Spekulationen mit Agrarrohstoffen: Diese Sünde lohnt sich nicht
Spekulation mit Agrarrohstoffen Kaum Zaster mit dem Laster
Anlässlich des Osterfests einmal eine gute Nachricht inmitten all des Gejammers über zu hohe Benzinpreise, zu kalte Temperaturen und zu wirre Euro-Retter: Für zehn Eier zum Bemalen, Verstecken und Essen müssen Verbraucher auch nicht mehr zahlen als im vorigen Jahr. Und noch viel weniger als vor zehn Jahren und sehr viel weniger als noch vor knapp 40 Jahren. Sechs Minuten musste ein durchschnittlicher deutscher Angestellter im Jahr 1975 für zehn Eier arbeiten, gut drei Minuten plackt er heute. Weil sich der reale Eierpreis annähernd halbiert hat.
Was das mit Geldanlage zu tun hat?
Einiges. Zumindest mit dem Streit um Agrarrohstoffe. Jüngst wählten die Besucher der Internetseite des grünen EU-Abgeordneten Sven Giegold Fonds und Zertifikate auf Mais, Zucker und Co. sogar zum gefährlichsten und riskantesten Finanzprodukt Europas.
Agrarrohstoffe gelten als riskant und spekulativ. Wenn an den Kapitalmärkten hohe Chancen immer mit hohen Risiken einhergehen - dann sind hohe Risiken ja letztlich auch ein Indikator für hohe Chancen, oder?
Zumal die Bereitschaft zu einer gewissen moralischen Flexibilität bisweilen noch mit einer Extrarendite belohnt wird. Kaum ein Produkt illustriert das so gut wie der vor elf Jahren aufgelegte US-Sündenfonds Vice Fund, der ausschließlich in Aktien von Tabakherstellern, Schnapsbrennern, Casinobetreibern und Rüstungskonzernen investiert. Über die vergangenen zehn Jahre hat der Fonds im Schnitt 12,2 Prozent pro Jahr zugelegt - und damit den Gesamtmarkt gemessen am S&P 500-Index um über vier Prozent pro Jahr geschlagen. Das waren rund drei Prozentpunkte pro Jahr mehr, als der moralisch unbedenkliche Ave Maria Catholic Values Fund erwirtschaftet hat. Sorry, Franziskus!
Oft stimmt die Regel, dass sich skrupellose Zockerei lohnt. Aber eben nicht bei Agrarrohstoffen, die aus moralischen Gründen vielleicht, aber aus monetären Gründen ganz sicher ein Minenfeld für jeden vernünftigen Investor sind. Zucker, Mais und Kakao sowie auch nicht börsennotierte Produkte wie Milch und Eier sind seit Jahrzehnten ein Renditegrab. Die Preisentwicklung ist nominal mies und real ein Desaster - und nicht vergleichbar mit den Preisexplosionen bei Öl, Kupfer oder Gold.
Besser in Düngemittelhersteller oder Saatgutkonzerne investieren
Paradoxerweise haben es viele Finanzdienstleister geschafft, den jahrzehntelangen Preisverfall als Chance umzudeuten, getreu dem Motto: Dieses Mal ist alles anders. Auch Rohstoffgurus wie Jim Rogers propagieren das seit Jahren. Ihre Kernargumente: Erstens seien Agrarrohstoffe nun mal Sachwerte und hätten damit einen eingebauten Inflationsschutz. Zweitens seien sie Profiteure des Bevölkerungswachstums und der Globalisierung, da immer mehr Chinesen, Inder und Brasilianer die Lust auf Kaffee, Zucker und Fleisch packe.
Nun hat sich indes die Weltbevölkerung bereits seit 1970 annähernd verdoppelt, haben wir zwei Jahrzehnte der Turbo-Globalisierung und des Schwellenländerbooms hinter uns, und es floss in den letzten zehn Jahren nach Schätzungen der britischen Barclays Bank ein dreistelliger Milliarden-Euro-Betrag in Investmentprodukte auf Rohstoffe. Die Preise von Agrarrohstoffe stiegen dennoch kaum und boten langfristig nicht mal einen Inflationsschutz.
Das belegt ein Blick auf die von der Rating-Agentur Standard & Poor's berechneten GSCI-Rohstoffindizes, die bis 1970 zurückreichen. Sie illustrieren das Ausmaß des Preisverfalls aus Sicht eines Investors, der die Rohstoffe nicht physisch kauft, sondern ihren Besitz über den Terminmarkt abbildet, wie es für Rohstoffanlagen üblich ist. Im Schnitt sanken die physischen Preise für Agrarrohstoffe seit 1970 real um 0,7 Prozent pro Jahr.
Wer die Geschichte vom stark steigenden Bedarf nach Agrarrohstoffen glaubt, geht besser andere Wege - und kauft Aktien von Unternehmen, die dabei helfen, den Rohstoffhunger zu stillen: Düngemittelhersteller, Saatgutkonzerne, Traktorenfabrikanten zum Beispiel. Die Aktien der 40 größten weltweit im Reich der Agrarrohstoffe tätigen Firmen haben in den vergangenen zehn Jahren gemessen am von der Deutschen Börse berechneten DAXGlobal Agribusiness um knapp 19 Prozent pro Jahr zugelegt. Sie sind auf lange Sicht die bessere Wahl. Monetär wie moralisch.
War noch was? Ach ja. Verzeihung, ich vergaß. Sie wollen nun bestimmt völlig unverbindlich, rein informativ, ohne Kaufabsicht wissen, ob es den höchst erfolgreichen Sündenfonds Vice Fund auch in Deutschland zu kaufen gibt - leider nein. Beziehungsweise, wie bei solchen Sachen üblich, nur unter dem Ladentisch des Bankers ihres Vertrauens. Gesegnetes Osterfest!