KONZERNE Spitzer Bleistift
Martin Bangemann hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben. Monat um Monat machte der Wirtschaftsminister dem Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter Avancen, und die versprochenen Geschenke wurden immer teurer. Der Stuttgarter Konzern solle sich
doch an der Luft- und Raumfahrtfirma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) beteiligen.
Doch Reuter zierte sich lange: Miteinander reden könne man ja, doch für mehr sei die Zeit noch nicht reif.
Inzwischen ist sie es wohl: Edzard Reuter hat Bangemann wissen lassen, daß er dessen letztes Angebot, vorgetragen vor fünf Wochen, wohl nicht ausschlagen werde. Die politischen Voraussetzungen für einen Daimler-Einstieg bei MBB, sagt Reuter, »liegen jetzt vor«, wenn auch zum Teil nur als »prinzipielle Absichtserklärungen«. Gemeint sind die Bonner Versprechnungen.
Nachdem Daimler-Benz sich bereits MTU, Dornier und AEG einverleibt hat, bereitet sich der größte deutsche Konzern darauf vor, auch bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm das Steuer zu übernehmen. Reuter drängt nun sogar: Wenn die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie im internationalen Wettbewerb mithalten wolle, müsse das Geschäft in »sehr absehbarer Zeit« zustande kommen. Daimler will sich mit 30 Prozent bei MBB einkaufen, so wie es Bangemann vorgeschlagen hatte (SPIEGEL 22/1988). Im nächsten Jahr soll MBB bereits zum Daimler-Konzern gehören.
Zusammen mit seinem Vize Werner Niefer hat Reuter die Vorstände und Aufsichtsräte bei Daimler schon über den bis in die Details ausgearbeiteten Plan unterrichtet, nach dem sich der Einstieg vollziehen soll. Die Stuttgarter bekommen die gewinnträchtigen Teile von MBB, das Raumfahrt- und Rüstungsgeschäft, und bleiben von den finanziellen Risiken der Airbus-Produktion verschont, die zumindest bis 1994 weiter der Bund trägt.
Damit das fein säuberlich auseinandergehalten werden kann, soll MBB zuerst geteilt werden. Alle dem Airbus »ganz oder überwiegend zuordenbaren Aktivitäten«, so erläuterten Reuter und Niefer ihren Vorstandskollegen, würden ausgegliedert und in eine »neu zu gründende Aktiengesellschaft« eingebracht. An dieser Airbus AG sollen MBB und die Bundesregierung beteiligt sein; die Bonner Anteile wird die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau verwalten.
Mit den Verlusten, die in diesem Bereich künftig noch anfallen, wird der Daimler-Konzern nichts zu tun haben. Der eigentliche MBB-Konzern, an dem die Stuttgarter sich beteiligen, wird eine eigenständige Aktiengesellschaft. Kein Wunder, daß Reuter und Niefer nun geneigt sind, das Bonner Angebot anzunehmen. Sie sind überzeugt, daß »eine derartige Beteiligung« für ihr Unternehmen »sinnvoll« ist.
Mit den zusammengekauften Firmen AEG, MTU und Dornier ist Daimler zwar schon in der Luft- und Raumfahrt aktiv, der Konzern baut Flugzeuge und Raketen, produziert die Elektronik und Trigebwerke. Doch nur durch eine Verbindung mit MBB, meinen Reuter und Niefer, können sie gegen starke Konkurrenten in Europa und den USA auf Dauer mithalten.
Die Daimler-Manager überlegen bereits, wie sie ihr Firmenkonglomerat nach dem Einstieg bei MBB neu ordnen, um alle auf ihre Töchter verteilten Aktivitäten zusammenzufügen. Die Daimler-Anteile an MBB und Dornier könnten, so meint Reuter, »in eine von uns zu gründende Aktiengesellschaft« eingebracht werden, um so zu einer »sinnvollen Abstimmung« der Firmenpolitik zu kommen. In diese neue Daimler-Tochter könnten dann auch die entsprechenden Sparten von MTU (Triebwerkbau) und AEG (Elektronik für Luft- und Raumfahrt) eingebracht werden.
Doch zuvor müssen in Bonn und Stuttgart noch einige Widerstände beiseite geräumt werden. Die Familie Dornier, mit 30,5 Prozent an der Daimler-Tochter beteiligt, hält wenig davon, das Unternehmen mit MBB zu vereinen. Sie kann bislang alle Pläne blockieren. Daimler möchte ihnen deshalb am liebsten ihre Anteile abkaufen.
Auch Bangemann muß noch Überzeugungsarbeit leisten. Kanzler Helmut Kohl und Franz Josef Strauß sind zwar für den ausgehandelten MBB-Plan. Allein Finanzminister Gerhard Stoltenberg ist noch skeptisch. Mit ihm trifft sich Bangemann Anfang Juli, um alles festzuzurren. Für die künftig abgetrennte Airbus-Sparte von MBB wird der Bund vorerst noch mit Milliarden sorgen müssen. Zunächst übernimmt er sämtliche Schulden aus dem laufenden Airbus-Programm. Zusätzlich, so hat Bangemann versprochen, werde Bonn die Risiken aus den Kursschwankungen des Dollar zu heutigen Paritäten bis 1994 absichern.
Wenn die Airbus-Firma dann, nach jahrelanger Subvention mit Steuergeldern, endlich Chancen hat, Gewinne einzufliegen, soll sie völlig an Daimler-Benz übergeben werden. Bangemann will Deutschlands reichste Firma auch danach noch gegen drei Viertel aller künftigen währungsbedingten Verluste aus dem Airbus-Geschäft bis ins Jahr 2000 absichern.
So herausgeputzt, könnte der Airbus für Daimler ein Geschäft werden. Reuter jedenfalls ist davon bereits überzeugt. »In einigen Jahren«, meint er, habe der Airbus eine Fliegerflotte, die »wirtschaftlich attraktiv ist«.
Zweifler im eigenen Hause, die dem Einstieg bei MBB skeptisch gegenüberstehen, versucht der Konzernchef mit Hinweisen auf bewährte Unternehmenspraxis zu überzeugen. Er, Reuter, würde stets mit »spitzem Bleistift« kalkulieren - »auch wenn die Kriegskasse gut gefüllt ist«.