Börse Spanner wider Willen
Selbst der seltsame Hitlerverschnitt in Moskau, der kurz vor Jahresschluß die empfindsame Seele des internationalen Kapitals verschreckte, änderte nichts mehr. In stillem Glück werden Bankiers und Börsianer Ende des Jahres die Bücher zuklappen, die Computer-Terminals verdunkeln: Die Aktienkurse in Frankfurt, München oder Hamburg stiegen 1993 um mehr als ein Drittel.
Und doch war es ein quälendes Jahr. Denn an den funkelnden Kursen wärmten sich wieder einmal die Profis. Jene kühlen Geldmanager, die Pensionskassen, Investmentfonds oder Versicherungs-Milliarden verwalten, mußten dieses Jahr Geld verdienen. Die ständig fallenden Zinsen zwangen jene, die von Berufs wegen jeden Tag Geld anlegen müssen, in die Aktien.
Der kleine Alltagsspekulant hingegen, der so gern beim Abendbrot seiner Frau erzählt, wie souverän er bei den Großen mitspielt, geriet in eine würdelose Rolle: Er betrachtete das Börsengeschehen, klopfenden Herzens und fiebrigen Blickes, als Spanner wider Willen.
Denn wann sollte man einsteigen? Zu Beginn des Jahres hatten die Gurus erzählt, 1993 werde bestenfalls mau. Wer etwa auf die Deutsche Bank hörte, konnte sich von der deutschen Börse nur abwenden. Noch Ende April raunte Rolf E. Breuer, das zuständige Vorstandsmitglied des ersten deutschen Geldhauses, von einem »Loch«, in das Kurse und wagemutige Zeitgenossen fallen würden.
Wo also war jene Gewißheit, die nun, nachdem die Kursraketen gezündet sind, plötzlich all die ewigen Besserwisser gönnerhaft ausstrahlen? Propheten wie der Amerikaner Joe Granville weissagten Ende Juli »noch für diesen Sommer« den großen Crash. Und der allzeit zitable Roland Leuschel malte für den Herbst 1993 »das Katastrophen-Szenario«.
Konnte man da seinen Augen trauen, als dann die Kurse seit dem Sommer ständig aufwärts tanzten? Das goldene Jahr 1993 war für viele das Jahr der verpaßten Gelegenheiten. Erst trauten sie sich nicht, dann stiegen die Kurse, und die verzagten Spekulanten trauten sich erst recht nicht.
Die Deutschen haben, nach den schlechten Erfahrungen in diesem Jahrhundert, ohnehin wenig Zutrauen zur Börse. Nur etwa vier Prozent ihres Geldvermögens haben die Bundesbürger in Aktien gesteckt. Nun, nach dem glänzenden Jahr 1993, hilft dem furchtsamen, aber zugleich gierigen Möchtegernspekulanten niemand bei der neuen Entscheidung, die wieder die alte ist: Soll man im nächsten Jahr den gestiegenen Kursen hinterherrennen? Die Zinsen, eine der wenigen zuverlässigen Entscheidungshilfen, sind weiter niedrig, und sogar die ängstliche Deutsche Bank glaubt an weiteren Kursanstieg.
Vielleicht ist das exakt das Signal zum Verkauf, vielleicht aber ist Deutschland ohnehin der falsche Platz. Seit Helmut Kohl in China war, redet sogar der Kundenberater von der Kreissparkasse vom Fernen Osten. Dem Spekulanten bleibt nichts erspart. Es gilt, das furchtsame Herz in beide Hände zu nehmen und den Blick nach Asien zu richten.
In Malaysia ließen sich 1993 gut 80 Prozent reinschaufeln, und die Zahl der Aktien, die dort gehandelt werden, ist zuweilen größer als in New York. Oder wie wär's mit Indonesien (plus 100 Prozent), wo inzwischen die amerikanischen Börsenregularien gelten?
Es liegt in der Natur des Börsenwesens, daß die Beteiligten des großen Spiels sich permanent in einem Zustand zumindest leichter Verwirrung befinden. Daher führt der Ratschlag zum Schluß wieder nach Europa: Wirklich ausgeschlafene Spielernaturen setzen auf Prag. Seit Juni ist dort die Börse offen. Schon werden etwa 1000 Aktien gehandelt. Die Empfehlung eines österreichischen Bankiers lautet, daß »Witwen und Waisen« die Finger aus dieser Geldarena lassen sollten. Aber zehn Prozent täglich sind drin, nach oben und nach unten. Viel Stoff für den Abendbrotstisch. Y
[Grafiktext]
_103_ Daxomania: Der Deutsche Aktienindex im Jahresverlauf 1993
[GrafiktextEnde]