Spekulationslust in Hongkong: "Up, up!" - DER SPIEGEL
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Spekulationslust in Hongkong "Up, up!"

Chinesen sind begeisterte Aktienkäufer - selbst der dramatische Börsencrash schreckt sie nicht. Zurecht: Heute schloss der Hang Seng in Hongkong mit dem größten Tagesgewinn in seiner Geschichte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hongkong - Es ist 9.38 Uhr. Noch 22 Minuten bis zum Handelsstart in Hongkong. Ein älterer Mann in beiger Hose und schwarzer Windjacke steht vor der Filiale von Phillip Securities im Stadtteil Central. Er blickt angestrengt auf den Bildschirm hinter der Glasscheibe des Ladenlokals. Draußen steht eine kleine Säule, darauf eine Tastatur mit zwölf Feldern – genug um die vierstelligen Codes der lokalen Aktien einzugeben.

Weder die englische Frage nach seinem Namen versteht der Anleger, noch ob er investiert sei. Also Zeichensprache: Daumen hoch? Daumen runter? "Up, up", ruft er und grinst breit. Er krümmt Daumen und Zeigefinger, so dass sie sich fast berühren. Die Ziffer neun in der Symbolsprache der Chinesen. Knapp neun Prozent ist der lokale Hang Seng Index im vorbörslichen Handel gestiegen.

Das könnte für Aufatmen bei den Anlegern sorgen, denn die haben in den vergangenen beiden Tagen gelitten: Montag und Dienstag hatte der Hang Seng Index insgesamt 13,3 Prozent auf 21.758 Punkte verloren, seit Jahresanfang ist er 21,77 Prozent im Minus. Die 20-Prozent-Schwelle markiert traditionell den Beginn eines Bärenmarktes.

"Gestern war die Stimmung hier ganz, ganz schlecht", sagt Patrick Chan, der bei Phillips als Berater arbeitet. In die Filiale eines der größten Retailbroker der Stadt kommen Anleger, um aktuelle Kurse an den zahlreichen Terminals abzufragen oder mit den Bankberatern Käufe und Verkäufe abzuwickeln. Schon vor Marktöffnung stehen zwei Handvoll Investoren vor den Terminals, um Kurse zu checken.

"Heute wird es besser", ist Chan überzeugt. Die Zinssenkung in den USA und die mit einem Prozent moderate Korrektur sollte die Anleger zuversichtlich stimmen, sagt der Berater. 9.46 Uhr, das vorbörsliche Plus auf seinem Bildschirm steht bei 7,78 Prozent.

9.57 Uhr, zwei Straßen weiter in der Filiale der Bank of China. Vor drei Flachbildschirmen drängeln sich mehr als 30 meist ältere Anleger. Eine Hand greift nach vorne auf die kleine Tastatur, 2899 Zijin Mining. Die Nachbarin tippt 0227 ein, First Shanghai. 0066 MTR. Die Stimmung ist gespannt, gelegentlich ein Flüstern, sonst klappern nur die Tasten.

Abschreibungen ausgewählter Banken in US-Dollar *

Citigroup 24,6 Mrd.
Merrill Lynch 23,6 Mrd.
UBS 14,4 Mrd.
Morgan Stanley 9,4 Mrd.
Bank of America 5,3 Mrd.
Credit Suisse 4,7 Mrd.
HSBC 3,4 Mrd. **
Deutsche Bank 3,2 Mrd. **
JP Morgan Chase 2,9 Mrd.
Barclays 2,7 Mrd. **
Bear Stearns 2,7 Mrd.
Wachovia 1,7 Mrd.
Dresdner Bank 840 Mio. **
Commerzbank 425 Mio.
Hypo Real Estate 584 Mio.
Postbank 89 Mio. **
* 3. und 4. Quartal 2007
** nur 3. Quartal

Das Gedränge vor den Bildschirmen ist größer als sonst, ungewöhnlich ist es nicht. Denn die Chinesen sind begeisterte Anleger. Laut einer Studie der Hongkonger Börse investierte 2006 ein Drittel der Erwachsenen in Aktien und Derivate. Inzwischen dürften es noch mehr sein, sind Marktbeobachter sicher. Seit dem Sommer ist die Hoffnung, dass bald auch Chinesen aus der Volksrepublik in Hongkong investieren dürfen, als Garant für einen ausdauernden Aufwärtstrend gehandelt worden. Als besonders versiert gelten die Investoren dennoch nicht. "Viele wissen kaum Fundamentales über die Werte, die sie kaufen. Gerüchte spielen eine große Rolle. Und viele Investoren agieren kurzfristig, schnell rein und bei ein paar Prozent Plus wieder raus", sagt ein europäischer Banker.

