Steiniger Acker - DER SPIEGEL
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AUTOMARKT Steiniger Acker

Die Absatzflaute auf dem Automarkt hat die Spekulation mit Mercedes-Wagen zum Verlustgeschäft gemacht.
• aus DER SPIEGEL 52/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Nachricht von Daimler-Benz kam Hugo Berger aus Hamburg-Poppenbüttel in der Vorweihnachtszeit gerade recht: »... teilen wir Ihnen mit, daß der von Ihnen bestellte Pkw in der dritten Januar-Woche zur Auslieferung kommt.«

Mit dieser Lieferzusage auf seinen vor knapp 26 Monaten unterschriebenen Kaufvertrag für einen Mercedes 230 war ihm, so kalkulierte Berger, ein stattlicher Nebenverdienst sicher. Auf rund 3000 Mark taxierte der ahnungslose Poppenbütteler den Reingewinn, wenn er -- wie geplant -- seinen neuen Mercedes sofort weiterverkaufte.

Doch etliche Anrufe bei einschlägigen Händleradressen brachten rasche Ernüchterung: Von Aufpreisen bei Mercedes könne keine Rede mehr sein, belehrten ihn die Experten. Im Gegenteil: Auch mit einem Abschlag von zehn Prozent vom Neuwagenpreis sei das gute Stück nicht unbedingt eine Okkasion.

Wie Berger geht es derzeit vielen. Branchenkenner schätzen, daß sich mehrere tausend Mercedes-Kunden verspekuliert haben. Sie hatten im Vertrauen auf den teuren Stern in den vergangenen Jahren Limousinen der kleinen Klasse (200 bis 280 E) bestellt, die sie gar nicht selbst fahren wollten.

Sie alle bauten darauf, daß die begehrten Wagen, wie in den vergangenen Jahren auch, in alle Zukunft knapp sein würden. Jeder zuteilungsreife Vertrag ließe sich mit einem Aufschlag auf den offiziellen Preis von 3000 bis 5000 Mark mühelos weiterveräußern -- an Mercedes-Fans, die für die langen Lieferfristen zu ungeduldig sind.

Die Rechnung war einige Jahre lang aufgegangen. Noch im Frühsommer dieses Jahres, als Daimler-Benz seine Lieferfristen auf bis zu 48 Monate verlängerte, wurden fällige Verträge mit etlichen Tausendern Aufpreis gehandelt.

Das galt nicht nur für Neuwagen. Auch die sogenannten Jahreswagen, die von Werksangehörigen nach einjähriger Laufzeit weitergereicht werden dürfen, wurden weit über dem Neupreis gehandelt.

Doch seit dem Sommer geht es Mercedes-Spekulanten schlecht. Die Lieferfristen sind auf 18 Monate oder weniger geschrumpft, und die Mercedes-Werksniederlassungen füllen die Spalten der Tageszeitungen mit preisgünstigen Offerten.

Die Unruhen im Iran, der ständig steigende Benzinpreis und die wiederbelebte Diskussion um ein Tempo-Limit machten auf die Käufer der schweren Mercedes-Limousinen offenbar mehr Eindruck, als die Autoverkäufer erwartet hatten. Inzwischen können große Autohändler wie Auto-Becker in Düsseldorf »jeden gängigen Typ zum Normalpreis oder darunter jederzeit liefern« (Becker-Werbung).

Obwohl der Absatz der Autobranche stockt, hat Daimler-Benz die Autoflaute bislang besser überstanden als Konkurrenten wie Opel oder Ford. Doch das könnte sich, meinen die Mitbewerber, rasch ändern: Weil das Auftragspolster bei Daimler durch Spekulationsaufträge noch immer künstlich aufgebläht sei, könnte der Einbruch in den kommenden Monaten womöglich um so härter ausfallen.

Das Daimler-Management in Stuttgart will davon nichts wissen. Von Auftragsstornierungen sei nur in vereinzelten Fällen etwas bekanntgeworden.

Vorstandschef Joachim Zahn wiegelt ab: »Es ist nichts anderes eingetreten als die lange erwartete Normalisierung.

Zudem hätte nicht etwa Mercedes einen Rückschlag wegzustecken, sondern vielmehr die Konkurrenz. Die bereits zu Kurzarbeit übergegangenen Firmen Ford und Opel hätten im Sechszylinder-Markt für eine »deutliche, wenn nicht sogar überzogene Ausweitung der Kapazitäten« (Zahn) gesorgt. Jetzt müßten sie sehen, »wie steinig dieser Acker werden kann«.

Gerade die in der Vergangenheit eingesammelten Auftragsüberhänge sichern Mercedes noch auf Monate hinaus eine reibungslose Produktion.

Denn die Verkaufsniederlassungen nehmen Auftragsstornierungen nicht einfach hin, sondern suchen für jeden, der von seinem fälligen Vertrag nichts mehr wissen will, einen Ersatzmann.

Noch finden Mercedes-Händler in ihren Auftragskarteien genügend andere Besteller, die eigentlich noch zwei Jahre oder mehr hätten warten müssen. »Die sind oft richtig dankbar«, so ein Verkäufer, »wenn sie jetzt schon drankommen.«

Aber allmählich werden auch die Verkäufer in den Niederlassungen grantiger. Faule Kunden, die sich mit allerlei Ausflüchten aus fälligen Verträgen herausdrücken wollen, werden nicht mehr immer so zuvorkommend wie noch vor wenigen Monaten behandelt, als die Verkäufer für jeden Aussteiger dankbar waren.

Inzwischen muß jeder, der seinen vor Jahren bestellten Mercedes heute nicht mehr haben will, mit Vertragsstrafe rechnen. Und das sind immerhin 15 Prozent das vereinbarten Kaufpreises.

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