Spezi hinter Gittern - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 44 / 119

Treuhand Spezi hinter Gittern

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Investor. Welche Rolle spielte dabei Max Josef Strauß?
• aus DER SPIEGEL 30/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die drei Männer trafen sich an einem herrlichen Sommerabend in München. Zu bereden hatten der Südtiroler Kaufmann Kurt Mayer, der Münchner Arzt Dawid Merzel und Max Josef Strauß nur ein Thema: Pläne für ein Millionengeschäft im Osten.

Drei Wochen später feierte das Trio im Interhotel von Halle mit Champagner. »Gelbes Mineralwasser«, scherzte Mayer. Im Schnellverfahren hatte Strauß die traditionsreiche Maschinenfabrik Sangerhausen GmbH (Samag) in Sachsen-Anhalt von der Treuhand bekommen - als Anwalt seines Kumpels Mayer.

»Die beiden waren gleich ein Herz und eine Seele«, erinnert sich Merzel an die Begegnung von Mayer und Strauß. Mittlerweile will der Sohn des verstorbenen CSU-Politikers Franz Josef Strauß von seinem Partner nichts mehr wissen.

Seit sechs Wochen sitzt der Italiener nun in Untersuchungshaft (SPIEGEL 24/1994). Für die Samag, die mit knapp tausend Mitarbeitern Umwelttechnik und Anlagen für Zuckerfabriken baut, wurde die Gesamtvollstreckung beantragt.

Der einst gefeierte Investor mit dem Rauschebart hatte die Samag vor drei Jahren völlig entschuldet übernommen. Was er seither trieb, versucht nun die Staatsanwaltschaft zu ergründen. Sie ermittelt nicht nur wegen Untreue und Betrugs, sondern auch wegen Geldwäsche. Wirtschaftsprüfer stellten »ungeklärte Zahlungseingänge« in Höhe von 69,1 Millionen Mark fest.

Das Geld floß ebenso ungeklärt wieder ab, und noch viel mehr dazu: Der Schaden für die Treuhand, das Land Sachsen-Anhalt und die Banken dürfte 150 Millionen Mark übersteigen.

Die Treuhand hatte Altkredite in Höhe von 28,9 Millionen Mark abgelöst und 14,8 Millionen Liquiditätszuschüsse gegeben. Das Land zahlte 42 Millionen Mark Investitionszulage und bürgte für 10 Millionen. Außerdem gewährten die Banken Kredite von 50 Millionen Mark. Und schließlich ist auch noch der Kaufpreis (13,7 Millionen Mark) fällig.

Das Millionenspiel von Sangerhausen ist zu Ende und das Gastspiel von Max Josef Strauß auch. Der Politiker-Sohn begnügte sich dabei nicht mit der Rolle eines normalen Rechtsberaters. »Es hieß immer, der ist für das Politische zuständig«, sagt der Samag-Betriebsratsvorsitzende Uwe Schlennstedt, »tatsächlich hat er hier viel mehr gemacht.«

Im Gegensatz zu Strauß zog sich Merzel bald enttäuscht zurück. Der Arzt hatte am 26. Juni 1991 »aus steuerlichen Gründen« beim Kauf der Samag mitgemacht. An diesem Tag besiegelte Strauß das Geschäft mit dem Berliner Notar Hellmut Sieglerschmidt. Er zeichnete für die Londoner Briefkastenfirma Portland Corporation PLC (Stammkapital: 100 Pfund, damals rund 300 Mark). Mayer hatte die Firma erst fünf Monate zuvor gegründet.

Der Treuhand schien offenbar jeder Käufer recht. Die Bonität der Portland wurde jedenfalls recht fahrlässig geprüft. »Aus der Darstellung im Gespräch und aus der zwar komplizierten, aber doch überzeugenden Konstruktion vermute ich eine Bonität, wie sie von Ihnen erwünscht wird«, stellte der von der Treuhand beauftragte Stuttgarter Rechtsanwalt Karl Deffner fest. Das genügte.

Merzel beteiligte sich mit 0,67 Prozent an der Samag, das kostete ihn 20 Pfennig. Für den vorläufigen Kaufpreis von 30 Mark wechselte die Firma den Eigentümer. Die vertraglich festgelegte Nachbewertung der Firma ergab einen noch zu zahlenden Kaufpreis von fast 14 Millionen.

