Giftmüll Stinkender Eisberg
»Mein Vati wäscht das Auto nicht am Bach«, so lernen in Hessens Schulen schon die Kleinsten: »Das Wasser muß für alle sauber sein.«
Am Rhein aber, das erfuhr Professor Herbert Boß, Präsident der Landesanstalt für Umwelt, am vergangenen Dienstag genauer, trieben Hessen-Vatis weit Ärgeres als Autowaschen. An jenem Tage nämlich durfte Buß den Lageplan entgegennehmen, auf dem die Chemiefirma Merck offenbart, wo überall sie Giftmüll ins Gelände gekippt hat.
Denn in Gernsheim, vom SPIEGEL gemeldet, liegen unter dem Werksplatz am Rheinufer mehr als nur die vermuteten 9000 Tonnen Hexachlorcyclohexan: Unter den Fabrikhallen, aufgeteilt in Flöze bis zu sechs Meter Mächtigkeit, lagern weitere 78 000 Tonnen Hexa, und 10000 Tonnen sind im Merck-Werk Darmstadt vergraben. Buß: »Ganz schöne Briketts.«
»Schlicht falsch«, so hatten die Mercker zunächst die Giftmeldung forsch gekontert. Das »Auffüllmaterial«
der Hexa-Müll -- sei »biologisch unwirksam, ungiftig und wasserunlöslich«, verkündete das renommierte Chemieunternehmen: »Gesundheitsschädigende Wirkungen sind nie bekanntgeworden.«
Das Dementi allerdings war falsch. Hexa gehört, wie DDT, mit dem es als Insektengift konkurrierte, zu den berüchtigten Chlorkohlenwasserstoffen, die im Körperfett angereichert werden und im Verdacht stehen, als schleichendes Gift Leberschäden und Nervendefekte, Erbänderungen und Mißbildungen zu verursachen.
In der Bundesrepublik ist Hexa-Gebrauch durch die Höchstmengenverordnungen eingeschränkt. So darf reines Gamma-Hexa (Lindan) etwa in Getreideprodukten nur in Spuren von 0,1 ppm (Parts per Million Milligramm je Kilo) vorkommen. Oder in Milchfett sind höchstens 0,2 ppm zulässig. Mit 0,28 ppm kann man Karpfen umbringen, die für den Menschen tödliche Dosis liegt bei 17 ppm.
Noch strenger geht der Gesetzgeber mit den weiteren Hexa-Isomeren um: Den Alpha-, Beta-, Delta- und Epsilon-Hexa. Von diesen bösen vier -- dies ist das Gernsheimer »Schüttmaterial« (Merck) -- dürfen in allen Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft nicht mehr als 0,02 ppm sein. Denn etwa Beta-Hexa ist noch wesentlich giftiger als Gamma-Hexa, das ein Kalb, vier Monate mit täglich 0,8 Gramm gefüttert, nicht überlebt.
Zum Pflanzenschutz ist allein das Gamma-Hexa in 99prozentiger Reinheit freigegeben. Es kommt im Rohhexa, das aus Benzol und Chlor entsteht, aber nur in Mengen von rund 13 Prozent vor, die vier anderen Hexa-Isomeren -87 Prozent -- sind Abfall.
In Darmstadt, wo Merck das just entdeckte »Knock-down«-Insektizid ab 1946 produzierte, hieß die Halde der weißen Hexa-Kristalle bald der »Eisberg«. Es war 20 000 Tonnen schwer, als sich ab 1955 dann der Hexa-Müll im Werk Gernsheim häufte -- auf schließlich 125 000 Tonnen.
8000 Tonnen wurden auf der Deponie im pfälzischen Gerolsheim untergebracht, da rotteten sich dort die erbosten Bauern zusammen. »Schafft uns das Giftzeug weg«, forderten sie, weil ihre Kartoffeln ("die frißt nicht einmal das Vieh") durch den widerlich-modrigen Hexa-Geschmack unverwertbar waren. Für den Ernteausfall einiger Jahre -- denn Hexa hat den Vorzug, ein sehr langlebiges Pestizid zu sein kassierten sie Schadenersatz.
Ärger machte auch der penetrante Gestank. Aber, so beschied der Regierungspräsident in Darmstadt die Bürger: »Eine Verarbeitung des Abfallstoffes zu einem verkaufsfähigen Produkt findet zwar statt, doch hält der Absatz dieses Produktes mit dem Anfall an Abfallstoff im Betrieb noch nicht Schritt.«
Er hielt nie Schritt. Merck fabrizierte zwar aus dem Hexa-Müll Salzsäure und 2,4,5- T -- jenes Herbizid, mit dem US-Bomber in Vietnam den dichten Dschungel entlaubten. Aber als 30 000 Tonnen Hexe aufgearbeitet waren, blieb Merck auch auf diesem Zeug sitzen, und die Hexa-Halde wuchs weiter.
Auch das Straßenbauamt Hessen Süd, dem Merck 70 000 Kubikmeter Hexa zur Aufschüttung einer Bahnüberführung und obendrein noch einen Barzuschuß offerierte, lehnte dankend ab: Das Material »stinkt«, so beschieden die Straßenbauer die Spender, rufe in den Augen und auf der Haut »stärkeres Brennen hervor« und vergifte mi übrigen die Pflanzen.
Vergebens alarmierten Bürger die Behörden, als die Gernsheimer auf dem Werksareal tiefe Gruben bis ins Grundwasser hinein baggerten und mit Hexa auffüllten: Umweltpräsident Buß sieht in dem Pestizid-Lager noch heute keine Gefahr: »Ich kann mitteilen, hier passiert nichts.«
Auch das zwei Kilometer stromab geplante Trinkwasserwerk mit einer Förderkapazität von 20 Millionen Kubikmeter irritiert ihn nicht. Falls sich Gift löse, tröstet sich Buß, sauge es Merck selbst durch die Werksbrunnen auf -- »ein System, das sich selbst kontrolliert«. Eine Betriebspflicht freilich ist Merck nicht auferlegt.
Ein Giftmüllskandal kurz vor der Landtagswahl kommt freilich ungelegen. Die Landesanstalt für Umwelt beurteilt den Chemie-Müll denn auch, genau wie die Genehmigungsbehörden vor 15 Jahren, als es noch kein Abfallgesetz (1971) gab, immer noch als »sehr geeigneten Baustoff« -- so der Baudirektor Josef Bock, damals im Wasserwirtschaftsamt Darmstadt und heute in der Landesanstalt für Merck zuständig.
Hexa nämlich, dessen Fertigung Merck inzwischen eingestellt hat, zeichne sich nach Bock durch »hohe Standfestigkeit« aus. Allerdings übersah der Baudirektor eine Kleinigkeit an den Gernsheimer Gebäuden: Die auf den angeblich »wie Mörtel« harten Hexa-»Briketts« gegründeten Fundamente rutschen ab -- ob vielleicht durch Ausspülung der Giftsubstanz will die Anstaltsleitung gar nicht wissen. »Für uns ist klar«, befindet Professor Buß: »Die Dinge bleiben liegen, weil keine Gefahr ist.«
»Nur weiter so«, hieß ein ironischer Slogan, mit dem Hessens Umweltministerium die Bürger mobilisieren wollte, »unsere Zukunft liegt im Dreck.«