FLICK Starker Freund
Einem halben Dutzend westdeutscher Kreditinstitute wird der vorletzte Donnerstag in schlechter Erinnerung bleiben: Per Telex löste der beste, sicherlich der prominenteste Kunde die Geschäftsverbindung.
Unter der Überschrift »Betr.: Konto Dr. Friedrich Karl Flick« bat der Düsseldorfer Flick-Direktor Joachim Beyer »Guthaben und Wertpapiere« seines Chefs »auf das Konto von Herrn Dr. Flick bei der Deutschen Bank in Düsseldorf zu transferieren«.
Das lapidare Fernschreiben sorgte in den Kreditinstituten - darunter die Privatbanken Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. in Frankfurt, die Düsseldorfer Trinkaus & Burghardt, die Kölner Delbrück-Bank und das Münchner Geldhaus Merck, Finck sowie die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank - für Aufregung. Durch den Abzug der Flick-Gelder verlieren die Bankiers einen einträglichen Kunden.
Der Abschied des Großkunden traf einige der Bankiers völlig unvorbereitet. August von Finck, dessen Münchner Privatbank schon dem Flick-Vater bei seinen oftmals diskreten Geschäften behilflich war, mochte die Botschaft aus dem Fernschreiber zunächst nicht glauben. Per Telephon erkundigte sich Finck bei dem Flick-Direktor Beyer, was es denn mit den unschönen Anweisungen auf sich habe.
Viel schlauer freilich war Finck nach dem Telephonat nicht. Etwas hilflos wußte Beyer lediglich zu berichten, daß er mit dem Fernschreiben einem Befehl von oben gefolgt sei. Näheres wisse er nicht, er sei sowieso zum 31. März entlassen.
Fincks Hoffnung, daß die Angelegenheit ein Irrtum sei, wurde wenige Tage später zerstört. Diesmal erreichte ein Brief die Bankiers, unterschrieben vom Geschäftsführer der Düsseldorfer Flick-Holding, Heribert Blaschke. Der Steuerexperte bekräftigte den Wunsch seines Konzernherrn, all seine flüssigen Vermögenswerte bei der Deutschen Bank zu konzentrieren.
Die Begründung für den ungewöhnlichen Geldtransfer liefert der Münchner Flick-Anwalt Detlef Wunderlich: »In schweren Zeiten hat es sich sehr oft bewährt, alle Kräfte auf eine Bank zu konzentrieren.«
Von der mächtigen Deutschen Bank als Schutzschild erhofft sich Flick auf mehrfache Weise Hilfestellung. Der starke Geschäftspartner, der den Kohl-Freund Alfred Herrhausen im Vorstand hat, kann für gute Beziehungen zu der neuen Bonner Prominenz sorgen. Außerdem könnte das größte deutsche Kreditinstitut den schlechten Ruf, den Flick inzwischen auch bei Industriellen hat, womöglich aufbessern.
Auf gute Kontakte zur Industrie aber ist der Einzelgänger aus München angewiesen: Nach wie vor sucht er Käufer für Teile seines Firmenbesitzes.
Bislang hatte sich der Flick-Adlatus Günter Max Paefgen vergeblich um Käufer bemüht. Dem Chef des Stahlkonzerns Salzgitter, Ernst Pieper, versuchte er für 300 Millionen Mark die Panzerfirma Krauss-Maffei aufzudrängen. Ohne Erfolg - der Stahlmanager hat seine eigenen Sorgen.
Interesse an Krauss-Maffei bekundet schon länger der US-Konzern United Technologies, dessen deutschfreundlicher Chef Harry Gray gern in der Bundesrepublik investieren möchte. Bislang freilich war die Bonner Regierung dagegen, daß die Panzerfabrik, die den Leopard baut, an ein fremdländisches Unternehmen geht.
Widerstand aus Bonn verhinderte auch einen anderen Plan. Krauss-Maffei, so hatten die Flick-Leute gedacht, ließe sich auch gut mit der Münchner Firma Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) zusammentun. Doch die Fusion von zwei der wichtigsten westdeutschen Rüstungskonzerne mißfiel den Bonnern aus Gründen des Wettbewerbs.
Neben Krauss-Maffei steht bei Flick mit der Düsseldorfer Feldmühle AG noch der größte bundesdeutsche Papierkonzern auf der Verkaufsliste. Der britischen Firma Bowater unterbreitete Flick ein Angebot für 600 Millionen Mark. Der Preis muß deswegen etwas höher ausfallen, weil Flick bei einem Verkauf Steuern nachzahlen müßte. Bei der Wiederanlage seiner Daimler-Milliarden waren 200 Millionen steuerfrei in Feldmühle-Investitionen geflossen. Bei einem Verkauf wären sofort 112 Millionen Mark Steuern fällig.
Über seinen Adlatus Paefgen versuchte Flick, der ständig von einem abstrusen Verarmungswahn geplagt ist, im vergangenen Jahr ein Drittel seiner noch verbliebenen drei Millionen Daimler-Aktien (Wert derzeit: 1,3 Milliarden Mark) zu verkaufen. Der Deal scheiterte, Flick hatte Glück: Heute sind die Aktien 100 Millionen mehr wert.
Leichter als hierzulande gelang es Flick, in Amerika sein Vermögen flüssig zu machen. Die auf den Bahamas ansässige Flick-Firma Mercure NV verkaufte im vergangenen Jahr Immobilien und Wertpapiere für rund 200 Millionen Dollar.
In San Francisco trennte Flick sich von dem Gebäude der Union Bank, in Houston ließ er das Entex Building veräußern. Zusammen mit der Dividende aus seiner Beteiligung an der US-Chemiefirma Grace (30 Millionen Dollar) flossen dem wohlhabenden Deutschen gut eine halbe Milliarde Mark aus Amerika zu - eigentlich genug, um die Angst vor der Armut zurückzudrängen.
Um sein Renommee in der Bundesrepublik wieder aufzupäppeln, überlegt Flick inzwischen, freiwillig Steuern nachzuzahlen. Noch prüft das Bonner Wirtschaftsministerium, ob der Konzernherr die Steuerbefreiung für die Grace-Beteiligung zu Unrecht bekommen hat. Wenn sich abzeichnet, daß Flick zahlen muß, könnte er die strittigen 450 Millionen Mark als großzügige Geste schnell überweisen, bevor der Bonner Zahlungsbefehl kommt.
Mit seinem Geldtransfer zur Deutschen Bank schließlich will er auch seinen Verbleib in dem feinsten deutschen Wirtschaftszirkel sichern. Auf der Hauptversammlung der Bank steht Friedrich Karl Flick zur Wiederwahl in den Aufsichtsrat an.