BANKEN Stählerne Kassierer
Wer nicht genau hinsieht, hält die Apparate, die im Berliner Vorort Tegel an einer Häuserwand angeschraubt sind, für Zigaretten-Automaten.
Doch mit »Marlboro« oder »HB« können die Kästen in der Fußgängerzone von Tegel den Passanten nicht dienen. Sie spucken Zehn-, Fünfzig- oder auch Hundertmarkscheine aus, wenn sie mit einer Scheckkarte und einer Kode-Nummer richtig programmiert werden.
In Tegel, wie auch schon an etlichen Plätzen im Bundesgebiet, können Bankkunden und Bankbedienstete besichtigen, wie die Kreditinstitute demnächst ihre Kundschaft abfertigen wollen: Zunehmend setzt die Branche auf die chromblitzenden Roboter-Kassen.
Schon in wenigen Jahren sollen in 60 Städten Computer von Banken und Sparkassen Bargeld bereithalten. »Die Automation«, weiß Wolfgang Starke vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband, »ist für unsere Branche in den nächsten Jahren eines der wichtigsten Projekte.«
Die ehrgeizigen Pläne möchte die Branche nur zu gerne als einen besonderen Service verkaufen. Schließlich mache, so die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, »die Einführung der Automation die Abwicklung der einzelnen Geschäftsarten kundenfreundlicher und schneller«. Und vor allem: Die Kundschaft könne sich zukünftig auch bequem außerhalb der Öffnungszeiten mit Geld oder Kontoauszügen bedienen.
Hauptsächlich geht es den Banken jedoch um anderes als zusätzlichen Kundenservice. Die Automaten sollen helfen, die hohen Personalkosten zu drücken.
Daß viele Banken nur noch dürftige Überschüsse herausholen, liegt daran, daß sie in einem aufgeblähten Zweigstellennetz zuviel Angestellte beschäftigen.
Ein erbitterter Kleinkrieg um die Massenkundschaft brachte es mit sich, daß kaum eine Bank irgendwo eine Filiale eröffnen konnte, ohne daß die Konkurrenz nebenan siedelte. So vervierfachten die Großbanken die Zahl ihrer Zweigstellen seit 1957 von 787 auf 3124 (1980). Bei den Sparkassen stieg die Zahl der Filialen im gleichen Zeitraum von 8192 auf 16 890, bei den Kreditgenossenschaften von 2305 auf 15 453.
Kamen 1957 noch knapp zweitausend Einwohner als potentielle Kunden auf jede Bankstelle, so sind es heute nur noch 1400. Damit können sich die Bundesbürger rühmen, das dichteste Banknetz der Welt zu besitzen. Rund 5600 Kreditinstitute beschäftigen eine halbe Million Menschen, um selbst in der kleinsten Gemeinde ihre Dienste anbieten zu können.
Vorsichtig noch beginnen die Bankmanager, diesen Apparat durch Apparate zu ersetzen. Anfang nächsten Jahres können sich die Bundesbürger an rund 500 Geräten bedienen. Für Ende 1984 rechnen Branchenexperten mit 3000 Automaten. Und bis dahin, so hofft die Branche, werden auch die Nachbarländer die Computerkassen eingeführt haben.
Um nicht verschiedene Computersysteme nebeneinander aufzubauen, unterzeichneten die Verbände des Geldgewerbes 1979 eine »Vereinbarung für das institutsübergreifende Geldausgabeautomaten-System«. Damit soll sichergestellt werden, daß alle Bank- und Sparkassenkunden mit einer kodierten Euroscheckkarte aus allen Bankautomaten im Bundesgebiet rund um die Uhr bis zu 300 Mark Bargeld täglich abheben können.
Um das System betrugssicher zu machen, muß der Kunde neben der Scheckkarte mit einem Magnetstreifen auf der Rückseite noch eine sechsstellige Geheimzahl in den Automaten eingeben. Passen Kartennummer und die vom Kunden in den Computer eingetippte Geheimzahl nicht überein, verweigert der Roboter nicht nur seinen Dienst - er behält auch gleich die Karte.
Daß die Geldautomaten von der Kundschaft akzeptiert werden, steht für die Bankmanager inzwischen außer Zweifel. Die Geldautomaten in Tegel werden bis zu 120mal am Tag benutzt - doppelt so oft, wie die Banken erwartet hatten. Seit März spuckten die zwölf Berliner Automaten insgesamt mehr als 150 000mal Geldscheine aus.
Für die am Pool beteiligten Banken bringt das allemal Gewinn: Denn während sie für jede Bargeld-Abhebung am Schalter mit Kosten von 3,60 Mark kalkulieren, müssen sie für eine Automatenabhebung nur 1,10 Mark veranschlagen.
Wie sich die Automatisierung auf den Personalbedarf auswirkt, können die Bankmanager bei einem kleinen Hamburger Bankhaus studieren. Bei der Verbraucherbank, wo Computer schon 1977 die Arbeit von Bankangestellten übernahmen, ist heute die Belegschaft nur halb so groß wie bei anderen Instituten gleicher Größenordnung.
Dabei können die Verbraucherbank-Kunden rund um die Uhr alle Bankdienstleistungen in Anspruch nehmen. Sie können Geld abheben, Kontoauszüge abholen, Überweisungen vornehmen, Daueraufträge erteilen und Festgeld anlegen - alles gebührenfrei bei Selbstbedienung an einem der Computer.
Daß die Kunden gern ihre Geldgeschäfte außerhalb der üblichen Schalterstunden erledigen, beweisen die Benutzerstatistiken der Bank. So wurden die Terminals in der Hamburger Zentrale etwa am letzten Wochenende im Mai von 795 Kunden betätigt, in der Berliner Filiale kamen an diesem Wochenende sogar 1165 Kunden.
Die Dienste der Computer werden sogar nachts in Anspruch genommen. Samstagnacht zwischen 23 und 24 Uhr bedienten sich in Hamburg immerhin 59 Verbraucherbank-Kunden.
Für Verbraucherbank-Chef Alfred Richter sind die ungewöhnlichen Methoden seines Instituts der »einzige Weg, um die zig Millionen kleiner und kleinster Geldtransaktionen auch in Zukunft kostendeckend bewältigen« zu können. Denn sonst, meint Richter, »gehen die Banken kaputt am Massengeschäft«.