Spielkarten-Business Bush ist Trumpf
New York - Drei Zimmer und fast 70 Quadratmeter: Eigentlich kann sich Zachary Levy glücklich nennen. Nur wenige 29-Jährige in Manhattan wohnen in einem ähnlich geräumigen Domizil. Die Einrichtung ist alt, aber stilvoll: zwei Juke Boxes, Sammlerstücke. Ein wandfüllendes Bücherregal. Ein Karussell-Pferd aus Holz.
Kartenspiel: Rumsfeld sticht Rice
Seit dem Spätsommer aber ist Levys Apartment völlig verwandelt - und gar nicht mehr gemütlich. Im "Wohnzimmer" stapeln sich heute 50 Pappkartons, kaum ein Quadratmeter ist noch frei. Der Plattenspieler ist hinter einer braunen Karton-Barrikade verschwunden, das Klavier völlig verbaut. "Vor zwei Monaten hatte ich noch ein Ess- und ein Wohnzimmer", wundert sich Levy. "Jetzt habe ich ein Büro und ein Warenlager." Allein das Schlafzimmer ist wie es war.
Ölbohrtürme und Brezeln
Levys Geschäft heißt "Bush Cards", und eben diese Karten lagern in den Kartons. "Gerade gestern ist unsere vierte Auflage angekommen, noch mal 9000 Exemplare", sagt Levys Kumpel und Geschäftspartner Ryan Deussing, 30. Die Spielkarten-Sets mit George W. Bush als Pik-Ass und Condi Rice als Herz-Dame kosten fünf Dollar das Stück - und sie verkaufen sich prächtig, bisher 25.000 Mal. Kunden aus allen 50 US-Staaten haben Sätze bestellt, Lieferungen gingen nach Argentinien, England, Malaysia. Die Nachfrage hat Levy und Deussing überwältigt.
"Dieses Geschäft hat unser Leben übernommen, wir machen fast nichts anderes mehr", sagt Deussing, der in die eigene Wohnung meist nur noch zum Schlafen geht. In der Woche arbeiten er und Levy von 8 bis 22 Uhr. Am Samstag und Sonntag arbeiten sie auch - "aber dann etwas langsamer." Letzte Woche erreichten sie einen neuen Rekord: An einem Tag lieferte Bush Cards 1600 Sets à 52 Karten aus, der fünfte Druck ist in Planung. Wie bei vorherigen Auflagen wird auf dem Karton ein grinsender Bush zu sehen sein, umgeben von Symbolbildchen: Ölbohrtürme, Dollarzeichen, Bomben mit der Aufschrift USA. In der Ecke rechts oben eine Brezel.
Teil zwei: "Die Bush-Regierung ist sehr vielfältig in ihrem unerhörten Verhalten"
Alles fing bescheiden an, das war Ende Mai. Levy, Deussing und Ben Dailey, eine Art stiller Partner bei Bush Cards, trafen sich in der John Street Bar im Süden Manhattans. Eine Freundin Levys hatte ihm kurz zuvor die berühmt-berüchtigten Fahndungskarten gezeigt, die Amerikas Militärs im Irak verteilten. Saddam selbst, seine Söhne, Chemical Ali und andere Köpfe des Hussein-Regimes waren darauf zu sehen. Es war eine Propaganda-Idee, der nach Parodie geradezu schrie. Kurz darauf registrierte Deussing die Domain www.bushcards.com .
"Unser Spiel ist für viele eine perfekte Form, ihre Frustration auszudrücken", glaubt Deussing. Auf jeder der Karten ist ein Foto eines Regierungsmitglieds oder Bush-Gefährten zu sehen, darunter stehen Fakten-Schnipsel oder Zitate. Dass Bushs Chefstratege Karl Rove, der Pik-König, nie die Uni abgeschlossen hat, kann man da erfahren. Dass die Arbeitsministerin Elaine Chao, die Karo-Königin, den gesetzlichen Mindestlohn abschaffen wollte. "Unsere Karten handeln nicht nur vom Irak-Krieg", sagt Levy, und Deussing ergänzt: "Die Bush-Regierung ist sehr vielfältig in ihrem unerhörten Verhalten."
Brückenköpfe in Texas
"Unseren ersten Monat haben wir noch selbst in Warteschlangen bei der Post verbracht", sagt Deussing. Inzwischen beschäftigt Bush Cards mehrere "Angestellte", die in Levys früherem Esszimmer arbeiten. Dort sitzt heute Arslan Zuken, 30, und steckt ein Kartenspiel nach dem anderen in gelbe Umschläge. Mehr als die Hälfte der Exemplare wird über Buchläden verkauft, in Cafés und Musik-Geschäften zwischen Boston und San Francisco. Lange traute sich Levy nicht recht, Läden in Texas anzurufen, Bushs Heimatstaat. Jetzt sind die Karten dort immerhin in Dallas zu haben und in drei Geschäften in Austin, einer Unistadt.
"Wir waren früher politisch nie aktiv", sagt Levy über sich und seine Kompagnons. Er selbst hat ein Mal gegen den ersten Irak-Krieg demonstriert, ein Mal für das Recht auf Abtreibung - das war alles, bis Bush Junior Truppen gen Bagdad schickte. "Dieser Eilmarsch in den Krieg hat mich geärgert", sagt Levy, "die Arroganz der Regierung im allgemeinen." Amerika-feindlich oder Nestbeschmutzer seien sie nicht, das sagen Deussing und Levy gleich mehrfach. Auf den Seiten der Kartenkartons steht: "Mit Stolz in den USA hergestellt".
"Der Maßstab unseres Erfolges"
Levy und Dailey trafen sich schon in High-School-Tagen, Deussing lernte sie während seines Studiums kennen. Dailey arbeitet fest als Kameramann für die TV-Show "Ed", die beiden anderen verstehen sich als freie Filmemacher. Deussing hat eine Dokumentation über Rassismus für den öffentlichen Kanal PBS gedreht, er hilft bei einem Filmfest in Kroatien mit. Levy arbeitete zuletzt an einem Dokumentarfilm über einen Muskelprotz, der Autos stemmt und Eisenstangen verbiegt. Die Bänder stehen, noch ungeschnitten, in seiner Wohnung. Irgendwann wollen Levy und Deussing ihr altes Leben zurück, aber noch nicht. "Jeden Morgen sehe ich in meinem E-Mail-Eingang die Bestellungen für Bush Cards", sagt Deussing, "das macht mich glücklich."
Als sich die Gründer im Mai in der John Street Bar trafen, hielten sie auf einer Serviette drei Ziele fest. Sie wollten Spaß haben, auf neue Weise politisch wirken, und ihr Anfangsinvestment wieder hereinholen: 10.000 Dollar für den ersten Druck und Material, abgerechnet über Levys Mastercard. Alles hätten sie geschafft, sagen Levy und Deussing. Für jeden springe sogar ein monatliches "Gehalt" heraus, aber kein sonderlich hohes. Sie denken sich: Besser viele Karten zu billig verkaufen als wenige teuer.
Die drei Ziele sind inzwischen durch ein neues ersetzt worden, ein ehrgeiziges. Deussing klingt ziemlich ernst, als er sagt: "Haben wir unsere Firma bis zur Wahl 2004 überflüssig gemacht? Das ist der Maßstab unseres Erfolges."