werk von Jean-Michel Basquiat, für das er im vergangenen Jahr mehr als 110 Millionen Dollar ausgegeben hatte.

Inspiration für künstlerische Projekte

Kennen Sie Elon Musk?

Und dennoch ist Maezawas Mondfahrt obszön. Aufwand und Einsatz von Ressourcen stehen in einem eklatanten Missverhältnis zu dem, was unter dem Strich dabei herauskommen dürfte. Maezawas Erwartungen selbst sind sogar eher gering. Ihm geht es um die Verwirklichung eines Kindheitstraums, die Grenzerfahrung wird ihn persönlich bestimmt ein Stück voranbringen. Für seine Gäste erhofft er sich Inspiration für ein paar kreative Kunstprojekte, die zweifelsohne Wirkung in der Gesellschaft entfalten könnten. Diese bezahlt dafür mit dem Verbrauch von Ressourcen, die allen gehören.

Dem geringen Ertrag steht der Aufwand für ein gewaltiges Raketenprojekt gegenüber, das eigens noch entwickelt werden muss. Auf "weniger als zehn aber mehr als zwei Milliarden Dollar", schätzt Elon Musk die Entwicklungskosten für die Rakete - wobei man fairerweise hinzufügen muss, dass "Big Falcon Rocket" (Musk selbst spricht von "Big fuck Rocket") anschließend noch häufiger ins All starten und dabei auch Nutzlast befördern soll. Doch die Zahl der Starts und Landungen etwa einer Boeing 787, die locker für eine Dienstzeit von 30 Jahren taugt, wird sie definitiv nicht erreichen.

Der Vergleich mit der erwähnten Boeing (die man ja durchaus auch für verschwenderische Lustreisen verwenden kann) zeigt übrigens, in welch - buchstäblich - anderen Dimensionen sich ein Flug ins All bewegt. Wollte man den zusätzlichen Aufwand in einer mathematischen Kurve nachzeichnen, dann würde sie ungefähr so steil ansteigen wie die Flugkurve der Rakete.

  • An einem Weltraumbahnhof widmen sich ganze Hundertschaften, darunter hochqualifizierte Techniker und Ingenieure, der Fürsorge vor und während das Fluges.
  • Am Himmel über der Startrampe ist während des Starts über mehrere hundert Quadratkilometer jede Flugbewegung verboten.
  • Während der gut 18 Minuten, die die Raketentriebwerke für Schub sorgen, fließt so viel Treibstoff durch die Brennkammern, wie eine vollbesetzte 787 von Frankfurt am Main nach New York benötigt.

Weltraum ist keine Spaßveranstaltung

Zwar ist die Nutzlast, die eine einzelne Rakete in die Geostratosphäre befördern kann, rund dreimal höher als die eines Verkehrsflugzeugs, trotzdem liegen die Frachtkosten pro Kilogramm um ein Vielfaches höher. Kein Wunder also, dass seit Beginn der Raumfahrt lediglich 568 Personen ins All geflogen sind, nur zehn davon nicht als Raumfahrer im Sinne der Internationalen Raumfahrtorganisation.

Es gibt auch nicht dringend notwendige Dinge, die den Weg in den Weltraum finden: Kunstwerke wie die mit Glitzersteinen besetzte Kugel namens "Humanity Star" des Neuseeländers Peter Beck etwa. Oder der Tesla, den der PR-versierte Musk seiner neuen Lastrakete "Falcon Heavy" auf ihrem ersten Testflug mitgab. Und Mitte November will der Künstler Trevor Paglen seinen schillernden Satellit "Orbital Reflector" in die Umlaufbahn bringen.

Länger ist die Liste nicht. Weltraumflüge sind - zumindest derzeit noch - keine Spaßveranstaltung. Der Aufwand steht noch immer in engem Zusammenhang zum Nutzen: Erkenntnisse für die Forschung, der Transport von Satelliten für Kommunikation, zur Vermessung der Erde und für die Erforschung von Wetterphänomenen. Oder um die Frage zu beantworten, ob Menschen sich überhaupt längere Zeit in der Schwerelosigkeit aufhalten können.

Das Ziel der Bewusstseinserweiterung sinnsuchender Milliardäre erfüllt diese Kriterien jedoch nicht.