AFFÄREN Ständig Bedarf
Bei dem Hamburger Versicherungskonzern Iduna war der Immobilienhändler Ottmar Schrayvogel hochangesehen: »Potent, dynamisch, sehr reich«, beschrieb ihn ein Abteilungsleiter, »der wurde uns immer mit einem Heiligenschein präsentiert.«
Der Heiligenschein ist inzwischen weg und die Iduna, die Schrayvogel so verehrte, um einige Millionen ärmer: Ottmar Albertus Hugo Schrayvogel steht wegen Betrugs vor dem Hamburger Landgericht.
Auf 14 bis 16 Millionen Mark taxiert der Iduna-Vorstandsvorsitzende Horst Becker den Schaden, den der geschätzte Geschäftsfreund angerichtet hat. Wie Schrayvogel das geschafft hat, darüber habe er, sagt der Vorsitzende Richter Axel Bartels, in diesem Prozeß »schon Lachkrämpfe bekommen«.
Weniger komisch finden das die Führungskräfte des fünftgrößten deutschen Lebensversicherers, die in den letzten beiden Wochen als Zeugen geladen waren und dem Gericht erklären sollten, warum ihr Unternehmen jahrelang »den Goldesel« (Bartels) spielte.
Schrayvogel, der bei der Iduna als schwerreicher Mann galt, hatte - wie er selbst zugab - keinen Pfennig, als er 1978 begann, die Versicherung auszunehmen. Sein System war einfach: Er kaufte, ein Beispiel von vielen, ein Haus für sechs Millionen Mark und ließ sich von der Iduna dafür neun Millionen Mark Hypothekendarlehen geben. Denn die Iduna pflegte Immobilien auch zu 150 Prozent und mehr zu finanzieren, für Schrayvogel wie für viele andere gute Kunden (SPIEGEL 36/1984).
Der Kunde brauchte nur einen freundlichen Gutachter, der das Objekt auf das Drei- bis Vierfache des tatsächlichen Wertes schätze. So wurde auch die Kreditsumme hochgetrieben; nach den gesetzlichen Vorschriften dürfen Lebensversicherungen eine Immobilie nur bis zu 60 Prozent ihres Wertes beleihen.
Die 150-Prozent-Finanzierungen gingen nicht zuletzt auch deshalb wohl so glatt durch, weil sich Schrayvogel nicht knauserig zeigte. Dem für das
schob Schrayvogel einmal 100 000 Mark zu, »schön in einem Umschlag«.
Richtig profitabel gestalteten sich die Geschäftsbeziehungen für Klaus Nonn, der 1981 bei der Iduna zum Leiter des Bereichs Hypotheken aufgestiegen war. Schrayvogel, für Nonn »ein guter Freund«, überließ dem neuen Hypothekenchef seinen dunkelbraunen 280 SE und einige Schecks.
Mal bekam Nonn einen Scheck über 10 000, mal über 20 000 Mark, im Frühjahr 1982 auch einen über 750 000 Mark. Als das herauskam, war der Vorstand, so berichtete Generaldirektor Becker im Gerichtssaal, »ziemlich erschüttert«.
Ottmar Schrayvogels Erzählungen im Landgericht Hamburg widerlegen die These, daß Wirtschaft und Zahlen etwas Dröges sind. »Das ist ja phantastisch«, entfährt es Richter Bartels immer wieder, wenn neue Details herauskommen, wie sich die Hamburger Versicherungsgesellschaft die Millionen abzapfen ließ.
Da überwies die Iduna dem bevorzugten Kunden siebenstellige Beträge vorab auf ein Treuhandkonto, und Schrayvogel legte dort die Millionen, von der Iduna inmitten der Hochzins-Phase mit 8,5 Prozent verliehen, zu zehn Prozent als Festgeld an.
Da taxierten Gutachter ein Gebäude, das Schrayvogel für 1,2 Millionen Mark gekauft hatte, auf 9,5 Millionen. Uwe Pingel, der Leiter der Iduna-Revision, über Gefälligkeitsgutachten: »Der Kunde, der sich ein hohes Darlehen erschleicht, muß ja auch tilgen.« Kein Wort davon, daß einer das Geld auch anderweitig verwenden kann.
