Starbucks: Espresso-Visionen - DER SPIEGEL
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Starbucks Espresso-Visionen

Die US-Kaffeebar-Kette Starbucks wagt sich nach langem Anlauf auf den deutschen Markt. Die Konkurrenz empfängt die Amerikaner mit offenen Armen.
Von Kai Stenzel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Lärm um die Mittagszeit ist nur durch einen lauten Schrei zu bezwingen: "Small Cappuccino to go" ruft die rotblonde Kassiererin ihrer Kollegin zu und bekommt ein lässiges "Alright" zurück. Doch die beiden arbeiten weder in Chicago oder Boston, sondern bei "Balzac Coffee" am Hamburger Rathaus.

"Die Idee für unsere Coffee-Shops habe ich aus Amerika mitgebracht", sagt Balzac-Gründerin Vanessa Kullmann. Während ihrer Arbeit für eine New Yorker Marketing- Agentur holte sie sich ihre tägliche Koffein-Dosis bei Starbucks in der 67. Straße.

Nun drängt das große Original aus den USA selbst nach Deutschland: Die Mutter aller Kaffee-Bars will die Republik zusammen mit dem Handelskonzern KarstadtQuelle mit einer Coffee-Shop-Welle überfluten.

Bis zu 1500 Filialen

"Innerhalb der nächsten vier Jahre wollen wir bis zu 200 Läden eröffnen", erklärt Peter Maslen, Präsident von Starbucks International. Den ersten "Espresso Shot" können die Berliner probieren - ab Frühjahr 2002. Langfristig sieht Maslen ein Potenzial von 1500 Filialen in Deutschland.

Ehrgeizige Pläne, denn Starbucks übernimmt hierzulande keineswegs eine Vorreiterrolle wie in den USA oder anderen Ländern. Der Markt für Kaffeebars boomt schon seit einiger Zeit. Die italienischen Ketten Segafredo und Lavazza haben sich bereits seit Anfang der neunziger Jahre etabliert. Ab 1997 folgte dann ein wahrer Gründerboom: Namen wie World Coffee, Balzac oder Cafe Einstein stehen von Hamburg bis München für den Cappuccino zwischendurch.

Angetrieben von den erfolgreichen Newcomern testen auch die großen Kaffeeröster unterschiedliche Konzepte. Jacobs setzt auf "J-Cups" - trendige Läden mit reinem Take-Away-Angebot. Tchibo hat sich entschieden, seine 300 Filialen mit Kaffeeausschank in den nächsten zwei Jahren zu modernen Coffee Bars umzubauen. Nestlé will bis zum Jahresende insgesamt zehn Läden seiner Marke "Café Nescafé" betreiben.

Wer hat Angst vor Starbucks?

Angst vor dem großen Konkurrenten aus Amerika hat keiner - im Gegenteil. "Den Markteintritt von Starbucks sehen wir positiv. Damit wird der Trend zu Kaffeespezialitäten weiter vorangetrieben", heißt es bei Nestlé stellvertretend für die ganze Branche.

"Es gibt knapp 400 Kaffeebars in Deutschland, 1000 kann der Markt vertragen", schätzt Cornel Kuhrt, Geschäftsführerin des Deutschen Kaffeeverbands. Die Zeichen stehen auf Expansion. Einige kleine Ketten hoffen vielleicht auch, von Starbucks ein lukratives Übernahmeangebot zu bekommen.

Der Kaffee-Riese ist mit über 4700 Coffee-Shops in 24 Ländern die unangefochtene Nummer eins. Die Starbucks-Hausmischung kennen Kaffeetrinker von Australien bis Taiwan. Der Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr lag bei 2,2 Milliarden Dollar. Jeden Tag drängeln sich weltweit rund 2,6 Millionen Menschen an den Starbucks-Tresen.

Alle acht Stunden ein neuer Laden

Firmen-Gründer Howard Schultz misst sich gern an dem Fast-Food-Giganten McDonalds: "Die haben über 25.000 Läden weltweit. Da will ich mit Starbucks hin." Die Marschrichtung scheint zu stimmen: Starbucks eröffnet im Durchschnitt alle acht Stunden irgendwo auf dem Globus einen neuen Laden.

Die Anfänge waren bescheidener: Der in einer Sozialsiedlung in Brooklyn aufgewachsene Schultz bringt von einer Italienreise die Idee für eine nationale Kaffeebar-Kette mit. Doch die Bosse in der Firmenzentrale in Seattle halten nichts von den Espresso-Visionen ihres jungen Mitarbeiters. 1987 stehen die fünf Läden von Starbucks zum Verkauf: Schultz greift kurzerhand zu und beginnt seinen Siegeszug zunächst an der Westküste.

Mit der Kapitalspritze aus dem Börsengang 1992 überzieht Starbucks das ganze Land mit seinen Filialen: Das grüne Firmenlogo wird in den USA zum Symbol für eine neue Kaffeekultur. Espresso Macchiato und Caffe Latte triumphieren über den dünnen Umsonst-Trunk der Restaurants.

Ungewöhnliches Erfolgsrezept

Das Erfolgsrezept ist eher ungewöhnlich: Starbucks setzt von Anfang an auf "Mund-zu-Mund-Propaganda" und gibt nur zehn Millionen Dollar für Werbung aus - in zehn Jahren. Stattdessen werden die Mitarbeiter - "Baristas" genannt - zu Schulungen geschickt, um alles über Kaffee und die Firmenphilosophie zu erlernen. Howard Schultz sieht die Starbucks-Läden als Oase zwischen Büro und Zuhause.

Von dieser Maxime wurden zuerst die Japaner überzeugt: Auf der Ginza, der schicken Flaniermeile Tokios, eröffnete 1996 die erste Filiale außerhalb der USA. Heute gibt es dort fast 300 Läden; der Börsengang der japanischen Tochter ist für den 10. Oktober geplant. In Großbritannien betreibt Starbucks über 220 Bars - nur mit dem Weg in die Kaffeehaus-Bastionen Europas ließ man sich länger Zeit.

Erst im März dieses Jahres öffneten sich die Türen für eine Filiale in Zürich: Am Central, dem Tor zur Altstadt, entstand die erste Starbucks-Kaffeebar in Kontinentaleuropa. Ab Dezember sollen in Österreich rund ein Dutzend Läden folgen. Der deutsche Markt genießt bei Starbucks jedoch oberste Priorität. Peter Maslen formuliert es so: "Wenn wir nicht in Deutschland sind, sind wir auch nicht in Europa."