Standortdebatte Ende der Geiz-Zeit
Hamburg/Frankfurt am Main - Auf dem Titelblatt des einflussreichen britischen "Economist" lässt der Bundesadler bereits wieder seine Muskeln spielen. "Deutschlands überraschende Wirtschaft", titelt das Magazin. "Deutschland, lange der teuerste Wirtschaftsstandort Europas, hat ... einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Frankreich, Italien, den Niederlanden und sogar Großbritannien aufgebaut", konstatiert die Wochenzeitschrift.
Mit dieser Meinung steht der "Economist" nicht allein. Viele internationale Investoren und Ökonomen halten die deutsche Wirtschaft für unterschätzt. So genannte Private-Equity-Gesellschaften kaufen seit Monaten in großem Stil Immobilien und Firmen in Deutschland auf, weil sie diese für unterbewertet halten.
Auch für andere ausländische Unternehmen gehört Deutschland wieder zu den attraktivsten Standorten des Globus. Nach einer Umfrage des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young unter 670 ausländischen Firmen belegt Deutschland in diesem Jahr den fünften Platz in der Welt. In Europa erfreue sich nur Polen größerer Beliebtheit.
Firmenjäger: Wer in Deutschland auf die Pirsch geht
Gute Noten geben Investoren der Infrastruktur, der Ausbildung von Arbeitskräften und der Rechtssicherheit. "Viele dieser Vorteile werden in Deutschland als selbstverständlich betrachtet. Da ist man betriebsblind", sagt Peter Englisch von Ernst & Young.
Tatsächlich haben die Reformen der vergangenen Jahre die Bundesrepublik attraktiver gemacht. Lange Zeit war Deutschland der teuerste Produktionsstandort Europas. "Deutschland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aufgeholt und einen Wettbewerbsvorteil erzielt", sagt der Chefvolkswirt der amerikanischen Citigroup , Jürgen Michels.
Viel zur Verbesserung der Lage beigetragen hat nach Ansicht wirtschaftsliberaler Experten die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre. Die umstrittenen Hartz-IV-Reformen hätten den Druck auf die Arbeitnehmer erhöht. "Das hat die Verhandlungsposition der Firmen bei neuen Tarifabschlüssen gestärkt und die Macht der Gewerkschaften geschmälert", schreibt der "Economist". Die Lohnstückkosten, eine der wichtigsten Vergleichszahlen, seien seit Ende der neunziger Jahre um mehr als zehn Prozent gefallen.
Einige Ökonomen warnen allerdings vor zu viel Euphorie. "Der Patient Deutschland ist auf dem Weg der Genesung, aber er ist immer noch Krank", sagt der Europa-Chefvolkswirt der Bank of America, Holger Schmieding. "Deutschland muss noch lange die Medizin nehmen, um wirklich gesund zu werden."
Notwendig sei ein zweiter kräftiger Reformschub. Die Löhne müssten weiter niedrig bleiben. Auf der Wunschliste stehen auch eine Lockerung des Arbeitsrechts, Öffnungsklauseln für Tarifverträge und eine Steuerreform.
Deutsche, gebt mehr Geld aus!
Sorge macht Beobachtern die nach wie vor schwächelnde Binnennachfrage. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage konsumierten die Deutschen zuwenig. "Die Firmen würden stärker in Deutschland investieren, wenn die Binnennachfrage anspringen würde", so Chefvolkswirt Michels. Der private Konsum bleibt aber im vierten Jahr in Folge schwach.
Ein Hoffnungsschimmer: Das Bundesfinanzministerium sieht Anzeichen für eine wirtschaftliche Belebung im zweiten Halbjahr. Die aktuellen Indikatoren zeigten "wieder eine dynamischere Gangart der Konjunktur, insbesondere auch der Binnennachfrage an", schreibt das Ministerium in seinem heute veröffentlichten Monatsbericht. Als "Hoffnungsschimmer für die Binnenkonjunktur" bezeichnete das Ministerium den jüngsten Anstieg der inländischen Industrieaufträge um 1,5 Prozent.
Als große Gefahr für den Standort sehen Ökonomen die Pläne der Unionsparteien, die Mehrwertsteuer im Fall eines Wahlsieges von 16 auf 18 Prozent zu erhöhen. "Eine isolierte Anhebung würde den Konsum dämpfen und die Preise erhöhen - das wäre rein kontraproduktiv", sagt der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater.
Das sieht auch der "Economist" so: "Die Story aus Deutschland könnte überraschend gut werden, vorausgesetzt die Politiker vermasseln es nicht nach der Wahl im nächsten Monat."