Sportkanal ESPN Amerikas Testosteron-TV
New York - Die Lage ist so ernst, dass der Stadtrat den Ausnahmezustand ausgerufen hat. "Öffentliche Gesundheit, Sicherheit und Wohlergehen" seien bedroht, erklärten die Kommunalpolitiker in ihrer Eil-Resolution Nr. 23-04, die sie dem Bürgermeister übermittelten und vorsichtshalber auch gleich dem Gouverneur, dem Senator und dem Kongressabgeordneten in Washington. Es seien "dringende Notmaßnahmen erforderlich".
Der Notstand, der Parma dräut, einem 90.000-Einwohner-Ort in Ohio, ist ein außergewöhnlicher. Keine Naturkatastrophe. Keine Seuche. Keine marodierenden Banden. Nein, die Gefahr für Recht und Ordnung in Parma tarnt sich ganz geschickt - als Sport, Spiel und Spannung.
Es ist der Sport-Kabelsender ESPN.
Kopfschmerzen für die Konkurrenz
Im Zentrum des Sturms stehen nicht die ESPN-Sportprogramme selbst, sondern deren Gebühren. "Der Rat protestiert hiermit gegen die hemmungslosen Preiserhöhungen der Sport-Networks, besonders von ESPN", wüten die Stadträte in ihrem Edikt. Solcher Wucher "mindert den Wert des Fernsehens für den Verbraucher". Was den Politikern jetzt Grund genug sei, "den Notstand zu erklären": "Die Bürger sollten das nicht zahlen müssen."
Der Protest der Lokalmatadoren in Ohio ist mehr als nur eine heitere Episode aus der Provinz. Er illustriert, wie tief der einstige Start-up-Pionier ESPN sich inzwischen ins Bewusstsein der Amerikaner gesendet hat - und dass es hier nicht nur um Sport geht, sondern um Medien- und Marketingmacht, sprich: um sehr viel Geld. Denn der Rund-um-die-Uhr-Sender beschert dem Mutterkonzern Disney heute als unantastbarer Branchenführer rund drei Milliarden Dollar Umsatz im Jahr.
Weshalb es einleuchtet, dass der Kabelgigant Comcast beim Griff nach dem Disney-Medienreich sein Auge nicht zuletzt auch auf ESPN geworfen hat. ESPN ist eine der begehrtesten Trophäen im US-Kabelmarkt, einem 51-Milliarden-Dollar-Großgeschäft. Comcast würde mit ESPN den eigenen Kunden schlucken und damit der Konkurrenz, etwa dem Anbieter-Rivalen Cox Communications, schwere Kopfschmerzen bereiten.
Schleichende Medienkonzentration
Der Aufstieg von ESPN zu einer der profitabelsten Medienunternehmungen der USA - er ist Sinnbild der lukrativen Symbiose zwischen Sport und Fernsehen. Vor 25 Jahren mit der Live-Übertragung eines Softball-Spiels zwischen den "Kentucky Bourbons" und den "Milwaukee Schlitz" gestartet, hat sich der Sender über Monopol-Verträge, zum Beispiel mit den Profi-Ligen NFL (Football) oder NBA (Basketball), eine einzigartige Marktposition geschaffen. Die ESPN-Bilanzen sind geheim, doch Branchenkenner schätzen, dass ESPN pro Jahr rund eine Milliarde Dollar Gewinn macht und einen Gesamtwert von 15 bis 20 Milliarden Dollar hat. Disney hält 80 Prozent, den Rest besitzt der traditionsreiche Hearst-Konzern.
Die Dachmarke ESPN Inc. sendet aus dem verschlafenen Bristol im US-Bundesstaat Connecticut heute pro Jahr mehr als 5100 Programmstunden in über 65 Sportarten in fast 90 Millionen US-Haushalte. Es gibt insgesamt sieben Ableger, darunter ESPN2, ESPN Classic (historische Spiele in Endlosschleife), ESPNews, ESPN Desportes (in Spanisch, für den wachsenden Latino-Markt), ESPN HD (in High-Definition), außerdem ESPN Radio und eine Zeitschrift, "ESPN The Magazine", mit einer Auflage von 1,75 Millionen, immerhin mehr als halb so viel wie "Sports Illustrated".
Teil zwei: "Wir alle brauchen das SportsCenter, jeden Tag"
Der Werdegang von ESPN ist zugleich ein klassisches Beispiel für den Mechanismus der schleichenden Medienkonzentration: Nach fünf Jahren Unabhängigkeit wurde der Sender 1984 vom damals selbst noch unabhängigen TV-Network ABC geschluckt, dieses wiederum elf Jahre später vom Disney-Konzern, welcher nun also auf der Comcast-Speisekarte steht. Womit der Kabelmoloch aus Philadelphia alles in der Hand hielte - Inhalt, Produktion und Vertrieb.
