Staatsfeind Nummer eins - DER SPIEGEL
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GLOBALISIERUNG Staatsfeind Nummer eins

Der französische Nahrungsmittel-Multi Danone liefert sich einen erbitterten Streit mit einem chinesischen Partner. Der Krach zeigt exemplarisch, wie fragil Geschäfte im Reich der Mitte noch sind.
• aus DER SPIEGEL 34/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die chinesischen Demonstranten zogen direkt vor das Shanghaier Luxushotel Portman Ritz-Carlton. Sie trugen gelbe Mützen, gelbe Hemden und entfalteten riesige Protestbanner: »Verräter und Kettenhunde werden kein gutes Ende finden«, drohten sie in blutroten Schriftzeichen. Und: »Wir wollen den Vorsitzenden Zong. Auf gar keinen Fall wollen wir Danone.«

Das Spektakel währte nur kurz, dann wurden die Unruhestifter von der Polizei abgeführt. Doch ihr Zorn hallte bis ins Hotel - und das war beabsichtigt: Denn drinnen bezog gerade der französische Lebensmittelkonzern Danone Stellung in einer bizarren Schlammschlacht mit Zong Qinghou, 62, dem Gründer des gemeinsamen Getränke-Joint-Venture Wahaha.

Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass der Streit zwischen den Franzosen und ihrem langjährigen chinesischen Partner weiter eskaliert.

Danone beschuldigt Zong, er habe über Verwandte etliche geheime Parallelfirmen gegründet, die zumeist gleiche Produkte herstellen. Im Gegenzug wirft Zong den Franzosen vor, mit heimischen Wettbewerbern gegen ihn zu paktieren.

Vor einem US-Gericht verklagte Danone unter anderem bereits die Tochter des Chinesen und deren Mutter. Wutentbrannt schmiss Zong daraufhin seinen Job als Vorstandschef des Gemeinschaftsunternehmens hin. Nun schürt er von außen den chinesischen Volkszorn gegen Danone. Wahaha hat ebenfalls Klage gegen die Franzosen eingereicht.

Es ist ein Krach, durch den Danone jeden Monat rund 25 Millionen Dollar verliert. Aber es sind weniger diese Verluste, es ist die Härte der Auseinandersetzung, die auch die Börsen verunsichert: Seit Februar gab die Aktie um 15 Prozent nach.

Westliche Geschäftsleute horchen auf. Mit einer Mischung aus höflicher Sympathie und heimlicher Schadenfreude beobachten sie das Desaster, in das Danone da gerade schlittert: Offenbar auch aus Ungeschick und Überheblichkeit geriet der Nahrungsmittel-Multi (Jahresumsatz 2006: 14,1 Milliarden Euro) in der Volksrepublik zeitweise in die Rolle des Staatsfeindes Nummer eins.

Der Krach hat Symbolkraft, denn letztlich geht der öffentliche Streit alle ausländischen Firmen an - als Lehrstück über die Risiken auf dem chinesischen Riesenmarkt, den westliche Konzernchefs sonst so preisen. Aber sie wissen auch, wie fragil die Wirtschaftsbeziehungen sind; wie schmal der Grat ist zwischen einem gu- ten Deal und der Gefahr, von den Chinesen einfach über den Tisch gezogen zu werden.

Die Rivalen in dem Wirtschaftskrimi könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite ficht der Danone-Statthalter Emmanuel Faber, 43, ein mausgrauer Manager, der auf Verträge und Paragrafen pocht. Auf der Gegenseite schlägt Getränke-Tycoon Zong zurück, ein lebenspraller neureicher Aufsteiger, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzt. Ihm gelang es, Wahaha zur beliebtesten heimischen Getränkemarke aufzubauen.

Zong qualmt bereits die sechste Zigarette in knapp einer halben Stunde. Von seiner Hotelsuite in Shanghai dirigiert er nun die Schlacht um sein Lebenswerk -

gegen Danone. Seine Augen leuchten vor Kampflust. Immer wieder muss er selbst lachen, wenn er »Fan Yimou« - so nennen die Chinesen Faber - mit ätzendem Spott überzieht: Der Franzose kapiere rein gar nichts von der chinesischen Kultur.

Zong redet, als sei er immer noch Boss des Joint Venture. Er kann nicht glauben, dass es ohne ihn funktioniert: Infolge des Streits fiel das Wachstum von Wahaha spürbar zurück, im zweiten Halbjahr rechnet Danone mit einem um ein Drittel niedrigeren Umsatz des Joint Venture.

Angestellte und Händler der Firmengruppe zeigen wenig Lust, für Danone Getränke zu verkaufen. Ihren legendären Chef, der sie über Aktien großzügig an Wahaha beteiligte, verehren sie fast so, wie die Chinesen einst ihrem Großen Vorsitzenden Mao huldigten.

Zwischen Wahahas Firmengründer - er bezeichnet sich selbst als »aufgeklärten Diktator« - und Mao gibt es Ähnlichkeiten: Als Jugendlicher vertiefte sich Zong in die Werke des Gründervaters der Volksrepublik. Maos Gedanken waren so ziemlich die einzige Lektüre für den Mann, der wegen seiner unproletarischen Herkunft während der Kulturrevolution anderthalb Jahrzehnte lang auf Salzfeldern und Teeplantagen schuften musste.

Ende der achtziger Jahre begann er dann seinen rasanten Aufstieg zum Multimillionär. Es ist eine Gründerstory, wie sie für die asiatische Weltfabrik typisch ist. Und sie zeigt zugleich, wie rasend sich China von einer billigen Exportbasis zum heißumkämpften Absatzmarkt mit eigenem Selbstbewusstsein entwickelt.

