Banken Ständig auf der Suche
An einem schönen Dezembermorgen, schrieb Oberstudienrat Hans-Joachim Uhlendorf an das Postgiroamt Hannover, wollte er ein paar »relativ einfache Dinge« in der Post erledigen. Genervt verließ er nach 35 Minuten die Schalterhalle.
Seinen Kontostand bei der Postbank wollte Uhlendorf erfragen, dann vielleicht Geld abheben und auf sein Sparbuch einzahlen. Mit dem Btx-Gerät, das für Kunden bereitstand, kam er nicht zurecht, also wandte er sich an einen Postbeamten. Aber so einfach war das nicht.
Der Kunde wurde von einem Schalter zum anderen geschickt, sechs freundliche Beamte lernte er so kennen. Er füllte Fragebogen und Belege aus, bekam eine Nummer, wartete auf den Aufruf und konnte schließlich am Schalter 6 das Bargeld einzahlen, das er am Schalter 5 bekommen hatte.
Glück habe er gehabt, spottet der frustrierte Kunde: Die Post war an jenem schönen Dezembermorgen gerade leer. »Was aber wäre gewesen, wenn es überall Schlangen gegeben hätte?«
Immer wieder klagen Kunden über umständlichen Service und lange Wartezeiten. »Früher bestach die Post durch ihren guten Zahlungsverkehr. Heute ist davon nicht mehr viel zu merken«, sagt Wilhelm Hübner vom Verband der Postbenutzer. Die Postbank, seit der Reform 1989 ein selbständiges Unternehmen, ist noch längst keine Bank wie jede andere.
Den Ehrgeiz indes hat ihr Chef Günter Schneider, und seine Chance soll er bekommen. Vergangene Woche wies das Stuttgarter Landgericht eine Klage von neun Privatbanken zurück, die dem bislang noch staatlichen Konkurrenten das Geschäft verderben sollte.
Die Kläger meinen, die Postbank ziehe unlautere Vorteile aus ihrer öffentlich-rechtlichen Sonderstellung; das Transportunternehmen Bundespost dürfe nur Geld befördern; das Verwalten von Sparkonten sei schon eine »postfremde« Tätigkeit.
Nach dem Stuttgarter Urteil darf die Postbank jedoch alle Arten üblicher Bankgeschäfte tätigen. Sie hat zum Ärger der privaten Banken auch schon damit begonnen. Sie verkauft etwa Sparbriefe oder erlaubt ihren Kunden, das Konto für drei Monate bis zu 10 000 Mark zu überziehen. Demnächst will Schneider mit Festgeldkonten, Wertpapiergeschäften und dem Verkauf von Versicherungen neue Kunden locken.
Schneider bleibt gar keine Wahl, wenn sein Unternehmen nicht dauerhaft auf Zuweisungen durch die Telekom angewiesen sein soll. Die Zahl der Girokonten dümpelt seit Jahren bei fünf Millionen, und die Einlagen der treuen Postsparer verringerten sich im vergangenen Jahr von fast 45 auf 42 Milliarden Mark.
An den Spareinlagen hat die Post bislang gut verdient. Sie hat ihren Kunden drei Prozent Zinsen gezahlt und konnte das Geld noch vor einem Jahr am Kapitalmarkt für acht bis zehn Prozent verleihen. Von der Spanne (1991: 4,3 Prozent) lebte der behäbige Apparat recht bequem. Die Großbanken, die mit einer Zinsdifferenz von 2,4 Prozent auskommen mußten, sahen diese Geldgeschäfte mit Mißvergnügen.
Doch der Trend läuft gegen die Post. Schneider mußte seine Zinsofferten im Herbst 1992 nachbessern, um nicht noch mehr Spargelder zu verlieren. Andererseits sanken die Zinsen am Kapitalmarkt, so daß die Post weniger im Verleihgeschäft verdient. Dieses Jahr könnte die Zinsmarge auf um die drei Prozent schrumpfen.
Daher ist Schneider, bis 1986 Chef der Teilzahlungsbank KKB, ständig auf der Suche nach neuen Ertragsquellen. Die etablierten Banken wollen sich wehren und nach dem Stuttgarter Urteil durch alle Instanzen klagen.
Doch die Postbank muß nicht nur gegen die Konkurrenz fechten. Obendrein zanken sich die drei Postschwestern seit ihrer Trennung ums Geld. Die 23 000 Postämter, die Postdienstchef Klaus Zumwinkel zufielen, dienen der Bank bislang als Filialnetz. Über so viele Zweigstellen verfügen selbst die Sparkassen nicht.
Umsonst ist das Netz indes nicht zu haben. Über den Tarif haben die drei von der Post - Schneider, Zumwinkel und Telekom-Chef Helmut Ricke - heftig gestritten. Schneider unterlag. Nun soll die Bank für jede Transaktion am Schalter, selbst für das Nachtragen von Zinsen, die vollen Kosten, rund sechs Mark, an den Postdienst überweisen.
Das ist Schneider entschieden zu teuer. Er will sich deshalb mehr und mehr von der gelben Post trennen. In größeren Postämtern will Schneider Bankdienste an eigenen Tresen, in blau-orangefarbenem Design, verkaufen. Im März wird auf der Stuttgarter Königstraße eine eigene Filiale eröffnet, weitere sollen folgen.
Düster sieht dagegen die Zukunft der Postämter auf dem platten Land aus. Die Masse des Geschäfts machen die Postbanker in den Ballungsgebieten in rund 1500 Ämtern. Der Rest ist Zuschußgeschäft, das zur Disposition steht. Postgewerkschafter Albert Stegmüller befürchtet schon »Massenschließungen auf dem flachen Land«.
Dann wird die Postbank wohl öfter noch als bisher ihren Kunden eigenwillige Ratschläge geben müssen. Oberstudienrat Uhlendorf, der sich über den Service in Hannover beschwerte, erhielt von der Postbank die Antwort: Es gebe bald einen Universalschalter, an dem es alles viel schneller gehe - in Dortmund.