RUHRKOHLE Stern verblaßt
Noch vor drei Jahren stand Hans-Helmut Kuhnke, 63, Vorstandschef der Essener Ruhrkohle AG, in dem Ruf, bester Mann an der Ruhr zu sein. Heute ist Kuhnkes Stern so verblaßt, daß die Aufsichtsräte der Mammutzeche hinter dem Rücken des obersten Kohle-Managers einen neuen Primus für das Kohle-Einheitskombinat suchen.
Der ehemals »beste Mann von der Ruhr« -- 50 1968 der Ruhrkohle-Aufsichtsratschef und Veba-Boß Heinz P. Kemper -- verlor jetzt sogar seinen stärksten Halt: Thyssen-Generaldirektor Hans-Günther Sohl, 65, und Aktionär der Ruhrkohle AG, distanzierte sich unlängst vor anderen Stahlindustriellen von Kuhnke: »Ich kann ihn jetzt nicht mehr halten.«
Der einflußreiche Düsseldorfer Stahlindustrielle, ein engagierter Mitbegründer der Ruhrkohle und Aufsichtsrat in Essen, kreidet dem Kohlechef an, daß er im April vor Aufsichtsrat und Aktionären bei Tarifverhandlungen nicht mit offenen Karten gespielt habe.
Denn ohne Wissen vom Kemper und Sohl traf sich Kuhnke mit dem Boß der Bergarbeiter-Gewerkschaft. Adolf Schmidt, und ließ sich dabei 7,3 Prozent Lohnerhöhung abhandeln. Zuvor aber hatte er dem Thyssen-Chef versichert, er werde auf die Forderungen von Schmidt nicht eingehen.
Kuhnke verdarb Sohl damit ein lohnstrategisches Konzept. Denn der künftige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie hätte lieber einen offenen Machtkampf mit der Gewerkschaft riskiert, als einen Pakt unter dem Tisch zu schließen. Durch seinen Widerstand wollte Sohl die Gefahr hoher Lohnforderungen für Konjunktur und Stabilität anschaulich am Beispiel der Ruhrkohle AG demonstrieren, die seit Jahren nur Verluste fördert und Lohnsteigerungen nur mit neuen Defiziten finanzieren kann.
Die Kritik an der Führung des schwerfälligen und verlustreichen Kohle-Trusts entzündete sich freilich nicht nur an dem Alleingang des Juristen Kuhnke, der einst über ein besseres Scheidungsrecht promovierte und der von 1942 bis 1968 als persönlicher Mitarbeiter von Dr. Günter Henle im Klöckner-Konzern wirkte, zuletzt als persönlich haftender Gesellschafter. Kuhnke ist inzwischen mehrfacher Millionär und betreibt nebenbei eine Nelkenzucht, sein Sohn Christian machte sich als Tennisspieler einen Namen.
Schon seit Monaten verfolgen die Aufsichtsräte mit wachsendem Unbehagen die Ohnmacht des Vorstandes, gegen die lawinenartig wachsenden Verluste aufzukommen, Allein bis Ende 1970 hatten die Kohle-Manager rund 700 Millionen Mark -- weit mehr als das gesamte Grundkapital von 534 Millionen Mark -- als verloren gebucht. Nur mit bilanzkosmetischen Operationen und einer dramatischen Rettungsaktion Mitte April, bei der die Aktionäre -- 25 Unternehmen, vornehmlich aus der Stahlindustrie -- auf Millionenforderungen verzichteten, konnte das schwarze Mammut vorerst am Leben gehalten werden.
Zum wiederholten Male trafen sich in den letzten Wochen einzelne Aufsichtsräte des Kohle-Monopols zu Sanierungsgesprächen. Erst wenn die wirtschaftliche Zukunft des Essener Kohle-Trusts gesichert ist, wollen die Räte über einen möglichen Nachfolger für den in der Branche als nachgiebig und entschlußlos bezeichneten Ruhrkohle-Chef Kuhnke entscheiden. Denn kaum ein Spitzenmanager in Deutschland wäre bereit, einen Konzern zu übernehmen, dessen Chancen für eine nachhaltige Gesundung etwa so groß sind wie die eines moribunden Staublungen-Kranken.
Zum hartnäckigsten Fürsprecher für ein Revirement im Ruhrkohle-Vorstand machte sich in den letzten Wochen Krupp-Chef Günter Vogelsang. Trotz der jüngsten Lohnerhöhung wächst auch bei den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat der Widerstand gegen Kuhnke und seine Kollegen.
»Wir halten Umschau unter den Töchtern des Landes«, gestand letzte Woche ein Aufsichtsrat des Essener Konzerns. Auf einen ersten Kandidaten für das hohe Amt stießen westdeutsche Stahlindustrielle im Saarland: Werner Hoevels, 60, bislang Chef der Saarbergwerke in Saarbrücken. Hoevels, als harter Manager und erbitterter Gegner der Mitbestimmung bekannt, war vor seinem Amtsantritt in Saarbrücken jahrelang Boß der gutgeführten ehemaligen Mannesmann-Zeche Essener Steinkohlenbergwerke AG. Hoevels über eine mögliche Karriere an der Ruhr: »Kein Kommentar. Ich fühle mich an der Saar sehr wohl.«
Lieber noch als den Saarberg-General Hoevels würden einige Stahlindustrielle an der Spitze der Ruhrkohle AG den Krupp-Sanierer Günter Vogelsang sehen. Denn der ehemalige Mannesmann-Manager führte das angeschlagene Familien-Imperium, das vor vier Jahren nur noch durch Bürgschaften der öffentlichen Hand gerettet werden konnte, binnen drei Jahren wieder aus der Krise. Der Weg vom Stahl zur Kohle käme Vogelsang allerdings teuer zu stehen. Als Kuhnke-Nachfolger müßte er auf die Hälfte seines derzeitigen Jahreseinkommens von einer Million Mark verzichten.
Dem glücklosen Kuhnke, der nach eigener Aussage auch heute noch die Berufung nach Essen annehmen würde, ist die Kritik an seiner Unternehmensführung nicht verborgen geblieben. Befragt, ob er unter Umständen vorzeitig aus seinem Vertrag ausscheiden würde, meinte Kuhnke letzte Woche zweideutig: »Das kommt auf die gegebenen Umstände an.«