Steigende Preise
werden die Bundesbank weiter beschäftigen. Seit August ziehen die Teuerungsraten in den alten Bundesländern kräftig an, die Jahresrate schwillt möglicherweise über sechs Prozent. Schon jetzt notieren die Deutschen nach Italien die zweitstärkste Teuerung unter allen großen Industrienationen.
Der neuerliche Preisschub kommt völlig unerwartet. Die Wirtschaft steckt bereits in einer Rezession. Das müßte eigentlich die Preise dämpfen. Weil die Nachfrage schrumpft, sind Aufschläge von der Industrie und auch vom Handel schwer durchsetzbar.
Tatsächlich sind die Produkte der heimischen Industrie derzeit kaum teurer als vor einem Jahr. Landwirtschaftliche Erzeugerpreise wurden sogar erheblich billiger.
Einfuhrwaren sind ebenfalls viel günstiger als vor Jahresfrist zu haben: Kraftstoffe und Baumwolle, Rohkaffee und Kakaobohnen, Silberbarren und Edelsteine. Der Außenwert der Mark ist stark gestiegen, deshalb wurden die Importe preiswerter.
Der derzeitige Auftrieb wird aus nur zwei Quellen gespeist, weiß Johann Szenzenstein vom Statistischen Bundesamt: Mieten sowie administrierte Preise.
Die Mieten stiegen durchschnittlich um 6,5 Prozent. Vor allem im sozialen Wohnungsbau wurde der Mietzins zuletzt drastisch erhöht. In etlichen Ballungszentren ist die Wohnungsnot besonders groß. Vielerorts sind bei Neuvermietungen zweistellige Zuschläge üblich.
Außerdem wuchert der Staat mit Abgaben und Gebühren, Städte und Gemeinden langen bei Eintrittspreisen für das Hallenbad und die Opernloge, bei Abrechnungen für das Abwasser und die Müllabfuhr zu. Parkplätze in den Innenstädten wurden um knapp 80 Prozent verteuert (siehe Grafik). Die Inflation hat sich, so scheint es jedenfalls, schon festgefressen. Weitere Preissteigerungen sind absehbar.
Zum Jahresbeginn steigt die Mehrwertsteuer auf 15 Prozent. Rein rechnerisch hebt der Staat die Verbraucherpreise damit um 0,5 Prozentpunkte an. Die Bundesbahn erhöht die Fahrpreise um bis zu 22,7 Prozent. Der Postdienst wird ebenfalls teurer, die Bonner liebäugeln zudem mit einem Zuschlag beim Sprit.
Noch mehr Inflationsschübe drohen. Bisher haben die Importe den Preisauftrieb etwas gedämpft. Der Kurs des Dollar ist mit der Wahl in Amerika schon von 1,40 auf 1,60 Mark steil gestiegen. Rohstoffe und Kraftstoffe aber werden auf dem Weltmarkt in US-Dollar bezahlt.
Mit hohen Zinsen ist dieser Inflation nicht beizukommen. Im Gegenteil: Zinsen sind oftmals auch Kosten.
Weil das Baugeld teuer bleibt, werden zu wenige Wohnungen gebaut. Stadtkämmerer und Finanzminister stecken in der Klemme: Wer hohe Schulden hat, zahlt zwangsläufig reichlich Zinsen. Und das läßt die Preise weiter steigen.
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_119b Vom Staat beeinfußter Anstieg einzelner Verbraucherpreise
_____ / Oktober 1992 gegenüber dem Vorjahr
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