Standort D Experten erwarten weitere Deindustrialisierung
Berlin - Reinhard Kudiß, Volkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), sagte der "Berliner Zeitung", zwar sehe es so aus, als ob die großen Entlassungswellen vorbei seien. "Aber wir müssen damit rechnen, dass weiter Arbeitsplätze in der Industrie verloren gehen", fügte er hinzu.
Kudiß bezog sich auf die drohende Schließung des AEG-Werkes von Electrolux in Nürnberg und den Verkauf der Siemens-Mobiltelefon-Sparte an den taiwanesischen Hersteller BenQ. Laut Kudiß hat es 2004 einen Rückgang bei der Zahl der Beschäftigten der Industrie um 1,8 Prozent gegeben. "Der Aderlass wird sich etwas verlangsamen", sagte Kudiß. Es werde aber immer schwerer, arbeitsintensive Fertigung in Deutschland zu halten und neue Beschäftigung aufzubauen.
Der Präsident des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI, Thomas Straubhaar, sagte, Massenprodukte ließen sich mittlerweile fast überall auf der Welt herstellen, und zwar zu Kosten und Wettbewerbsvorteilen, die in Deutschland kaum zu übertreffen seien. "Deshalb wird uns auch der Stellenabbau weiter begleiten", erklärte der Wissenschaftler. Die deutschen Firmen müssten sich dagegen vor allem darauf konzentrieren, "alles das zu machen, was rechts und links der standardisierten Fertigung" liege. In der Veredelung von Zulieferungen und Produkten liege eine Stärke deutscher Firmen.
Der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Alfred Steinherr, sagte, die hohen Löhne seien nicht das entscheidende Problem des Industriestandorts Deutschland. "Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ist auch eine notwendig gewordene Folge falscher unternehmerischer Entscheidungen", sagte er. Die Firmen hätten sich oft nicht rechtzeitig auf die Bereiche konzentriert, in denen sie stark und profitabel seien. Dafür erhielten sie nun die Quittung.