Anchors als Action-Helden
Und diese Inhalte sind es, die ESPN bei seinen Zuschauern so immens populär machen. Sport ist in den USA ein Nationalgut; ESPN nutzt das nicht nur durch seine Exklusivrechte an Live-Übertragungen aus, sondern auch durch seine unorthodoxe Präsentation. "SportsCenter" - die zentrale ESPN-Sportschau, die teils von Ex-Komikern und Satirikern moderiert wird - hat eine devote Fan-Gemeinde, mit eigenen Fanclubs und Websites, und existiert längst auch in digitaler Form: als "SportsCenter"-Gamestation. Als die Sendung im vorigen August ihre 25.000. Ausgabe feierte, versank die TV-Gemeinde in einem landesweiten ESPN-Partyrausch, und Basketball-Ikone Michael Jordan sprach werbewirksam: "Wir alle brauchen das 'SportsCenter', um uns jeden Tag immer wieder neu zu motivieren."
Die "SportsCenter"-Anchors sind selbst Kult-Stars, die es als Action-Held-Plastikpuppen zu kaufen gibt. Der legendäre "SportsCenter"-Ex Keith Olbermann, heute bei der Kabelkonkurrenz MSNBC, ziert ein Skatspiel. Und auf der Website www.SportsCenterAltar.com haben Anhänger virtuelle Devotionalien gesammelt: die erinnerungswürdigsten Momente - etwa als der italienische Torwart Gianluca Pagliuca in einer Live-Sendung seine Hosen verlor - oder 428 Anchor-Sprüche, die es in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft haben ("Reich ihm den Hammer!").
Verhandlungen im stillen Kämmerlein
Doch der ganze Jux ist vor allem ein Mega-Geschäft - für alle Beteiligten. 600 Millionen Dollar im Jahr zahlt ESPN allein der NFL für die Football-Übertragungsrechte. Für Basketball löhnt der Sender 400 Millionen Dollar, für Baseball 135 Millionen Dollar. Diese Kosten gibt ESPN prompt an die Kabelunternehmen weiter; seine Gebühren liegen deshalb oft um das Fünffache über denen anderer Sender und machen ihn zum teuersten Kanal der USA. Zugleich kann ESPN auch höhere Werbepreise als die Konkurrenz verlangen, wegen seiner begehrten, anderswo eher abgängigen Zielgruppe: "Aktive, wohlhabende Männer mit hohen Verbrauchsmustern", wie sie die Marketing-Abteilung von ESPN nennt.
Es sind aber eben diese Gebührenspielchen, die ESPN in letzter Zeit Sorgen bereitet haben. Wurden diese Preis-Verhandlungen bisher diskret im stillen Kämmerlein geführt, so hat sie der ESPN-Kabelpartner Cox jetzt ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Cox, mit 6,3 Millionen Abonnenten der viertgrößte US-Anbieter, wehrte sich lautstark gegen die jährlichen ESPN-Gebührenerhöhungen um 20 Prozent (Branchendurchschnitt sind sechs Prozent) - und stürzte den Sender so in die wohl größte Krise seines Bestehens.
Volksaufstand gegen Gebührenerhöhung
Das in Atlanta ansässige Cox drohte, ESPN nach Ablauf des jetzigen Vertrags im März aus seinem regulären Angebot zu werfen und in ein teureres Extra-Paket zu verbannen. Gleichzeitig zog Cox auf einer Protest-Website (www.makethemplayfair.com) gegen ESPN & Co. her ohne sich selbst jedoch als Urheber der Seite zu identifizieren. ESPN-Präsident George Bodenheimer hielt dagegen, dass die US-Kabelgebühren - im Schnitt monatlich 40 Dollar für rund 80 Kanäle - nicht wegen der Programmkosten so hoch seien - sondern, weil die Kabelleger damit ihre eigenen, aufgeblähten Overhead-Kosten abdecken wollten.
Am Ende einigten sich beide Seiten vorige Woche auf einen Kompromiss, wonach ESPN die Gebührenerhöhungen über die nächsten neun Jahre schrittweise dämpft. Doch die Frage bleibt ein politisches Reizthema, zu dem auch der Kongress Anhörungen abgehalten hat. Schon prophezeit Medien-Analyst Richard Greenfield im "Wall Street Journal" einen "Volksaufstand". ESPN steckt in der Klemme: In den nächsten zwei Jahren laufen auch die Verträge mit Cablevision und DirecTV aus - und der mit Comcast, mit 21,6 Millionen Haushalten die Nummer eins auf dem Markt.
Minderung der Lebensqualität?
Da käme Comcast der Disney-Deal wie gerufen. Es würde Comcast erlauben, direkt mit den Sportligen zu verhandeln, ohne ESPN als separaten Mittelsmann. Für die anderen Kabelanbieter wäre das sogar ein Segen, da es die Gebühren senken dürfte, die sie an ESPN zahlen: "Die restliche Kabelindustrie drückt Comcast die Daumen", sagte der Analyst Larry Gerbrandt dem "Wall Street Journal".
Die Daumen drücken sie Comcast auch in Parma, Ohio. Parma wird nämlich von Cox beliefert. Und ein Verlust des Sports, so die Stadtväter in ihrer Resolution, sei eine "unmittelbare Minderung der Lebensqualität".