Steueroase Puerto Rico Das kranke Pillen-Paradies
Der Hochsicherheitstrakt erstreckt sich auf 30 Hektar westlich von San Juan. Ein Stahlzaun riegelt ihn ab, Zugang gibt es nur durch ein metallenes Tor. Durchgelassen wird nur eine Person zur Zeit - dann schließt sich das Tor mit einem satten "Klonk". Taschen werden durchsucht, Kameras konfisziert. Besucher müssen warten, bis eine Eskorte sie abholt. "Willkommen bei Pfizer", trällert die Dame.
Hier in Vega Baja, 30 Autominuten von der Hauptstadt Puerto Ricos entfernt, hat der weltgrößte Pharmagigant eine Insel des Wohlstands geschaffen. Der Werkscampus ist von Palmenhainen durchzogen, Brunnen plätschern, es riecht nach frisch gemähtem Gras. "Wir wollen", sagt Standortleiter John Kelly, "dass es unseren Leuten gut geht."
Hinter Stahltüren und Panzerglas rattern ein paar der erfolgreichsten Arzneien des Konzerns vom Fließband: Zoloft gegen Depressionen, Benadryl gegen Allergien, Accupril gegen Bluthochdruck. "100 Prozent der Kapazität" seien ausgenutzt, vermeldet Hallenaufseher Luis Rojas - macht zehn Milliarden Tabletten pro Jahr.
Am Tropf der Investoren
Die Pillensucht Amerikas und der reichen Welt, hier wird sie gestillt. 90 Prozent des Arznei-Auswurfs in Vega Baja und fünf anderen Pfizer-Werken auf Puerto Rico wandern direkt auf den US-Markt. Der wiederum macht fast die Hälfte des Medikamenten-Weltmarkts aus.
Wie Pfizer haben auch andere Pharmamultis große Teile ihrer Produktion hierher ausgelagert. Hier auf Puerto Rico sind die Steuern niedrig, die Arbeitskräfte billig. Die Pharmabranche ist der größte Arbeitgeber der Insel. 16 der 20 Top-Arzneien Amerikas kommen von der Insel. Darunter sei auch das Herzmittel des US-Vizepräsidenten Dick Cheney, lassen die Pharma-Manager gern wissen.
Als "autonomes US-Besitztum" bietet sich Puerto Rico als "Sprungbrett für Profite" an, wie der hiesige Industrieverband Pridco wirbt - und das gilt nicht nur für die Pillenindustrie. In Puerto Rico werden US-Dollars anerkannt, die Insel gehört zum US-Zollgebiet, hier gilt US-Recht - zugleich gibt es ein eigenes Steuersystem und so gut wie keine Gewerkschaften. Dieser Mix hat auch Siemens, Henkel und BASF auf die Insel gelockt. Besonders bedeutsam: Eine Sonderklausel der US-Steuerordnung (Section 936) erlaubte es amerikanischen Konzernen seit Jahrzehnten, Profite aus Puerto Rico daheim fast steuerfrei anzurechnen.
Den meisten der 3,8 Millionen Einwohnern nutzt das wenig: Die Profite werden ins kontinentale Amerika repatriiert. Ohne nennenswerte unabhängige Einkommensquellen am Tropf der Fremdinvestoren ist Puerto Rico bis heute ärmer als der ärmste US-Bundesstaat. Da die Steuerklausel 936 auslaufen soll und immer mehr Investoren das Land bereits zu verlassen beginnen, könnte die Insel bald sogar noch ärmer zu werden.
"Wir leben in einer Zweiklassen-Gesellschaft"
Der Kontrast zwischen den zwei Welten Puerto Ricos ist in Vega Baja und San Juan zu besichtigen. Die eine Welt, hinter Stahlsperren und Luftschleusen, wird von den 1400 Pfizer-Mitarbeitern bevölkert. Sie bedienen die Förderbänder und Maschinen, die Chemikalien zu Pillen pressen, in Kapseln hüllen, in Folien schweißen und in Kartons füllen. In der Mittagspause können sie über den werkseigenen Jogging-Pfad traben oder in einem Sportstudio gratis unter Anleitung hanteln.
Eine andere Welt findet sich im Strandviertel Isla Verde im Osten San Juans. Hier, im staubigen Mini-Amphitheater "Coliseo Gallistico", hocken Dutzende Männer schwitzend und brüllend in der Runde und verwetten beim Hahnenkampf das letzte Geld. Zwei Kampfhähne werden aufeinander losgelassen, bis der Schwächere, blutig und zerfleddert, halb tot ist. Hat er nach dem Gong noch ein Auge übrig, wird er wieder aufgepäppelt; hat ihm der Sieger beide Augen ausgehackt, wird er geschlachtet. Die meisten Zuschauer sind betrunken.