Kaum war Mayer Chef des Unternehmens, trat auch Strauß immer häufiger dort auf. Bei den Weihnachtsfeiern 1992 und 1993 debattierte er leutselig mit den _(* Bei seiner Verhaftung am 8. Juni. ) Beschäftigten. Sein Spezi Mayer hatte aufwendige Präsente aus Südtirol einfliegen lassen.

Mit ganzer Kraft setzte sich Strauß auch in der Belegschaftsversammlung am 30. Juni 1992 für Mayer ein. Die in ihren Augen roten Socken im Betriebsrat sollten gefeuert werden. Die Stimmung in Halle 103 war explosiv. Mayer rief die Polizei, und die komplimentierte zwei Gewerkschafter aus dem Saal.

»Strauß ging vor dem Podium immer auf und ab und hatte ein Gesetzbuch in der Hand, wohl das Betriebsverfassungsgesetz«, erinnert sich Betriebsrat Eberhard Heideck. Als die drei hauptamtlichen Betriebsräte Jürgen Geißler, Monika Walther und Alfred Aschenbrenner ihren Kündigungsschutz verloren hatten, stand Strauß am nächsten Morgen gegen 6.30 Uhr vor dem Werktor. »Guten Morgen, Frau Walther«, begrüßte er die Frau, »ich habe hier Ihre fristlose Kündigung.«

Der Betriebsrat hatte sich schon damals kritisch zum Samag-Kurs geäußert. Doch viele Honoratioren aus Stadt und Land hofierten den Investor und seinen prominenten Helfer.

So wurde die Grundsteinlegung für das neue Sozialgebäude der Samag als großes lokales Ereignis gefeiert, Sangerhausens Bürgermeister Klaus Czudaj war dabei. Bei dieser Gelegenheit, so der Betriebsrat, stellte Mayer Strauß erstmals öffentlich als »Aufsichtsratsvorsitzenden« vor. Strauß bestreitet das.

»An diesem Tag«, sagt Betriebsratschef Schlennstedt, »haben wir zum erstenmal erfahren, daß es einen Aufsichtsrat gibt.« Zu einer Sitzung dieses Gremiums, dem auch Arbeitnehmervertreter angehören müssen, sei es aber nie gekommen.

So konnte sich Strauß bei der Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft elegant distanzieren. Immer wieder habe er von Mayer gefordert, der Aufsichtsrat solle stärker in die Geschäftspolitik eingebunden werden, behauptet er. Nie habe er vollständige Informationen bekommen.

»Einen Persilschein für Strauß stellen wir nicht aus«, sagt Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, »aber es gibt bisher auch keinen strafrechtlichen Anfangsverdacht.«

Erst Ende Mai, gut zwei Wochen bevor der erste Betrugsversuch Mayers bei der Bayerischen Landesbank (Kredit über 45 Millionen für ein fingiertes Italien-Geschäft) bekannt wurde, zog sich Strauß aus der Samag zurück. Er wolle seine Tätigkeit im Aufsichtsrat nicht weiter ausüben, teilte er Mayer schriftlich mit.

Tatsächlich waren seine Rechnungen ein halbes Jahr lang nicht mehr bezahlt worden, zuletzt 15 000 Mark für eine Reise im Auftrag der Samag nach Chile. Ähnliche Trips hatte Strauß früher nach Rußland und Nigeria gemacht. Rund zweieinhalb Jahre wurde er von der Samag als Berater bezahlt.

»Ich bin der größte Pirat«, hatte Diplom-Kaufmann Mayer schon zu Beginn des Samag-Abenteuers in München getönt, »aber ein honorabler. Seid vorsichtig.« Das war die Zeit, als er noch in der feinen Königshof-Suite in München logierte und große Trinkgelder verteilte.

Neuerdings haben die Beamten große Zweifel an der Identität des Strauß-Spezis hinter Gittern. »Name, Herkunft, Staatsangehörigkeit, Geburtsdatum, alles wird überprüft«, sagt Bittmann. Y

* Bei seiner Verhaftung am 8. Juni.

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 119

Mehr lesen über