Punkt 10 Uhr, der erste Indexwert flackert auf: Mit 7,4 Prozent liegt der Hang Seng im Plus. Es geht nach oben, 1609 Punkte, 1624 Punkte, 1644 Punkte, 1648 Punkte.

"Absturz gestern hat mich total geschockt"

Er habe nicht investiert, sagt ein Mann im schwarzen Anzug mit Aktentasche. Als Herr Lo stellt er sich vor, seinen Vornamen will er nicht nennen. "Ich schaue nur aus Interesse", erklärt er, während er immer wieder auf den Bildschirm schielt. "Heute wird ein guter Tag", ist Lo überzeugt. "2000 Punkte Plus sind drin." Ob er rechtzeitig verkauft hat, oder nie Aktien kauft, will er nicht verraten.

Frau Yuen hat Aktien. Der Absturz gestern habe sie total geschockt, sagt sie. "Dabei habe ich in 20 Jahren Investment schon die Krisen von 1987 und 1997 mitgemacht." Frau Yuen würde gerne nachkaufen, die günstigen Einstiegskurse nutzen. "Aber im Moment habe ich kein Geld." Die Stimmung ist inzwischen ein bisschen entspannter. In noch kürzerer Folge werden Aktien-Codes eingetippt: 0008 PCCW, 1053 Chongqing Iron, 0200 Melco International. "Yeeah", ruft eine zierliche ältere Frau im roten Kapuzenpulli in der ersten Reihe und wirft die Arme hoch. Aufgeregt tippt sie mit dem Finger auf den Bildschirm. Ein Plus von knapp vier Prozent steht dort.

Auch die Hongkong Monetary Authority, die Zentralbank der Sonderverwaltungszone, hat den Zinssatz um 75 Basispunkte auf 3,25 Prozent gesenkt. Für gewöhnlich geht die Behörde die Zinsschritte in den USA mit, auch die Währung ist an den US-Dollar gekoppelt. "Ich hoffe nur, dass das die Panikstimmung von gestern mildert", sagt Zentralbank-Chef Joseph Yam vor Journalisten.

"Potentielle Käufer stürzen sich ins Getümmel"

Die Zinssenkung treibt vor allem die Papiere der Immobilienentwickler. Dank einer Inflationsrate von 3,8 Prozent sind die Realzinsen jetzt negativ. "Potentielle Käufer, die noch gezögert haben, wird das antreiben, sich ins Getümmel zu stürzen", sagt Willy Liu vom Makler Ricacorp Properties. Immobilieninvestments sind ohnehin der eigentlich Grundstein von Hongkongs Reichtum. Die Milliardäre der Stadt - Li Ka-Shing, die Kwok-Brüder, Lee Shau Kee - haben ihr Vermögen allesamt mit Immobilien gemacht.

10.53 Uhr. Auch vor den Terminals von Phillips Securities haben sich jetzt Trauben von Aktionären gebildet. Draußen auf der Straße bleiben zwei Köche in Arbeitsklamotten vor den Bildschirmen stehen, checken einige Werte, bevor sie weitergehen. Sie sehen zufrieden aus. Doch längst nicht alle Anleger sind überzeugt, dass das Schlimmste überwunden ist.

11.20 Uhr. Das Kursplus ist auf rund fünf Prozent zurückgegangen. In einer Filiale der Bank Citic Kah Wa in Central steht ein glatzköpfiger Herr mit Brille in der zweiten Reihe vor einem Kurs-Terminal. "Heute Nachmittag ist das alles wieder weg", seufzt er missmutig. "Es gibt keinerlei positiven Nachrichten, dem Dow Jones hat die Zinssenkung auch nicht wirklich geholfen." Er habe in den vergangenen Wochen schon einiges Geld verloren, seinen Namen will er nicht verraten. "Der Hang Seng wird in den nächsten Tagen bis auf 20.000 fallen." Ganz verloren gibt er seine Anlagen allerdings nicht. "Das wird erst nach dem chinesischen Neujahrsfest wieder besser, glauben Sie mir, ich sage die Wahrheit." Ab dem 7. Februar feiern die Chinesen für drei Tage den Beginn des Jahres der Ratte. "Das ist fast immer so gewesen, dass es zum Jahresanfang bergauf ging", beteuert er bevor er in ein Bürohochhaus verschwindet.

Der glatzköpfige Herr mit Brille hat heute Unrecht mit seinem Pessimismus: Der Hang Seng schließt am Mittwoch mit plus 10,72 Prozent oder 2.332,54 Punkten und steht jetzt bei 24.090,17 Punkten. Das war der größte Tagesgewinn in seiner Geschichte.