Standortstreit: Deutsche Seite feiert Etappensieg bei Airbus - DER SPIEGEL
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Standortstreit Deutsche Seite feiert Etappensieg bei Airbus

In Streit um Airbus hat sich die deutsche Seite eine Atempause gesichert: Sie hat zunächst verhindert, dass heimische Standorte bei der Produktion des A350 benachteiligt werden. Die Sanierung des Konzerns aber stockt. Jetzt sollen Kanzlerin Merkel und Präsident Chirac die Streitfragen klären.
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München/Toulouse – Normalerweise sind Vorstandschefs nicht eben für engelshafte Geduld und Langmut bekannt. Insofern wirkt der Satz, den Thomas Enders am Mittag sagte, zunächst mehr als verwunderlich: "Qualität geht vor Schnelligkeit", forderte der deutsche Co-Chef der Airbus-Mutter EADS   mit Blick auf die Sanierungsgespräche über den Luftfahrtkonzern. Da war gerade bekannt geworden, dass die Details des Sparprogramms "Power8" nun doch nicht wie geplant am Dienstag bekannt gegeben werden sollen – eigentlich eine Niederlage für das EADS-Management, sollte man meinen.

Streitobjekt A350: Deutschland will "angemessen" an der Produktion beteiligt sein

Streitobjekt A350: Deutschland will "angemessen" an der Produktion beteiligt sein

Foto: REUTERS

Enders' Satz ist noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert: Er steht in einem eklatanten Widerspruch zu Aussagen des zweiten EADS-Chefs Louis Gallois, der in Personalunion auch Airbus-Chef ist. Der Franzose Gallois rief am Montag dazu auf, "sehr schnell eine Lösung zu finden, die nationale Probleme überwindet". Er zeigte sich erbost, dass seine Sanierungsvorschläge abgelehnt worden seien. Man brauche nun "dringend" einen Konsens.

Zukunftswerkstoff Kohlefasern: Wer setzt sich durch?

Die unterschiedliche Wortwahl zeigt: Bei Airbus ist wieder einmal ein offener, deutsch-französischer Streit ausgebrochen. Und während die Franzosen Druck machen, bremst die deutsche Seite, um den heimischen Standorten einen möglichst großen Anteil an der Produktion geplanter Flugzeuge zu sichern.

Dabei geht es gar nicht mehr in erster Linie um den Großraumflieger A380, dessen Lieferverzögerungen Milliardenkosten verursacht und die Airbus-Krise damit heraufbeschworen hatten. Strittig ist vor allem, wie und wo das jüngste Airbus-Sorgenkind gefertigt werden soll – der Langstreckenjet A350 XWB.

Die Maschine soll mit dem Dreamliner 787 von Boeing   konkurrieren, einen Zukunftsmarkt für Airbus erschließen und zugleich als Modell für die künftige Fertigung dienen: Gallois will etwa die Hälfte der Produktion an Zulieferer auslagern und so die festen Kosten für den Konzern nachhaltig senken. Deutsche und Franzosen streiten nun unter anderem darum, wo die für den A350 XWB neu entwickelten Verbundwerkstoffe produziert werden sollen. Denn wer sich den Standort sichert, hat voraussichtlich Beschäftigung auf lange Sicht garantiert.

Betriebsratsangaben zufolge hatte Gallois ursprünglich versichert, dass der deutsche Anteil am A350 rund 35 Prozent betragen soll. "Doch wir befürchten, dass netto nur zehn Prozent der Arbeit in deutschen Airbus-Werken erledigt werden sollen", warnte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Airbus-Deutschland, Rüdiger Lütjen. Größere Teile der A350-Fertigung sollen erstmals nach China und Russland gegeben werden.

Was nun mit "Power8" passiert, ist zunächst unklar. Am Freitag dürfte das Thema beim informellen Gipfeltreffen zwischen Frankreichs Staatschef Jacques Chirac und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Meseberg bei Berlin eine zentrale Rolle spielen. Es sei "sehr wahrscheinlich", dass es bei den Beratungen auch um die Ausgestaltung des Airbus-Sparprogramms gehe, sagte eine mit der Situation vertraute Person aus dem Umfeld Chiracs.

Chirac ist indes nur noch bis Mitte Mai gewählt - und ob während des Wahlkampfes um seine Nachfolge noch irgendwelche wegweisenden Schritte bei Airbus beschlossen werden könnten, gilt als fraglich.

Die deutschen Arbeitnehmervertreter zeigten sich "irritiert" über die Verzögerungen. Zwar gelte der Grundsatz "Gründlichkeit vor Schnelligkeit", hieß es in einer Mitteilung der IG Metall. Doch die Hängepartie für die Mitarbeiter müsse beendet werden. "Die Beschäftigten haben kein Verständnis für die wiederholte Verschiebung der Bekanntgabe der Unternehmenspläne", erklärte Jutta Blankau, Bezirksleiterin der IG Metall Küste.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) begrüßte hingegen das "vorsichtige Vorgehen", bei dem die Betroffenen einbezogen würden. " Man muss die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und der einzelnen Produktionsstandorte langfristig im Auge haben", sagte Glos in Brüssel. Offensichtlich hätten die Verantwortlichen "intern" noch keine für die beteiligten Länder tragfähige Verständigung erzielen können. "Das ist kein Unglück."

Auch dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff war die Erleichterung deutlich anzuhören. Es dürfe keinen "Schnellschuss" geben, sagte der CDU-Politiker in Hannover. Die deutschen Standorte müssten "mittel- und langfristig" nicht nur an den Modellen A320 und A380 beteiligt sein, sondern in angemessener Weise auch am geplanten Langstreckenflugzeug A350.

Niedersachsen wäre nach bisherigem Stand besonders hart von "Power8" betroffen: Die Werke Nordenham und Varel gelten als Kandidaten für den Verkauf an Zulieferer, das Werk in Buxtehude wackelt. Der Standort Stade wiederum macht sich große Hoffnungen, künftig die Rolle eines führenden Kompetenzzentrums für Kohlefaserverbundwerkstoffe zu spielen, die als Zukunftsmaterial im Flugzeugbau gelten – doch auch Frankreich und Spanien würden diese Technologiekompetenz gern im eigenen Land konzentrieren.

Wulff begrüßte es, dass der Airbus-Mutterkonzern EADS die Bekanntgabe des Sanierungsprogramms kurzfristig absagte. Dies sei ein Signal dafür, dass Gründlichkeit vor Schnelligkeit gehe. Notwendig sei ein Konzept zur langfristigen Sicherung des Luftfahrtstandortes Deutschland.

Immerhin: Wulff, Glos und Enders sind sich einig. Fehlt nur noch der Konsens mit den Franzosen.

itz/Reuters/AFP/dpa-AFX

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