"Wir leben in einer Zweiklassen-Gesellschaft", klagt ein prominenter puertoricanischer Soziologe - und bittet darum, ihn nicht mit Namen zu zitieren, da er als Mitglied eines staatlichen Forschungskonsortiums eigentlich für sein Land werben soll. "Wir haben lauter schöne Industrie-Enklaven und vornehme Siedlungen, die mit Mauern und Wachposten vom Rest des Landes abgeschottet sind, zum Beispiel Ocean Beach. Und dann haben wir Enklaven der Armut, richtige Slums, wir haben Kriminalität und wir haben ein Drogenproblem. Puerto Rico wird immer polarisierter."
Flucht nach Bermuda
"In einem halben Jahrhundert subventionierter Abhängigkeit hat es Puerto Rico nicht geschafft, wirtschaftlich aufzuschließen", sagt auch der US-Ökonom Lawrence Hunter. In der Tat bleibt der Halbstaat, den Pridco-Chef Hiram Ramirez als "Leuchtfeuer der Stabilität" verklärt, ein Armenhaus. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt 8185 Dollar - ein Achtel dessen, was ein regulärer Angestellter bei Pfizer in Vega Baja verdient. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp zwölf Prozent, mehr als doppelt so hoch wie in den Vereinigten Staaten. 1,8 Millionen Puertoricaner - 45 Prozent der Bevölkerung - leben in Armut. Ein Drittel davon sind Kinder.
Seit der US-Kongress 1996 beschlossen hat, die günstige Steuerklausel bis 2006 auslaufen zu lassen, hat Puerto Rico überdies durch den Abzug knauseriger Investoren bereits fast 30.000 Arbeitsplätze wieder verloren. Selbst Intel, lange Hightech-Aushängeschild der Insel, wanderte nach Costa Rica ab. "Puerto Rico", sagt Ökonom Hunter, "steht am Scheideweg."
Nur die Pharmabranche hält (noch) durch. Der New Yorker Pfizer-Konzern entgeht dem wachsenden Versteuerungsdruck, indem er seine Betriebe demnächst als selbständige Filialen mit Hauptsitz im nicht-amerikanischen Ausland registrieren lässt - Bermuda zum Beispiel. Konkurrent Merck, mit vier Fabriken und 2000 Angestellten drittgrößter Pharma-Investor, will ebenfalls bleiben. "Die Bedingungen ohne die Steuerklausel sind nicht mehr so gut", sagt Werksmanager Jesus Ortiz zwar. "Aber sie sind immer noch besser als anderswo." Die Hälfte des Merck-Umsatzes wird mit Produkten aus Puerto Rico erzielt - über elf Milliarden Dollar. Einer der Renner: das Haarwuchsmittel Propecia.
Tropische Topfpflanzen als Geschenk
Auch die Göttinger Biotech-Firma Sartorius will ausharren. Sie stellt in Yauco im Süden der Insel unter anderem Mikrofilter her und beliefert damit Merck und Pfizer. 108 Leute arbeiten hier. Die Profite werden über den US-Bundesstaat Delaware abgerechnet - aber das muss sich bis 2006 ändern, wenn sich die Steuerlücke schließt. Ein Rückzug komme trotzdem nicht in Frage, sagt Werksleiter Marcos Lopez: "Daheim zahlen wir 50 Prozent Steuern", sagt er, "hier sind es sieben."
Schon bildet sich eine neue, freilich illegale Wachstumsindustrie heraus: Die Drogenmafia aus Mittelamerika nutzt Puerto Rico als Eingangstor zum US-Markt. Im April stellte die Polizei in San Juan bei einer Razzia 1297 Säcke Kokain, 1335 Säcke Heroin und 471 Säcke Marihuana sicher. 665 Personen wurden angeklagt - wegen Mordes, Körperverletzung, Drogenhandels, Diebstahls und Waffenbesitzes.
Am selben Tag, da diese bisher größte Drogenrazzia Puerto Ricos endete, begingen sie bei Pfizer in Vega Baja feierlich den Earth Day, den Tag der Umwelt. Jeder Mitarbeiter bekam eine tropische Topfpflanze geschenkt. "Wir wollen", sagte Standortleiter Kelly dazu, "die Lebensqualität der Menschen verbessern."