Stahlfusion SeverStal prüft rechtliche Schritte gegen Arcelor
Hamburg - Der russische Stahlkonzern SeverStal erwägt rechtliche Schritte gegen Arcelor, berichtet die "Financial Times Deutschland". "Wir haben einen gültigen Vertrag", sagte Thomas Veraszto, Strategiechef und Stellvertreter von Firmenchef Alexej Mordaschow, der Zeitung. "Wenn es zum Vertragsbruch kommt, werden wir alle Möglichkeiten prüfen."
Die Vertragsstrafe, die Arcelor und SeverStal für den Fall vereinbart hatten, dass die geplante Fusion scheitert, gelte nur "unter bestimmten Voraussetzungen", sagte Veraszto. Er hatte am Samstag gemeinsam mit Mordaschow mit Arcelor in Luxemburg verhandelt. "Es wäre normal gewesen, nach einem verbesserten Angebot von Mittal Steel zunächst mit dem Vertragspartner zu sprechen", kritisierte er die Arcelor-Führung. "Wir haben die Bereitschaft signalisiert, unser Angebot noch einmal zu verbessern. Doch das hat Arcelor gar nicht interessiert."
Nach monatelangem Ringen hatten sich am Sonntag die Stahlkonzerne Arcelor und Mittal auf eine Fusion geeinigt. Der Board der Arcelor SA, Luxemburg, hat das erneut revidierte Angebot der Mittal Steel NV den Aktionären zur Annahme empfohlen. Mittal biete 40,40 Euro je Anteilsschein in bar und Aktien, hieß es in einer Mitteilung. Damit würde Arcelor mit 26,8 Milliarden Euro bewertet, 3,3 Milliarden Euro höher als in der vorherigen Offerte des indischen Stahlkonzerns. Der Baranteil betrage maximal 31% des Angebots oder 8,5 Milliarden Euro.
Arcelor hatte mehrere Angebote Mittals abgelehnt und sich stattdessen mit dem russischen Stahlkonzern SeverStal verbündet. Dies hatte jedoch das Missfallen einiger Arcelor-Aktionäre erregt. Vor zwei Wochen hatte das luxemburgische Unternehmen die Gespräche mit Mittal wieder aufgenommen.
Die Abstimmung über das Mittal-Gebot sei einstimmig gefallen, erklärte Arcelor. Das inzwischen ebenfalls aufgebesserte Gebot von SeverStal wurde damit abgelehnt. Diese regierten mit Unverständnis auf diese Entscheidung. "Wir sind sehr überrascht, dass der Arcelor-Board uns nicht eingeladen hat, um unser revidiertes Angebot zu besprechen oder uns die Möglichkeit gegeben hat, zu reagieren", hieß es in einer Stellungnahme am Sonntagabend.
Entscheidung nach neunstündiger Sitzung
Die Entscheidung für Mittal und gegen SeverStal fiel nach einer neunstündigen Sitzung des Arcelor-Boards. Das neue Unternehmen wird Arcelor-Mittal heißen und auf demselben Corporate-Governance-Modell fußen, welches Arcelor derzeit verwendet. Die Aktien des fusionierten Unternehmens werden in New York, Paris, Madrid, Brüssel, Luxemburg und den Niederlanden notiert sein. Arcelor-Chairman Joseph Kinsch behalte seine Position. Die Position des CEO müsse noch vergeben werden, sagte eine Sprecherin der Agentur DowJones. Die Zukunft des gegenwärtigen Arcelor CEO Guy Dolle ist noch ebenso ungewiss, wie die künftige Position des Mittal-CEO Lakshmi Mittal.
Der luxemburgische Stahlkonzern erhalte vier Sitze im Management-Board, Mittal drei. Der Board of Directors bestehe aus 18 Mitgliedern, von denen 12 von Arcelor und 6 von Mittal nominiert würden. Arcelor-Aktionäre hielten nach der Transaktion 50,5 Prozent des Aktienkapital des neuen Unternehmens, jedoch 60 Prozent seines Wertes. In einer separaten Mitteilung erklärte Mittal, die Mittal-Familie werde 43,6 Prozent des Kapitals und der Stimmrechte an dem fusionierten Konzern halten. Laut Arcelor hat die Familie einer fünfjährigen Lockup-Periode zugestimmt und wird ihren Anteil in diesem Zeitraum nicht über 45 Prozent erhöhen.
Ein Sprecher von Mittal sagte, das Unternehmen sei erfreut, eine Empfehlung ihres Angebots durch Arcelor erhalten zu haben. Mittal zahle einen fairen Preis für ein sehr gutes Geschäft. Zusätzliche Synergien sowie die Empfehlung durch Arcelor rechtfertigten den Preis, fügte der Sprecher hinzu. Marktbeobachtern zufolge hat Mittal jedoch erhebliche Konzessionen gemacht. Die Struktur der Transaktion könnte den Schluss zulassen, dass es sich nun um eine "umgekehrte Übernahme" handele, hieß es.
Der luxemburgische Wirtschaftsminister Jeannot Krecke begrüßte die Vereinbarung und erklärte, diese sei ein Gewinn für Luxemburg, da der Hauptsitz des Unternehmens in dem Land bliebe. Arcelor erklärte unterdessen, es gebe keine Pläne für eine Restrukturierung oder einen Arbeitsplatzabbau innerhalb Arcelors in Europa aufgrund der Fusion. Das geplante Aktienrückkaufprogramm über 6,5 Milliarden Euro, mit dem sich Arcelor unattraktiv für Mittal machen wollte, wird den Angaben zufolge eingestellt.
Zukunft von Dofasco unklar
Mittal bat die Arcelor-Aktionäre unterdessen, die Vereinbarung zwischen SeverStal und Arcelor auf der außerordentlichen Hauptversammlung am 30. Juni abzulehnen. Dazu müssen mehr als 50 Prozent des Arcelor-Aktienkapitals gegen die Fusion stimmen oder 50 Prozent ihre Aktien Mittal andienen, um die Transaktion zu blockieren. Das neue Unternehmen werde die Joint Ventures zwischen Arcelor und SeverStal fortführen, erklärte Kinsch. SeverStal erhalte einen privilegierten Status.
Die Zukunft des kanadischen Stahlkonzerns Dofasco ist nach der Einigung noch unklar. Arcelor sei weiterhin gegen eine Verkauf, erklärte das luxemburgische Unternehmen. Mittal wiederum hatte ursprünglich mit der ThyssenKrupp AG vereinbart, Dofasco im Falle einer erfolgreichen Übernahme an den deutschen Stahlhersteller zu verkaufen. Daraufhin hatte Arcelor Dofasco in eine niederländische Holding eingebracht, um eine Veräußerung zu blockieren.
Der fusionierte Konzern Arcelor-Mittal wird nahezu 10 Prozent der weltweiten Stahlproduktion kontrollieren. Die Jahresproduktion liegt zusammengerechnet bei 120 Millionen Tonnen Rohstahl; die Zahl der Arbeitsplätze beträgt mehr als 320.000. die Marktkapitalisierung liegt bei 46 Milliarden Dollar, der Jahresumsatz bei 71,9 Milliarden Dollar.
tim/dpa-AFX/DowJones