Fernsehen Stilles Wuchern
Peter Tamm, 62, Vorstandsvorsitzender des Hamburger Axel Springer Verlags, sprach vom Krieg: »Wenn wir ihn führen müssen, werden wir ihn führen.«
Die Drohung galt dem Geschäftspartner Leo Kirch, 64, und seinen Leuten. Jahrelang ging der Streit um den Privatsender Sat 1, der von dem Münchner Filmgroßhändler, von Springer und einer Verlegergruppe gehalten wird.
»Weitreichende zivil- und strafrechtliche Folgen« sollte, so kündigte Tamm im Frühjahr an, das Geschäftsgebaren der Kirch-Vertrauten beim Sender haben. Und einer aus der Front der Verlegergruppe drohte schon: »Wir holen jetzt die Kanonen raus.«
Die Kanonade wurde am Montag letzter Woche abgeblasen. Der Springer-Verlag schloß Frieden mit Kirch. Der Ankauf eines »deutlich überteuerten Filmpakets« durch Sat 1, den die Gegner damals gerügt hatten, wurde sang- und klanglos genehmigt.
Die Einigung über das Riesenpaket, 1300 Filme für 756 Millionen Mark, der bis dahin »teuerste Filmeinkauf der deutschen Fernsehgeschichte« (Tamm), gehört zu einer Vereinbarung, mit der die bisher heftig verfeindeten Partner Springer und Kirch ihre jahrelangen Konflikte begruben. Ein ganzes Bündel von Prozessen, in denen sich beide Seiten um Einfluß bei Sat 1 geprügelt hatten, wird laut Erklärung »eingestellt«.
Der Wortlaut der veröffentlichten fünf Punkte wirkt wie eine Kapitulation Springers vor Kirchs Ansprüchen bei dem Sender. 13 Prozent der Sat-1-Anteile, die früher ausgeschiedene Teilhaber hinterlassen hatten, werden neu verteilt. Somit wächst Kirchs Potential bei Sat 1 nun auf 58 Prozent.
Davon hält der Filmkaufmann 43 Prozent direkt; weitere 15 Prozent gehören der Münchner AV Euromedia, an der Kirch beteiligt ist und die ihr Verhalten von jeher mit ihm abgestimmt hat. Springer und die Verlegergruppe besitzen bei Sat 1 je 20 (vorher 15) Prozent (siehe Schaubild Seite 73).
Entscheidend ist, daß Kirch und sein schneidiger Anwalt Joachim Theye über Sat-1-Geschäftsführer Werner E. Klatten, ihren Vertrauensmann, auch in Zukunft das Sagen bei dem TV-Sender haben. Kirchs Trostpflaster: Der künftige Springer-Vorstandschef Günter Wille, 47, der zusammen mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Bernhard Servatius den neuen Kirch-Pakt ausgehandelt hat, darf zwei Jahre lang Vorsitzender des Sat-1-Aufsichtsrats werden.
Doch nicht einmal ein gesichertes Quantum an Springer-Produktionen für das Sat-1-Programm konnte der Pressekonzern durchsetzen, während der Sender massenweise Programmware aus Kirchs Filmsilo auf den Bildschirm bringt. Bezahlen müssen vor allem die Verlage, voran Springer.
Mit diesen Zugeständnissen glaubt die Springer-Führung sich den Hausfrieden in ihrem Konzern erkauft zu haben, den sie durch den Aktionär Kirch jahrelang gestört sah. Denn eine Gegenleistung Kirchs ist sein Verzicht darauf, die Einigung über Sat 1 von der Zusage unternehmerischer Mitbestimmung und dem Einzug in den Aufsichtsrat bei Springer abhängig zu machen.
Der Filmgrossist hält offiziell 10 Prozent und über Treuhänder weitere 16,1 Prozent an der Springer AG. Die Springers verwehrten ihm eine Erhöhung seines offiziellen Anteils, doch Kirch versuchte jahrelang, seine Ansprüche vor Gericht und durch lautstarke Störmanöver von Anwälten auf den Springer-Hauptversammlungen durchzuboxen.
