Steuern: Das teure Erbe - DER SPIEGEL
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Steuern Das teure Erbe

Die Regierung hat heute die Änderung des Erbschaftsteuerrechts auf den Weg gebracht. Besonders die Erben von Unternehmen sollen entlastet werden. Nach Ansicht von Experten klappt das nicht immer.
Von Arne Gottschalck
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Über 15 Millionen deutsche Haushalte soll sich binnen kurzer Zeit der Strom von zwei Billionen Euro ergießen, rechnet das Deutsche Institut für Altersvorsorge vor. Einiges davon wird an die Finanzämter fließen. Nur wie viel - das ist derzeit offen. Denn der Staat geht daran, dass Erbschaftsteuerrecht zu reformieren. Vor allem soll es billiger werden, das Erbe eines Unternehmens anzutreten. Doch die Regierung scheint sich verrechnet zu haben. Denn unter dem Strich dürfte eine solche Erbschaft künftig oftmals teurer werden, rechnete die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young aus.

Die Regierung gibt sich unbeeindruckt, beschloss heute die Reform der Erbschaftsteuer. Zumindest über Teile, denn wirklich entschieden wird erst im nächsten Jahr. Vorteil der staatlichen Saumseligkeit: Das Bundesverfassungsgericht wird sich dann zu anstehenden Bewertungsfragen wie zum Beispiel von Immobilien geäußert haben. Und der Regierung damit vielleicht die mühsamen Kärrnerarbeiten abgenommen haben, politische Visionen und Leitlinien zu entwickeln.

Doch auch so betrifft die Reform viele Bürger. Rund 71.000 Firmen mit rund 680.000 Beschäftigen müssen jährlich ihre Nachfolgefrage lösen, rechnet das Finanzministerium vor. Bei gut der Hälfte landet ein Unternehmen bei Familienangehörigen. Und die, so die Behörde weiter, lassen sich von der Höhe der Erbschaftsteuer schon beeindrucken. Denn regelmäßig werden die Forderungen des Staates befriedigt, indem Teile des Betriebsvermögens entnommen werden - sprich, indem der Erbe in die Firmenkasse greift oder gar Dinge aus dem Inventar verkauft. Bei 21 Prozent der von Ernst & Young befragten Mittelständler würde das zu einer Gefährdung der Unternehmensexistenz führen. Und gut zwei Drittel der Firmen müssten anschließend Investitionen verschieben.

Eine gefährliche Entwicklung, hat die Regierung erkannt und will Neuunternehmern nun die Steuer zinslos stunden. Voraussetzung: Er führt das Unternehmen fort. Nach zehn Jahren entfiele die gestundete Steuer dann komplett. Doch das geplante Abschmelzungsmodell wirft einige tiefe Schründe auf, fand Ernst & Young heraus.

Künftig keine Freibeträge mehr

Denn das Konzept umfasst nicht den gesamten Unternehmenswert, sondern nur das sogenannte begünstigte Betriebsvermögen. Bei diesem privilegierten Vermögen, regelmäßig dem zur Produktion eingesetzten Vermögen, kommt es tatsächlich zu einer Reduzierung der Steuerlast. Doch anders bei dem nicht begünstigten Vermögen - "dafür muss der Erbe sofort Steuern zahlen", erklärt Lars Zipfel von Ernst & Young. Und das nicht zu knapp.

"Während ein Erbe eines Unternehmens im Wert von einer Million bislang nach Wertabschlägen nur gut 400.000 Euro versteuern musste, soll er künftig voll für die eine Million gerade stehen", so der Steuerberater weiter. Denn Freibeträge soll es künftig nicht mehr geben. Unter dem Strich führe das bei einigen der analysierten Unternehmen zu einer Mehrbelastung bis zu 77 Prozent, hat die Beratungsgesellschaft ausgerechnet. Und die Gesamtbelastung mit Erbschaftsteuer nähme sogar um 5 Prozent zu, wenn der nun beschlossene Entwurf so Gesetz werden würde. Immerhin, für einige Firmen würde sich die steuerliche Situation verbessern.

Für die Unternehmer kommt es also darauf an, so viel wie möglich ihrer Vermögensgegenstände in die Kategorie begünstigtes Betriebsvermögen einordnen zu können. "Das ist in der Tat die Kernfrage", urteilt Zipfel.

Die Bürger zumindest sehen sich offenbar regelmäßig von der Planung des eigenen Erbes überfordert. Nur ein Fünftel der über 60-Jährigen hat sich zum Beispiel bereits mit der Erbschaftsteuer auseinander gesetzt. Und 33,8 Prozent der Deutschen fühlen sich schlecht über das Thema Erbschaft informiert, fand der britische Finanzdienstleister Clerical Medical in einer aktuellen Umfrage heraus. Die Regierung scheint dazuzugehören.