Stahlfusion Arcelor-Chef Dollé geht
Hamburg - Man hätte es sich denken können, dass Arcelor-Chef Guy Dollé im Falle einer Fusion von Arcelor und Mittal nicht Konzernchef bleiben würde: Zu sehr hatte er gegen ein solches Zusammengehen gekämpft, zu sehr galt das persönliche Verhältnis zwischen ihm und seinem Konkurrenten Lakshmi Mittal als belastet. Mittal und sein Sohn Aditya, bisher Finanzchef bei Mittal Steel, würden aber im neuen Konzern an der Spitze mitmischen.
Jetzt, nach der Einigung zur Fusion der beiden Unternehmen, soll der bisher vierköpfige Arcelor-Vorstand um drei Mitglieder der Mittal-Seite erweitert werden. Dollé wird der siebenköpfigen Spitze nicht mehr angehören. Guy Dollé wolle nicht Vorstandsvorsitzender des fusionierten Stahlkonzerns Arcelor Mittal werden, sagte der Präsident des Arcelor-Verwaltungsrates Joseph Kinsch heute. Ganz zurückziehen will sich der Manager aber nicht, erklärte Kinsch: Dollé werde im Verwaltungsrat vertreten sein, um bei der Integration der Unternehmen zu helfen.
Dabei wird noch die eine oder andere Hürde zu nehmen sein: So sind sich beide Unternehmen uneins über den Verbleib des kanadischen Stahlerzeugers Dofasco im Konzern. Für den deutschen ThyssenKrupp -Konzern bedeutet dies eine große Ungewissheit, denn im Januar hatte Mittal dem deutschen Unternehmen noch zugesagt, Dofasco bei einer Fusion mit Arcelor an ThyssenKrupp zu verkaufen. Im deutschen Stahlkonzern hieß es heute, man gehe weiter davon aus, dass sich Mittal an die vertragliche Zusicherung halten werde. Kinsch erklärte dagegen, Dofasco solle im Verbund der Gruppe bleiben. Aditya Mittal erwiderte, in dieser Frage gebe es weiterhin unterschiedliche Positionen.
Kinsch sprach mit Blick auf die Fusion von einer "Vernunftehe". "Ich hoffe, dass diese Vernunftehe auch zu einer Liebesheirat unserer beiden Teams führen wird", sagte Kinsch. Auch Mittal betonte, er hoffe, dass die Ehe "mit der jungen Braut" von langer Dauer sein werde. Wer den neuen Konzern leiten werde, solle noch bekannt gegeben werden. Nach jetziger Planung soll Lakshmi Mittal Präsident des neuen Konzerns werden, Kinsch selbst auf unbestimmte Zeit Vorstandsvorsitzender. Später solle Lakshmi Mittal Kinsch als Vorstand ablösen und die Arcelor-Seite dürfen den neuen Präsidenten stellen.
Arcelor-Vertreter zeigten sich zufrieden, dass das nachgebesserte Angebot von Mittal Steel "allen Bedingungen, die wir gestellt haben" entspricht. Sowohl die weitere Erhöhung der Offerte um zehn Prozent auf 25,6 Milliarden Euro als auch Mittals Akzeptanz des "Modells Arcelor" hätten den Verwaltungsrat überzeugt. Nach fünfmonatigem Abwehrkampf hatte Arcelor gestern seinen Widerstand gegen den bietenden Branchenprimus aufgegeben und einer Fusion zugestimmt.
Der neue Stahlriese wird die unangefochtene Nummer eins in der Stahlindustrie sein, mit einer Jahreskapazität von rund 100 Millionen Tonnen Stahl und einem Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro.
In dem neuen Unternehmen werden die bisherigen Arcelor-Eigentümer 50,5 Prozent halten. Der Anteil der Familie Mittal beträgt 43,6 Prozent. Sie ist damit der größte Einzelaktionär. Sechs der 18 Mitglieder des Verwaltungsrats werden künftig von Mittal vorgeschlagen.
Aditya-Mittal erklärte, wichtig sei nun, dass die Arcelor-Aktionäre am kommenden Freitag für die Fusion votieren und das Gegenangebot von SeverStal niederstimmen.
Denn aufgegeben hat SeverStal wohl noch nicht. Einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Wedomosti" zufolge könnte der russische Stahlkocher Unterstützung durch den russischen Milliardär Roman Abramowitsch erhalten. Abramowitsch sei "bereit, eine Erhöhung des Angebots von SeverStal-Chef Alexej Mordaschow zu finanzieren", heißt es in dem Bericht unter Berufung auf Vertraute des Geschäftsmanns. Mordaschow erwägt Kreisen zufolge, eine verbesserte Offerte für Arcelor abzugeben. In der russischen Regierung sorgte Arcelors Entscheidung für Mittal und die Absage an SeverStal für Empörung.
In Deutschland stieß die Megafusion zwischen den Stahlkonzernen dagegen auf Zustimmung. Weder die Bundesregierung noch Gewerkschaften erwarten Stellenstreichungen. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte, das Projekt werde die Perspektive der deutschen Werke sogar spürbar verbessern. In Frankreich, dem größten Arcelor-Standort, wurden dagegen Werksschließungen befürchtet.
kaz/AP/dpa-AFX/AFP/Dow Jones/Reuters