Nun haben sich die zerstrittenen Parteien, wie sie erklärten, »auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verständigt«. Servatius und Verlegerwitwe Friede Springer wollen den Erben des Verlagsgründers Axel Springer wieder die eindeutige Führung im Konzern und möglichst die Aktienmehrheit (derzeit 40,1 Prozent) sichern. Springer-Chef Tamm, der Kirchs Expansion unnachgiebig bekämpft hatte, wurde den Friedensverhandlungen geopfert; er macht im kommenden Juli seinem Stellvertreter Wille Platz (SPIEGEL 46/1990).
Ob Kirch bei Springer auf Dauer Ruhe gibt, muß sich erst noch zeigen. Der Unternehmer gewann durch den Friedensschluß bei Sat 1 jedenfalls neuen Spielraum für die Eroberung des Privatfernsehens.
Bei seinem Vormarsch auf die Bildschirme der Nation ist der Filmkrösus weit gekommen: *___Seine Herrschaft über Sat 1 wird durch den jetzt ____akzeptierten Ankauf des großen Filmpakets perfekt. Die ____Rechte an den 1300 Filmen aus seinem Vorratslager hatte ____Kirch letztes Jahr an eine Schweizer Strohmann-Firma ____transferiert, die damals von einem seiner ____Vertrauensleute, Stephan Sager, geführt wurde. Die ____Verleger legten sich im Aufsichtsrat so lange quer, ____weil sie ein getarntes Direktgeschäft Kirchs mit ____Überpreisen vermuteten. *___Beim TV-Sender Pro 7 besitzt Kirch-Sohn Thomas 49 ____Prozent. Ein geduldiger Geschäftsmann, der frühere ____Mönchengladbacher Allkauf-Manager Gerhard Ackermans, ____65, dessen Eigenmittel schon durch die ersten ____Anlaufverluste des Senders strapaziert worden waren, ____hält nominell 51 Prozent. Pro 7, geleitet von einem ____früheren Kirch-Büroleiter, kaufte im September ein ____Filmpaket für 854 Millionen Mark - teils von Kirch, ____teils von einer Schweizer Firma, der MH Medien-Handels ____AG. *___Beim Kinokanal »Premiere«, an dem Kirch mit 25 Prozent ____beteiligt ist (Bertelsmann: 37,5 Prozent), stellt der ____Händler den Einkäufer auf dem internationalen ____Programm-Markt: Stephan Sager.
Die reale Vorherrschaft des Lieferanten Kirch in den Programmen von Sat 1 und Pro 7 steht in offenkundigem Widerspruch zu den ausgewiesenen Beteiligungsverhältnissen. Doch kein Kontrollorgan, weder die Länderanstalten für Privatfunk noch das Bundeskartellamt, hat sich bisher ernsthaft um Kirchs Liefermonopole gekümmert.
Die laxe Kontrolle fördert das stille Wuchern von Kirchs Medienmacht. Neuerdings hat er seine Fühler offenbar auch in die Zentrale des Ost-Berliner Fernsehens ausgestreckt. Dort sind Lizenzschätze des früheren Reichsrundfunkarchivs auszubeuten und zusätzlich womöglich günstig Senderechte für rund 1500 Filme zu holen.
Im Beraterstab des Rundfunkbeauftragten für die ehemalige DDR, des CSU-Journalisten Rudolf Mühlfenzl, wirkt der frühere Kirch-Geschäftsführer Ronald Frohne mit, Sozius einer häufig für Kirch tätigen Münchner Anwaltskanzlei. Verdächtig erschien Beobachtern da der Eifer, mit dem Frohne kürzlich angeblich eine Liste aller im Ost-Berliner Fernsehen vorhandenen Filmrechte aufstellen ließ.
Frohne freilich dementiert jeden Dienst für den alten Münchner Freund: Es handele sich um eine »umfassende Inventur« der Filmrechte, Funkrechte und Immobilien, die er mit anderen Beratern bei Wirtschaftsprüfern in Auftrag gegeben habe - für Mühlfenzl.