Da verzichtete die Iduna, höchst unüblich, auf Vorlage eines notariellen Kaufvertrages. In den Iduna-Akten fanden
Staatsanwälte den Kaufvertrag für eine Immobilie über sechs Millionen Mark, daneben ein Gutachten, das ebendiese Immobilie auf 19,8 Millionen taxierte, und eine Hypothekenzusage für neun Millionen. Vorstandsmitglied Karl-Otto Appel auf die Frage des Richters, warum die Iduna sich nicht für Kaufverträge interessierte: »Es ist nicht unbekannt, daß man zur Ersparnis von Grunderwerbsteuer einen niedrigeren Kaufpreis angibt.«
Da kam Ottmar Schrayvogel an 11,5 Millionen Mark Hypothekendarlehen für ein siebenstöckiges Bürogebäude in Braunschweig, das er nie baute. Zum Beweis, daß sein Gebäude fertiggestellt und bereits vermietet sei, legte Schrayvogel ein Polaroid-Photo vor. Das Photo zeigte in der Tat einen prächtigen Bau - allerdings elf Stockwerke hoch. In der Akte war der Schrayvogel-Bau akkurat mit sieben Stockwerken vermerkt.
In der hauseigenen Bauabteilung, beteuerte Nonn, habe er intensiv mit Experten diskutiert, ob und wie aus sieben Stockwerken elf werden können. Irgendwie muß das Problem dann vertagt worden sein.
So großzügig warf die Versicherung das Geld aus, daß dem Richter Bartels mehrmals der Verdacht kam, die Versicherung wisse nicht, wohin mit dem vielen Geld. »Es macht zu manchen Zeiten Schwierigkeiten, Geld anzulegen«, gab Vorstandsmitglied Appel zu. Schrayvogel, ewig in Finanznöten ("Ich hatte ständigen Geldbedarf"), war dankbarer Abnehmer. Schließlich brauchte der Iduna-Großkunde viel Geld für seinen Lebensstil.
Mit den Iduna-Millionen finanzierte er seine Rennpferde, legte sich für zwei Millionen Mark einen Düsenjet zu und erwarb für 3,5 Millionen eine Villa bei Saint-Tropez. Seine hochherrschaftliche Residenz Schloß Salzau am schleswigholsteinischen Selenter See finanzierten ihm die Versicherungsmanager mit drei Millionen Mark, und sie kamen mit ihren großzügigen Krediten letztlich auch für die Kammerkonzerte auf, die Schrayvogel dort veranstaltete.
Wer so auftritt, gilt eben etwas im Geschäftsleben. »Das ist ein Mann«, habe Martin Schröder, Behrends Nachfolger im Iduna-Vorstand, von Schrayvogel geschwärmt, berichtete Hypothekenchef Klaus Nonn.
Schrayvogel habe »ein Image« gehabt, gab auch Abteilungsleiter Pingel zu Protokoll. Der Iduna-Revisor hat von den Methoden, mit denen Schrayvogel zu Geld kam, nie etwas gemerkt.
Erst als Schrayvogel vor einem Jahr wegen Scheckbetrugs verhaftet wurde - 1983 hatte er Schecks im Gesamtwert von 1,3 Milliarden Mark von Bank zu Bank kreisen lassen -, wurden die Führungskräfte des Konzerns hellwach. Chefrevisor Pingel hat dann beim Studium mancher Akten »die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen«.
Das werden inzwischen wohl auch die Manager der niedersächsischen Landeszentralbank getan haben. Denen spielte Schrayvogel seinen größten Streich.
1980 kaufte er in Braunschweig das Haus Bruchtorwall 6/7, Hauptstelle der Landeszentralbank in Hannover, der auch das Gebäude, Jahrgang 1904, gehörte. Den Preis - 1,2 Millionen Mark - hat Schrayvogel nie gezahlt.
Er schwatzte vielmehr den Bankern das Haus zum Nulltarif ab. Erst 1986, wenn die Bankfiliale in ihren geplanten Neubau umgezogen wäre, sollte der Kaufpreis fällig werden. Bis dahin, so hatten sich die Banker immerhin ausbedungen, sollten sie mietfrei ihr Gebäude nutzen dürfen.
Schrayvogel wurde als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen und bekam von der Iduna prompt Hypothekendarlehen über insgesamt 4,5 Millionen Mark.
Jetzt, da Schrayvogel pleite ist, muß die Iduna das Haus zwangsversteigern lassen.
Die Landeszentralbank, die noch bis zu ihrem Umzug im Jahr 1986 darin bleiben muß, hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie ersteigert ihr eigenes Haus, oder sie akzeptiert bis 1986 jede Mietforderung - die Bankiers hatten vergessen, die mietfreie Nutzung im Grundbuch festhalten zu lassen.
Der Landeszentralbank, Hauptstelle Braunschweig, gehört nicht einmal ihr Tresor - auch den hat sie, per Kaufvertrag, Schrayvogel vermacht.