Stark genug - DER SPIEGEL
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BIER Stark genug

Auch in Deutschland dürfen nun Biere verkauft werden, die mehr enthalten als Hopfen und Malz. *
• aus DER SPIEGEL 12/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Den deutschen Biermarkt«, sagt Karl Brandt, Europa-Exportchef der Amsterdamer Großbrauerei Heineken, »studieren wir schon sehr lange mit sehr großem Interesse.« Doch seit Gründung des Unternehmens vor gut hundert Jahren habe Heineken noch »keine Flasche und kein Faß in Deutschland verkaufen können«.

Das könnte bald anders werden. Am Donnerstag vergangener Woche beseitigte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg eines der wichtigsten Hindernisse für den Verkauf von Importware in Deutschland: Die Bundesrepublik darf künftig die Einfuhr ausländischer Biere, die nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wurden, nicht mehr verbieten.

Der dreijährige Rechtsstreit, der nun verlorenging, hatte Hopfenbauern, Brauer und Biertrinker gleichermaßen erbittert. Nur Hopfen und Malz, Hefe und Wasser gehören ins Bier - so schrieb es das Reinheitsgebot bereits 1516 in Bayern vor. Seit 1870 gilt die eherne Brauregel in ganz Deutschland.

Nach dem Urteil von Luxemburg wird manches anders schmecken. Künftig sind bei importierten Bieren auch Zusätze von sogenannter Rohfrucht - etwa Reis, Mais, Hirse oder Soja - gestattet. Für deutsche Biere freilich gilt das Reinheitsgebot weiter.

Das EG-Gericht sah in dieser Vorschrift, solange sie auch für ausländische Brauer galt, einen Verstoß gegen Artikel 30 der Römischen Verträge. Handelshemmnisse zwischen den Partnerländern sind danach verboten. Der Einwand der Bonner Rechtsvertreter, das Reinheitsgebot sei Bestandteil des nationalen Lebensmittelrechts und mithin für jeden Produzenten verbindlich, überzeugte nicht.

Ulrich Opherk, Sprecher des Deutschen Brauer-Bundes, empfindet das Urteil als »irgendwie anachronistisch«. Bisher habe Bier zu den wenigen Lebensmitteln gehört, die noch frei von chemischen Zusätzen seien. Dafür habe das Reinheitsgebot gesorgt.

Nun muß sich die heimische Brauwirtschaft erstmals in ihrer Geschichte dem internationalen Wettbewerb stellen, freilich »mit sehr großer Gelassenheit«, so Klaus Asche, Präsident des Brauer-Bundes und Vorstandsvorsitzender der Holsten Brauerei AG in Hamburg. Die Barrieren um den deutschen Biermarkt bleiben hoch.

Ausländische Anbieter müssen künftig Beigaben von Mais oder Reis auf Flaschen oder Dosen, auf dem Faß oder am Bierhahn deklarieren. Chemische Zusatzstoffe zur Schaumstabilisierung und Konservierung, etwa Ascorbinsäure oder Schwefeldioxid, sollen ebenso ausgewiesen werden wie Phosphor-, Milch- und Essigsäure sowie die Färbemittel Karamel und Tartrazin.

In einer Rechtsvorschrift will die Bundesregierung festlegen, welche chemischen Zusatzstoffe das Importbier künftig enthalten darf. Bis dahin gilt der Grundsatz, daß alle Zusätze erlaubt sind, die das deutsche Lebensmittelrecht gestattet.

Zudem wollen sich die heimischen Brauereien mit massiven Werbekampagnen wehren und immer wieder die Reinheit deutschen Bieres verkünden. Auch auf Etiketten und Bierdeckeln wird der Zecher lesen können, wo der echte Stoff herkommt. Die sechs Dortmunder Brauereien, an ihrer Spitze die zum Oetker-Konzern gehörende Actien-Brauerei, schlossen sich demonstrativ zu einem »Reinheitskartell« zusammen.

