Standort Hamburg: Weltmarke St. Pauli - DER SPIEGEL
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Standort Hamburg Weltmarke St. Pauli

Im Fall Beiersdorf hat der Hamburger Senat sich finanziell weit aus dem Fenster gelehnt. Das Auftreten als Großinvestor hat zwar die Stimmung bei der hanseatischen Wirtschaft aufgehellt, gleichzeitig aber auch Begehrlichkeiten geweckt.
Von Arne Stuhr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Rolf Kunisch, Vorstandsvorsitzender der Beiersdorf AG  , machte am Montagabend im Hamburger Side-Hotel einen sichtlich entspannten Eindruck. Kein Wunder: Seitdem das Konsortium um den Kaffeeröster Tchibo die Mehrheit beim Nivea-Hersteller übernommen hat, ist auch seine Zukunft an der Elbe gesichert.

Wem er das unter anderem zu verdanken hat, weiß Kunisch genau. "Ich muss mal zu unserem Aktionär", entschuldigte er sich augenzwinkernd bei seinen Gesprächspartnern in der VIP-Lounge des Hotels, als Hamburgs Finanzsenator Wolfgang Peiner (CDU) die Bildfläche betrat. Über die Hamburger Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsverwaltung ist bekanntlich die Stadt Hamburg seit jüngstem mit zehn Prozent an Beiersdorf beteiligt. Treibende Kraft beim "Deal des Jahres": Finanzsenator Peiner.

Dieser hatte zusammen mit seinen Kollegen Gunnar Uldall (CDU, Wirtschaft und Arbeit) und Jörg Dräger (parteilos, Wissenschaft und Forschung) die Hamburger Wirtschaftselite geladen, um sich unter dem Motto "730 Tage, 3 Senatoren, 1 Bilanz" der Kritik zu stellen.

Der Kaffee-König sorgte für Glamour

Rund 250 Hamburger "Pfeffersäcke" folgten der Einladung. So waren zum Beispiel Wolfgang Fauter, Vorstandsvorsitzender Deutscher Ring, Gerhard Puttfarcken, Chef von Airbus Deutschland, Wolfgang Warburg, Vorstandsmitglied der Lufthansa Technik AG, Alexander Stuhlmann, Vorstandsvorsitzender HSH Nordbank und Ludwig Görtz, Mitinhaber der gleichnamigen Schuhhandelskette (mehr als 240 Filialen) erschienen. Kaffee-König und Pferdenarr Albert Darbooven (Idee-Kaffee) sowie die Mäzene und Immobilienunternehmer Helmut und Hannelore Greve sorgten für den nötigen Glamour-Faktor.

In ihren Eingangsstatements strichen die drei Senatoren vor allem heraus, dass Hamburg wachsen müsse, um im weltweiten Wettbewerb mithalten zu können. Finanzsenator Peiner forderte dabei, dass sich die Hansestadt nicht länger nur als eine Stadt nördlich der Elbe betrachten dürfe, sondern dass auch die südlich des Flusses gelegenen Stadtteile endlich integriert werden müssten. So hätte er es zum Beispiel besser gefunden, die neue Colorline-Arena wäre südlich der Elbe gebaut wurden. Auch die Verlegung einer großen Behörde in den Süden sei überlegenswert. Einige Kritiker wiesen Peiner aber darauf hin, dass der Senat mit der fast ausschließlichen Werbung für die Hafen-City nicht gerade das Hamburg-Gefühl im Süden der Stadt stärken würde.

Auch die Vertreter des Hamburger Einzelhandels sind mit der Schwerpunktsetzung des Senats nicht hundertprozentig einverstanden. "Die zahlreichen großen Sportveranstaltungen in der City sind zwar positiv fürs Image der Stadt, die großräumigen Absperrungen veranlassen aber viele Kunden, gar nicht erst in die Stadt zu fahren", umriss City-Manager Henning Albers das Problem. Ludwig Görtz fügte hinzu, dass die Verwahrlosung der Straßen und Plätze in der Innenstadt auch unter der neuen Regierung zugenommen habe.

Manche mögen das Verruchte

Manche mögen das Verruchte

Während Wirtschaftssenator Uldall eine Kommission zum besseren Umgang mit City-Großereignissen in Aussicht stellte, konnte sein Kollege Peiner in punkto Belebung der Innenstadt nur wenig Hoffnung machen. "Wir müssen uns auf ein Vergnügungsviertel in Hamburg konzentrieren. Und St. Pauli ist halt in der ganzen Welt bekannt", so der Finanzsenator. Er wolle zwar keinen reinen "Red Light District", aber der eine oder andere hätte ja auch Gefallen am Verruchten.

Lob bekam Peiner hingegen vom Deutschen-Ring-Primus Fauter. Der Versicherungsmanager bedankte sich beim ehemaligen Chef der Parion-Versicherung für die Hamburger Initiative im Bundesrat, die es den Lebensversichern wieder ermöglicht, ihre Verluste beim Verkauf von Beteiligungen von der Steuer abzusetzen.

Die Gesetzesänderung, die im Detail noch im Vermittlungsausschuss besprochen werden muss, allerdings als einen Sieg der Versicherten zu bezeichnen, war von Fauter schon etwas dick aufgetragen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer bereits beschlossenen Senkung der gesetzlichen Garantieverzinsung von 3,25 auf 2,75 Prozent ab dem 1. Januar 2004.

"Der Flughafen hat Kapazitätsreserven bis 2030"

Neben der Förderung Hamburgs als Zentrum für "Life Science" - Siemens   und Philips   produzieren bereits Medizintechnik in der Hansestadt - und der von Senator Peiner noch für 2003 angekündigten Privatisierung des Landesbetriebs Krankenhäuser, stand auch das Thema Luftfahrt auf der Agenda.

Alle Wirtschaftsvertreter dieser Branche hoben zwar die Stellung Hamburgs als weltweite Nummer drei hinter Seattle und Toulouse hervor, hatten aber auch eine lange Wunschliste mitgebracht.

Airbus-Statthalter Puttfarcken forderte neben der Verlängerung der Start- und Landebahn auch eine bessere Verkehrsanbindung für das Airbus-Werk in Finkenwerder. Auch Flughafen-Chef Werner Hauschild wiederholte die Bitte nach einer Verbesserung der Erreichbarkeit des Airports in Fuhlsbüttel. Neben einer Schienenanbindung sei vor allem eine weitere Elbquerung zur Entlastung des Stadtgebietes unverzichtbar, so Hauschild.

Der zuständige Senator Uldall zeigte für die von den Luftfahrt-Managern vorgetragenen Sorgen und Wünsche Verständnis, gab den schwarzen Peter aber vor allem an die vor zwei Jahren abgelöste Regierung weiter. "Das Auto war bisher in der Stadt nicht gewollt", so Uldall. Die Forderung des Hamburger Investors Dieter Becken, in Kaltenkirchen einen neuen Großflughafen zu bauen, wies er zurück.

"Die Kapazitäten von Fuhlsbüttel sind erst im Jahre 2030 erschöpft", sagte Uldall. Da der Bau eines Flughafens 10 bis 15 Jahre dauere, brauche man also "vor 2020 nicht zu planen". Die stadteigenen Flächen in Kaltenkirchen werde man im Gegensatz zu zahlreichen anderen Arealen aber bis zu einer wie auch immer gearteten Entscheidung auf keinen Fall verkaufen.