In seiner Heimatstadt Hangzhou zog Zong zunächst mit seinem Lastenfahrrad durch die Straßen, verkaufte Wasser, Limonade, Eis am Stiel und Schulhefte. Dann brachte er Wahaha auf den Markt - einen Gesundheitstrank, den Eltern in ganz China begeistert ihrem Nachwuchs einflößten. Den Namen Wahaha entlieh Zong einem Lied aus sozialistischen Zeiten - er soll an das Lachen eines Kindes erinnern.

1995 setzte das Unternehmen bereits rund hundert Millionen Dollar um. Doch Zong wollte expandieren. Er brauchte Geld. Deshalb gründete er 1996 mit Danone fünf Joint Ventures. Zong überließ den Franzosen für ihr finanzielles Engagement 51 Prozent an den mittlerweile 39 Gemeinschaftsfirmen.

Wahaha und Danone schienen anfangs wie geschaffen füreinander. Die Franzosen begnügten sich damit, in China bequem Gewinne zu kassieren. Das Management überließen sie fast ausschließlich dem arbeitswütigen Chinesen, der 200 Tage im Jahr den heimischen Markt bereiste und Kontakte bis in die Staatsspitze pflegt: Zong ist KP-Mitglied und Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses.

Nebenbei baute er auch sein eigenes Wahaha-Imperium aus - mit Zustimmung von Danone, wie er betont. Als Geschäftsmann nutzte er eine andere Mao-Taktik: Er eroberte den Getränke-Markt von ländlichen Gebieten aus, nicht von den Städten, wo die großen Wettbewerber schwer zu schlagen waren.

Dabei führte er das Joint Venture wie einen Einmannbetrieb. 1998 forderte er gar die amerikanische Kultmarke Coca-Cola heraus: Seine »Future Cola« schmeckt fast wie das Original, auch das Design der Flaschen ist auffallend ähnlich. Seit 2004 bietet Wahaha seine China-Cola sogar in den USA an.

Solche Expansionsgier sorgt für Ärger. Und auch mit Partner Danone war die Harmonie bald dahin. Zwar setzte Wahaha allein vergangenes Jahr rund 1,5 Milliarden Dollar um. Zong erklomm Platz 23 auf Chinas inoffizieller Reichen-Liste. Doch jedes Mal, wenn Wahaha neue Produkte wie seine Cola auf den Markt bringen wollte, habe Danone zunächst nein gesagt, zürnt er. Hinterhältig findet er vor allem, dass sich Danone systematisch bei chinesischen Konkurrenten von Wahaha einkaufte.

Umgekehrt wollen die Franzosen erst 2005 gemerkt haben, dass ihr umtriebiger Partner rund 20 angeblich geheime Firmen außerhalb der Joint Ventures kontrollierte. Danone ließ ihn von Detektiven beschatten. Die meldeten, dass die Parallelfirmen mit gleichen Produkten einige Millionen Euro eigenen Umsatz machten und so das Joint Venture schwächten.

So etwas kommt in China öfter vor, und viele West-Firmen reagieren dann so, wie auch Danone es zunächst versuchte: Die Franzosen verhandelten in aller Stille laut Zong über eine Beteiligung an dessen Nebenfirmen. Nur: Er forderte weitaus mehr Geld, als Danone zu zahlen bereit war.

So explodierte der hässliche Zwist schließlich öffentlich, mit aller Symbolik, die ein derartiges Theater hergibt. Mao-Schüler Zong tritt mittlerweile am liebsten unter roten Spruchbändern auf, die an die Kulturrevolution erinnern. Den privatwirtschaftlichen Streit garniert er mit patriotischen Sprüchen: Das chinesische Volk habe sich erhoben, poltert er, die Zeiten seien vorbei, als die imperialen Großmächte China eroberten.

Geschickt appelliert der rote Kapitalist an das wachsende Selbstbewusstsein der Chinesen: »Unser Land besitzt über eine Billion US-Dollar Devisenreserven«, prahlt er. China dürfte es nicht länger anderen überlassen, »unseren Reichtum unter sich aufzuteilen«. Der anfangs kleine Krach bekommt mittlerweile grundsätzliche Züge.

Selbst im Internet feiern Patrioten Zong als Nationalhelden im Kampf gegen die »ausländischen Teufel«. Im Blog »Hulong« fordert ein Teilnehmer: »Lasst uns vom ehrwürdigen Zong lernen und bis zum Ende gegen Kapitalisten und Imperialisten wie Danone und Coca-Cola kämpfen.«

Der Guerillakrieg um die Loyalität der Mitarbeiter und Kunden von Wahaha ist für Danone-Manager Faber schwer zu gewinnen. Eine Vorstandssitzung des Joint Venture soll er unlängst vorzeitig über den Notausgang verlassen haben. Draußen protestierten mal wieder Zongs Anhänger.

Dabei kommt der Ärger mit den Franzosen der Regierung in Peking ungelegen. Sie kann zusätzliche Handelsspannungen nicht gebrauchen: Wenn Zong im Streit mit Danone auf Chinas nationale Sicherheit anspiele, sei das »nicht nur irrelevant, sondern dumm«, kritisierte die offizielle Zeitung »China Daily« den Unternehmer.

Zong lässt sich davon kaum bremsen. Zwar bleibt Danone die Möglichkeit, selbst chinesische Ministerien, Parteibonzen und die eigene Botschaft um Hilfe zu bitten. Doch der beliebte Wahaha-Boss verfügt im ganzen Land über einflussreiche Freunde.

Bereits im Februar beschlagnahmte der Zoll in Shanghai 118 000 Liter Evian-Mineralwasser - die Marke gehört zu Danone. Doch erst kürzlich gaben die Chinesen den fadenscheinigen Grund bekannt: Das französische Wasser habe zu viele Bakterien enthalten - was Danone bestritt. WIELAND WAGNER

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