Schon bisher hatten es selbst jene ausländischen Brauhäuser, die nach deutschen Regeln hergestelltes Bier anboten, in der Bundesrepublik schwer. An den 94 Millionen Hektolitern, die jährlich hier verkauft werden, haben die Ausländer nur einen Anteil von einer Million Hektoliter. Fast die Hälfte davon liefern allein die dänischen Weltmarken Tuborg und Carlsberg. Tuborg, das 1986 in einem stagnierenden Markt 30 Prozent mehr absetzte, wird ebenso wie Carlsberg sein Bier auch weiterhin nach dem Reinheitsgebot herstellen.

Bei der Reinheit will auch der Straßburger Brauriese Kronenbourg bleiben, der mit einem Jahresausstoß von 14 Millionen Hektolitern mehr als doppelt so groß ist wie die Union-Schultheiss-Gruppe. Bislang freilich konnte Kronenbourg im Jahr gerade 10000 Hektoliter in der Bundesrepublik verkaufen.

Der Einstieg in den mit 1200 Brauereien dicht besetzten Markt wird in jedem Fall schwer und teuer, der Wettbewerb ist hart. Neue Anbieter, die über Supermärkte und Discountketten den deutschen Verbraucher erreichen wollen, sehen sich der Macht zentraler Einkäufer ausgesetzt, und der Handel verlangt Regalmieten.

Zudem sind die Wege von den ausländischen Braustätten weit. Nach Branchenschätzungen dauert es zehn bis fünfzehn Jahre, eine neue Biermarke überregional einzuführen.

Da aber »jeder das Recht auf Betriebsverluste hat« (Brauer-Bund-Sprecher Opherk), rechnen Deutschlands Brauer mit ausländischen Billig-Offerten, vor allem in Einwegflaschen und Dosen. Allerdings kosten auf Getränkemärkten auch heimische Sorten derzeit schon weniger als neun Mark je Eurokasten mit zehn Litern Inhalt.

Als mächtiger Verbündeter steht Deutschlands Brauern die Kneipe um die Ecke zur Seite, Treffpunkt erfahrener Zecher, die nach Branchenmeinung hochempfindlich auf alles Neue reagieren und entscheidend für das Image einer Biermarke sind. Zudem ist ein Großteil der Gastwirte durch Lieferverträge und Darlehen auf Jahre exklusiv an deutsche Brauereien gebunden. Keiner dieser Wirte dürfte eine zusätzliche, zudem mit dem Makel der Unreinheit behaftete Sorte anbieten.

Gefahr droht den einheimischen Sudhäusern von kapitalstarken Auslandskonzernen, die in der Lage sind, den Preis für den Markteintritt zu entrichten. Der niederländische Braugigant Heineken, der sein Bier in 150 Länder vertreibt und mit fast 40 Millionen Hektolitern Jahresausstoß soviel produziert wie die 30 größten deutschen Hersteller zusammen, wäre einer dieser Konkurrenten.

Freddy Heineken, Mehrheitsaktionär des Konzerns, hat sich bislang geweigert, in das Nachbarrevier einzudringen - er hatte keine Lust, sich den deutschen Sonderbestimmungen zu unterwerfen. »Unser Bier«, sagt Export-Chef Brandt, »ist erstklassig und wird doch in der ganzen Welt getrunken.«

Auch die amerikanischen Bierbrauer konnten nun Interesse am deutschen Geschäft zeigen. Stark genug sind sie - Anheuser-Busch in St. Louis etwa produziert mit 85 Millionen Hektolitern im Jahr nicht viel weniger als alle deutschen Brauereien zusammen.

Seit Monaten gehen unter deutschen Brauern Gerüchte um, Heineken und Anheuser-Busch konnten sich bei deutschen Brauhäusern einkaufen; genannt werden unter anderen Schultheiss, Henninger, Löwenbräu oder Dortmunder Actien-Brauerei. Die Ausländer konnten dann auch den Zugang zu den Gaststätten finden.

Noch stehen die Biergiganten ruhig. Heinekens Brandt hält es derzeit »nicht für opportun, eine Entscheidung über mögliche Aktivitäten auf dem deutschen Markt zu treffen«. Jedenfalls sei Heineken nicht daran interessiert, auf den Billigmärkten »Geld zu verlieren«.

Das Interesse gilt vielmehr der gehobenen Klasse der Edelbiere. Da werde Heineken zugreifen, »wenn sich kommerziell attraktive Möglichkeiten bieten«.

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