MARGARINE Spion bei Dottersan
Rund 2000 Hausfrauen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen brutzeln seit einigen Wochen ihre Braten in dem Fett einer neuen Margarinesorte, die ihnen die Hamburger Vitakost Handelsgesellschaft unter dem Namen »Dottersan« direkt ins Haus liefert.
Bisher hatten diese 2000 Hausfrauen ausnahmslos eine andere Margarinesorte verwendet, nämlich die Marke »Plantasan« der Hamburger Firma Walther Bölck. Zu dem Markenwechsel sahen sich die Hausfrauen gezwungen, weil sie ihre Margarine auch weiterhin auf dem bequemen Weg beziehen wollten, den sie als Stammkundinnen der Firma Bölck kennen- und schätzengelernt hatten. Der Lebensmittelvertrieb Walther Bölck hatte ihnen seit Jahren Woche für Woche seine in eigener Fabrikation hergestellte »Plantasan«-Margarine von radelnden Boten ins Haus bringen lassen.
Dieses Direktverteiler-System, das der vor elf Jahren verstorbene Firmengründer Friedrich Bölck bereits 1921 eingeführt hatte, wurde jahrzehntelang ausschließlich von ihm praktiziert. Bölck belieferte schließlich vor dem zweiten Weltkrieg - mit über 3000 Verteilern - so viele Kunden, daß er drei Margarinefabriken kaufen konnte. Wie gesund sein Unternehmen war, zeigten manche Kapriolen, die sich der alte Bölck, leistete, ohne sein Vermögen zu gefährden. Er brachte es zum Beispiel fertig, einen ihm sympathisch erscheinenden Mann auf der Straße anzusprechen und ihm auf der Stelle ein Auto zu schenken.
Zu Friedrich Bölcks kostspieligen Angewohnheiten gehörte es ferner, Ehen zu stiften. Arbeiter und Arbeiterinnen seines Betriebs, von denen er glaubte, sie könnten zueinander passen, drängte er zur Heirat. Nur selten widersetzten sich die Auserkorenen dem alten Menschenkenner, denn er machte ihnen die Heirat durch fürstliche Präsente schmackhaft. Die Paare erhielten als Hochzeitsgeschenke ganze Wohnungseinrichtungen und in einigen Fällen sogar ein Eigenheim.
Ältere unter den heute noch radelnden Bölck-Verteilern erinnern sich noch an die Bier- und Sektfeste, die der alte Bölck viermal im Jahr für seine Boten im jeweils exklusivsten Hotel des Bezirks gab. Nicht eben zum Entzücken der Hoteliers ließ der Millionär seine Verteiler auf ihren Margarine-Fahrrädern anrollen, die in langer Reihe vor der Hotelauffahrt zusammengestellt wurden. Im luxuriös ausgestatteten Foyer zogen sich dann die Boten die Fahrradklammern von den Hosen.
Der heutige Alleininhaber der Firma Walther Bölck*, Hans Gesche, 45, kann sich derartige Extravaganzen allerdings nicht mehr leisten, obschon er mit einem Jahresumsatz von sechs Millionen Mark immer noch weit vor den fünf Konkurrenzfirmen rangiert, die im Laufe der Nachkriegsjahre Bölcks Direktverkaufs-System nachahmten.
Gesches bislang so sichere Einnahmen sind in Gefahr, wie seine »Plantasan«-Margarine in der Pfanne zu zerschmelzen: Ein sechster Konkurrent, der Hamburger Kaufmann Fritz Gottlieb Groenhoff, versucht seit einiger Zeit, Gesches Kundenstamm zu kapern. Groenhoff bedient sich einer Methode, so behauptet Gesche, die bisher vorwiegend von den an Facharbeitermangel leidenden Firmen des Baugewerbes und der eisenverarbeitenden Industrie angewandt wurde: der Abwerbung.
Fritz Gottlieb Groenhoff ist in der Fettbranche nicht unbekannt. Er war persönlich haftender Gesellschafter der Hamburger Ölsaatenfirma Groenhoff & Laub, die wegen einiger zu gewagter Spekulationen im Sommer 1954 in Konkurs ging (SPIEGEL 32/1954). Die Gläubiger meldeten in dem noch immer nicht abgeschlossenen Konkursverfahren 16,46 Millionen Mark Forderungen an.
Es zeigte sich jedoch bald, daß Millionenschulden einen wendigen Kaufmann durchaus nicht zu entmutigen brauchen. Schon wenige Tage nach der Beschlagnahme seiner persönlichen Habe zugunsten der Gläubiger erschien Groenhoffs Ehefrau Ruth bei dem Konkursverwalter Johann Leibkutsch und holte gegen Barzahlung von 1000 Mark zunächst einmal die Jagdgewehre ihres Mannes zurück. Gegen Zahlung von weiteren 22 000 Mark wurde auch Groenhoffs hübsche Villa in Hamburg-Lokstedt aus der Konkursmasse entlassen und vor der Versteigerung bewahrt.
»Ich konnte mich verbessern«
Damit waren jedoch die finanziellen Möglichkeiten des bankrotten Kaufmanns noch lange nicht erschöpft. Sein Tatendrang konzentrierte sich auf das Gebiet des Margarine-Verkaufs. Zu diesem Zweck sorgte er zunächst für die Gründung der Vitakost Handelsgesellschaft.
