Stein des Anstoßes - DER SPIEGEL
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MODE Stein des Anstoßes

Swarovski-Kristalle galten jahrzehntelang als billig und kitschig. Dank einer Tochterfirma in Paris feiert das Unternehmen nun auch Image-Erfolge.
Von Romain Leick
• aus DER SPIEGEL 52/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die schöne Zauberfee schwebt durch frostige Landschaften. Eiskristalle blitzen im fahlen Licht des nordischen Winters. So posiert Laetitia Casta, 23, neuerdings als Verwunschene im Kristallparadies. Das französische Topmodel aus dem sonnigen Korsika leiht ihr Gesicht in diesem Winter einer Kollektion von Schmuckstücken und Accessoires. Bei den Stars und all den Schönen, die ihnen von Paris bis Hollywood gern nacheifern, liegen die Glitzersteinchen neuerdings mächtig im Trend.

So steigt im kriselnden Weihnachtsgeschäft mit der Luxusmode ausgerechnet ein Name auf, der früher allenfalls mit Tante Ernas Nippesvitrine verbunden wurde: das Kristallimperium Swarovski. Der kleine Pariser Zweig des österreichischen Familienunternehmens schafft es seit geraumer Zeit, Glamourschmuck, Uhren, Handtaschen, Gürtel, Brillen, Schals und allerlei dekorative Gegenstände fürs moderne Wohnzimmer zu entwerfen, die in der ganzen Welt Anklang finden.

Die Kundschaft findet die einst vor sich hin mottende Marke in New York bei Bergdorf Goodman ebenso wie in London bei Harrods, in Hongkong, Tokio oder Berlin. Hinzu kommen eigene Boutiquen und Showrooms nach dem Muster des Pariser Paradegeschäfts in der Rue Royale unweit vom Place de la Concorde.

Der Grundstoff für die extravagante Ware bleibt dabei immer gleich: Stein des Anstoßes waren von jeher präzise geschliffene, in allen Farben glitzernde Kristalle. An die 24 Tonnen produziert die 1895 in Wattens (Tirol) gegründete Firma jeden Tag. Mit einem Umsatz von knapp drei Milliarden Mark ist Swarovski der größte Kristallfabrikant der Welt. Der Gewinn wird wie ein Familiengeheimnis gehütet, ebenso wie die Grundmixtur aus Pottasche oder Soda, Quarzsand und farbgebenden Metalloxiden.

Am Anfang der Erfolgsdynastie stand der Sohn eines Glasschleifers aus dem böhmischen Isergebirge. Der 1862 in der Habsburger-Monarchie geborene Daniel Swarovski erfand eine völlig neuartige Schleifmaschine, die viel schneller und genauer als in der bis dahin üblichen Handarbeit große Massen Kristallsteine in die gewünschte Fasson bringen konnte.

Die »Pierres taillées du Tyrol« wurden schon um die Jahrhundertwende bei Pariser Modemachern wie Coco Chanel beliebt, die ihre Abendroben mit den Glasbausteinchen bestickten. Noch heute bestellen Avantgarde-Couturiers Zierrat aus der Tiroler Produktion mit ihren 100 000 lieferbaren Kristallsteinchen.

Die falschen Klunkern mit Diamanteneffekt eigneten sich nicht nur für Mode, sondern auch als Besatz für gehäkelte Deckchen. So war die Firma lange Zeit vor allem alten Tanten und Großmüttern ein Begriff: Für deren Glasvitrinen in der guten Stube schliff das Unternehmen Figürchen und Tierchen, deren Kitschfaktor es mit jeder Käthe-Kruse-Puppe aufnehmen konnte. Eines der von der alten Klientel am hemmungslosesten verehrten Motive, der Schwan, schwebt noch heute als Firmenlogo durch Kataloge und Boutiquen.

Das patinierte Stammgeschäft ist keineswegs eingeschlafen. Aber um vom Oma-Image wegzukommen und ihre Firma in der Welt modernen Designs zu etablieren, schufen die Österreicher in der französischen Hauptstadt ihre nach dem Gründervater benannte Luxusfiliale Daniel Swarovski Paris. Als Chefdesignerin wurde Rosemarie Le Gallais, 59, verpflichtet, eine gebürtige Deutsche aus Westfalen, die zuvor 15 Jahre lang mit Karl Lagerfeld gearbeitet hatte und mittlerweile zweimal im Jahr neue Kollektionen präsentiert.

Zu den Kundennamen, mit denen das Unternehmen seither renommieren kann, gehören Stars wie Isabelle Huppert, Liv Ullmann, Nicole Kidman, Madonna oder Catherine Zeta-Jones. Junge und alte Käuferinnen, Topmodels und Hausfrauen reißen sich nun gleichermaßen um Colliers und Armbänder aus Paris. So wurde das Internationale Filmfestival in Cannes oder die Oscar-Verleihung in Hollywood zur unschlagbaren Werbeplattform. In New York kümmert sich Nadja Swarovski - aus der fünften Generation des Kristallclans - um Marketing und PR.

Die Umsatzzahlen von Daniel Swarovski Paris verdreifachten sich im Jahr 2000 gegenüber dem Vorjahr auf 30 Millionen Mark. Das mag wenig sein im Vergleich zum Gesamtkonzern, ist aber für das Image unbezahlbar.

Während der Rest der Branche, von Gucci bis Prada, über die Folgen der Wirtschaftsflaute jammert, kündigen die Pariser vollmundig an, ihren Umsatz bis zum Jahr 2005 auf 180 Millionen Mark zu versechsfachen - trotz und dank Rezession.

Denn mit ihrem Billigschick will Le Gallais modebewussten berufstätigen Frauen Gelegenheit geben, günstige und daher leicht austauschbare Akzente zu setzen: »Schmuck und Taschen werten die tagsüber getragene Basiskleidung auf«, erklärt sie das Konzept. So sei es gar nicht mehr nötig, »zur Cocktail- oder großen Abendgarderobe zu greifen«.

ROMAIN LEICK

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