Steuerhinterziehung: Wer sein Geld in Liechtenstein parkte - DER SPIEGEL
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Steuerhinterziehung Wer sein Geld in Liechtenstein parkte

Die Kontodaten der Liechtensteinischen Landesbank ruinierten den Ruf des Zwergstaates und lösten einen veritablen Steuerskandal aus. Der SPIEGEL konnte die Liste einsehen - sie liest sich wie ein Who's who des Mittelstands.
Von Ulrich Jaeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es muss ein mieses Gefühl sein, auf dieser Liste zu stehen. Was das geheimste Geheimnis bleiben sollte, ist gelüftet. Es ist in die Hände von Leuten gefallen, die jene Datensätze als Allerletzte hätten sehen sollen: Verbrecher, Staatsanwälte, Steuerfahnder – und nun auch noch SPIEGEL-Journalisten.

Die Liste ist lang, Hunderte Seiten, auf jeder einzelnen wiederholt sich das Muster: Jeweils vier durch Leerzeilen voneinander abgesetzte Datenblöcke füllen das Blatt. Jeder einzelne dieser Blöcke entblößt einen Kunden der Liechtensteinischen Landesbank (LLB).

Und zwar komplett – neben Name, Vorname und Titel findet sich oft auch die Berufsangabe. Die Adressen sind postbotengerecht mit Straße, Hausnummer, Postleitzahl und, wo erforderlich, Ortsteilnamen versehen. Was aus Fahndersicht noch fehlt, ist bestenfalls die Steuernummer. Die liechtensteinischen Kontobelege geben Auskunft über die Einlagen und Zinsgewinne von rund tausend Deutschen – schwarze Tage für die Leute auf der Liste, von denen sich viele jetzt noch schnell selbst anzeigen. Es sind Festwochen für die Steuerfahndung.

Schon im vergangenen Frühjahr waren Fahnder zu Steuerrazzien ausgerückt, nachdem der Bundesnachrichtendienst drei DVDs mit Details der Konten von deutschen Kunden der liechtensteinischen Bank LGT gekauft hatte. Über 770 Fälle verfolgt derzeit die Bochumer Staatsanwaltschaft. Prominentester LGT-Kunde war der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel, der sich in Kürze vor einem Bochumer Gericht wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung verantworten muss.

Bei der LLB hatte alles damit angefangen, dass die Brisanz der Daten einen über Jahre zuverlässigen liechtensteinischen Bankangestellten zur Erpressung verführte. Im weiteren Verlauf bescherte sie professionellen Kriminellen Millionen und stürzte den Finanzplatz Liechtenstein in die Krise. Den Schlusspunkt setzen nun die Staatsanwälte, die quer durch die Republik wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen Hunderte Verdächtige ermitteln.

Strafmildernde Übergabe

Potentiellen Kunden stellt die LLB in einer bankeigenen Werbeschrift die Sinnfrage: "Was ist der schönste Erfolg einer guten Beziehung?" Die Antwort des Geldhauses: "Vertrauen, ein tiefes Glücksgefühl." Doch das Vertrauen ist futsch. Und ein tiefes Glücksgefühl stellt sich nur noch bei Steuerfahndern ein, seit die Anwältinnen des Karrierekriminellen Michael Freitag der Rostocker Staatsanwaltschaft die brisanten Dokumente im Sommer 2008 auf den Tisch legten.

Sie erwarten, dass sich die Übergabe der Unterlagen für ihren Mandanten strafmildernd auswirkt. Der kämpft in diesen Tagen vor dem Rostocker Landgericht gegen den Vorwurf, die LLB erpresst zu haben. Im August 2005 und im August 2007 hatte Freitag Vertretern der Bank ebendiese Dokumente gegen neun Millionen Euro cash ausgehändigt.

Nachdem die Experten der Abteilung für Strafsachen und Fahndung des Finanzamts Ribnitz-Damgarten die Unterlagen gesichtet hatten, leiteten die Ermittlungsbehörden Ende September gegen 966 Kontoinhaber ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung ein. Dabei gehe es, so die Staatsanwaltschaft Rostock, um ein Anlagevolumen von "insgesamt über eine Milliarde Euro sowie die daraus erzielten Zinseinkünfte".

Ärzte, Apotheker, Ingenieure, Juristen

Die Liechtensteiner Liste liest sich wie ein Who's who des Mittelstands: Ärzte, Apotheker, Ingenieure, Juristen, Professoren, Zahnärzte und - auch Tierpflege nährt den Mann - ein Tierarzt. Andere LLB-Kunden, die auf eine Berufsangabe verzichteten, sind über Datenbanken unschwer ihrem jeweiligen Gewerbe zuzuordnen: Inhaber von Autohäusern oder Immobilienfirmen etwa.

Ein Lokalpolitiker der Grünen sicherte seine Rücklagen ebenso in Liechtenstein wie der norddeutsche Jurist mit mehr als einem halben Dutzend Firmenbeteiligungen. Ein westdeutscher Hochschullehrer mit praxisnahem Fachgebiet verdient mit seiner Forschung offenbar bestens. Blendend kommt wohl auch eine hessische Geschäftsführerin zurecht, deren "Handel mit Waren und Gegenständen aller Art" Liechtensteiner Guthaben im Multi-Millionen-Bereich erlaubt.

Mittelmaß bewies der Mittelstand bei der Wahl der Kennwörter fürs Konto: "Audi", "Franz", "Gisela", "Jonas" oder "Katze". Humor mag einen vermutlich betagten Klienten bewogen haben, sein Konto mit "Alzheimer" zu schützen. Auf Beistand des Höchsten setzten nur zwei LLB-Kunden: "Gebet" und "Den Gott aufrichtet".

Möglicherweise half der Herr, den Schock zu überwinden, der viele deutsche Anleger traf, als der SPIEGEL (7/2008) erstmals über die Erpressung der Liechtensteinischen Landesbank berichtete. Rostocker Fahnder hatten im September 2007 zugeschlagen, als der in Mecklenburg-Vorpommern notorische Freitag sich mit beträchtlichen Barmitteln im Gepäck nach Thailand absetzen wollte.

Sollte er vom Rostocker Landgericht im jetzt laufenden Prozess als Erpresser verurteilt werden, so droht dem mehrfach Vorbestraften eine lebenslange Sicherungsverwahrung.

Was immer dem 49-Jährigen von den neun Millionen geblieben sein mag – in Freiheit könnte er dann keinen Cent mehr ausgeben. Seinen Opfern, den nun entblößten Kunden der Liechtensteinischen Landesbank, wird das kaum ein Trost sein.