Als Gesellschafter der Vitakost fungieren Groenhoffs Ehefrau Ruth und der nahe verwandte Schlossermeister August Groenhoff. Der Initiator der Firma, Fettkaufmann Fritz Gottlieb Groenhoff, ist lediglich Geschäftsführer und als solcher Angestellter seiner Frau. Die Eheleute vereinbarten Gütertrennung, so daß die Vitakost Handelsgesellschaft vor einem Zugriff der alten Gläubiger Groenhoffs sicher ist.
Groenhoffs besonderes Interesse galt dem Margarine-Direktvertrieb, genauer: der alten Praxis der Firma Bölck, der plötzlich die besten Verteiler im norddeutschen Raum davonliefen. In den Kündigungsschreiben las Bölck-Chef Hans Gesche meistens den Satz: »Ich konnte mich verbessern.«
Als Hans Gesches Vertriebs-Inspektoren die untreu gewordenen Verteiler fragten, was sie denn zur Kündigung bewogen habe, hörten sie immer wieder: »Die Firma Vitakost bietet uns mehr und hat versprochen, uns mit Mopeds oder Lloyd-Kleinwagen zu motorisieren.«
In der richtigen Erkenntnis, daß es für ihn jahrelanger Arbeit bedurft hätte, sich mit neuen Leuten ein eigenes Kundennetz zu schaffen, rekrutierte Groenhoff auch den Stab seiner für die kaufmännische Organisation bestimmten Angestellten aus ehemaligen Bölck-Mitarbeitern. Deren genaue Betriebskenntnisse ermöglichten es Groenhoff, seine Abwerber gleich zu den Verteilern mit den größten Kundenbezirken zu schicken. In wenigen Wochen sprachen Groenhoffs Abgesandte bei rund 60 Bölck -Verteilern in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen vor.
Nicht alle Verteiler ließen sich von Groenhoff durch die Aussicht ködern, statt des Fahrrad-Pedals künftig das Gaspedal eines Lloyd-Kombiwagens zu treten oder mit einem Moped von Haus zu Haus zu fahren. Immerhin liefen 18 Bölck-Verteiler zu Groenhoff über, weitere 15 erklärten sich bereit, neben den »Plantasan«-Würfeln künftig auch Groenhoffs »Dottersan« -Margarine zu verkaufen, obwohl Ihnen das laut Vertrag mit der Firma Bölck streng untersagt war.
Für eine kurze Weile wechselte sogar Gesches festangestellte Verkaufskanone Margarete Schmoranzer, 55, zu Groenhoff über, der sie in seine Villa einlud und ihr einen Vertrag mit seiner Firma aufdrängte, indem er ihr die Tilgung ihrer Steuerschulden beim Finanzamt und ein Moped versprach.
Doch die bewährte Verkäuferin Schmoranzer ließ sich bald von ihrem alten Chef Gesche erweichen. Reumütig kehrte sie zu ihm zurück und gab auf Gesches Bitte eine eidesstattliche Erklärung darüber ab, mit welchen Methoden Groenhoff sie umgarnt hatte. Auch einige andere Verteiler, die den Lockungen Groenhoffs widerstanden hatten, unterschrieben ähnliche eidesstattliche Erklärungen - was Groenhoff einige Kopfschmerzen bereitet.
Gestützt auf diese Erklärungen hat nämlich Gesche beim Hamburger Landgericht eine Klage eingereicht: Der Vitakost Handelsgesellschaft soll verboten werden, »an Verteiler des Klägers heranzutreten, um sie der Firma des Klägers abspenstig zu machen«. Die planmäßige Abwerbung und Verleitung zum Vertragsbruch ist nach dem Gesetz über den unlauteren Wettbewerb verboten. Außerdem kann der Geschädigte Schadenersatzansprüche geltend machen.
Als Kronzeuge in dem von Gesche angestrengten Prozeß wird ein Mann namens Wesselkamp auftreten, der ebenfalls zwischen den Fronten der beiden Konkurrenzfirmen pendelte und sich bei »Dottersan« -Groenhoff dadurch beliebt machte, daß er kräftig auf Gesche schimpfte, worauf er sofort in Groenhoffs Dienste trat. Aber schon nach wenigen Monaten war Wesselkamp wieder für Gesche tätig. Groenhoff vermutet: »Gesche hat mir einen Spion in den Betrieb geschickt.«
* Friedrich Bölck verlor im Dritten Reich wegen staatlicher Lenkungsmaßnahmen die Lust an seinem Betrieb und verkaufte ihn gegen eine monatliche Lebensrente von 10 000 Mark an den Unilever-Konzern (Sanella, Rama), der das Unternehmen stillegte. Der Hamburger Margarinefabrikant Hans Gesche traf nach dem Krieg mit Friedrich Bölcks Sohn Walther eine Vereinbarung über die Fortführung des Betriebes und baute das Vertriebssystem - zum Teil mit den alten Bölck-Mitarbeitern - wieder auf.
»Plantasan«-Chef Gesche
Die Konkurrenz versprach ...
»Dottersan«-Chef Groenhoff
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