Stockheims Kolumne Aktienfonds - den Index im Nacken
Frankfurt am Main - Die Chance, im Lotto sechs Richtige zu haben, ist 1 zu 14 Millionen. Die Gefahr, in der Badewanne ums Leben zu kommen, ist 1 zu 10500. Das Risiko, über mehrere Jahre mit einem Aktienfonds schlechter zu liegen als der Index, ist 3 zu 1.
Natürlich spielen die Leute immer noch Lotto und nehmen weiterhin ein Bad. Aber warum kaufen sie noch Fonds? Bei den schlechten Quoten ... Vielleicht, so eine mögliche und überraschende Antwort, weil der Index allein als wahre Messlatte für den Erfolg von Fonds an Bedeutung verliert. Es ist sogar oft kontraproduktiv, wenn der Index im Nacken des Geldverwalters sitzt.
Das "Indexing" als Industrie
Dieser Meinung sind immer mehr Experten. Einmal im Jahr versammelt sich die europäischen Fondsindustrie zu einem echten Gipfeltreffen. Da veranstaltet das "Wall Street Journal" eine Konferenz, diesmal in München, um die aktuellen Fragen der Fondsszene zu diskutieren und neue Trends zu orten. Ein wichtiges Thema: Führt die Ausrichtung an den Indizes Anleger und Fondsmanager nicht zunehmend in die Irre?
Vor zehn Jahren, als die Fondswelle in Deutschland gerade zu rollen begann, war die Welt noch übersichtlich. Da stand der Dax stellvertretend für eine Direktanlage in deutsche Aktien, der Dow Jones für amerikanische Aktien und der Nikkei für japanische Aktien. Punkt. Heute aber ist das so genannte "Indexing" zu einer richtigen Industrie geworden.
Meistens gewinnt die Bank
Dutzende von Index-Entwicklern wie etwa Morgan Stanley, die Dow Jones Company oder Stoxx führen mittlerweile Tausende von unterschiedlichen Indizes, für alle möglichen Segmente und Spezialgebiete. Darauf können dann Produktanbieter alle möglichen Puts und Calls, Baskets und Zertifikate kreieren. Produkte übrigens, die meiner Ansicht nach zu 80 Prozent für Privatanleger totaler Nonsens sind. Die Chancen sind 4 zu 1, dass die Banken hier gewinnen.
Manch deutscher Aktienfonds orientiert sich nicht mehr allein am Dax, sondern vielleicht auch am MDax, am CDax, am Smax oder am Neuen Markt. Der eine vergleicht sich mit Value-Indizes, der andere schaut auf die Growth-Messlatte. Dazu gibt es zig Möglichkeiten, einen Index zu berechnen, als Performance- oder Kursindex - mit oft völlig unterschiedlichen Aufnahmekriterien.
Chaos und Unübersichtlichkeit
Der Markt ist unübersichtlich - für Anbieter, die sich dann auch schon mal gerne diejenigen Indizes als Vergleichsmaßstab auswählen, die ihnen gerade in den Kram passen und noch gut aussehen lassen. Aber auch die Anleger wissen eigentlich gar nicht mehr, wie sie ihren Fonds - bei mehr als 5000 allein in Deutschland zugelassenen Produkten - einordnen sollen.
Viel schlimmer als die Unübersichtlichkeit ist aber die Wirkung, die erzeugt wird, weil die ganze Branche zunehmend den Indizes hinterherläuft. Es werden plötzlich Aktien einfach nur deshalb gekauft, weil sie in einen Index aufgenommen werden. Und andere aus dem Grund dazugekauft, weil ihr Anteil am Index immer weiter wächst. Vor allen Dingen deshalb, weil für viele Indizes der Börsenwert eines Unternehmens das entscheidende Aufnahmekriterium ist.
Lesen Sie im zweiten Teil mehr über den Herdentrieb der Fondsmanager - und warum sie die Lektionen aus dem Sturz der T-Aktie nicht gelernt haben.
Dies führt zu einem zyklischen Verhalten der Fondsmanager - Gift für die Fondsbesitzer. Ein deutliches Beispiel für diesen Trend liefert die Aktie der Deutschen Telekom . Als das Papier im Zuge der Technologie-Euphorie so stark stieg, machte es im Frühjahr 2000 - auf dem Kurshöchststand von mehr als 100 Euro - wegen des hohen Börsenwertes einen Anteil am Dax 30 von nahezu 20 Prozent aus.
Um den Anschluss nicht zu verpassen, mussten viele Fondsmanager darum noch bei diesen absurden Kursständen eifrig Telekom-Aktien kaufen. Dann aber folgte das Drama: Die Telekom-Aktie schmierte ab. Und der Teufelskreis zwang die Fondsmanager wieder, die Aktien in den fallenden Markt hinein zu verkaufen.
Wie die Lemminge
Mittlerweile, so rechnete David Steyn von AllianceBernstein auf dem Münchner Fonds-Gipfel aus, haben an den großen Aktienindizes jeweils die fünf größten Aktien einen Anteil von 35 Prozent. Sprich: Die Fondsmanager laufen nicht nur einem Index hinterher, sondern oft nur fünf Aktien eines Indexes. Steyn warnt: Alle möglichen Nachrichten über eine Handvoll Aktien lässt die Fondsmanager wie die Lemminge in die eine oder die andere Richtung laufen.
Und jeder weiß, wovon Steyn spricht, wenn die neuesten Quartalszahlen etwa für Intel oder Microsoft verkündet werden, und diese Nachrichten dann ganze Märkte bewegen. So lassen sich viele Beispiele finden, wie Fondsmanager zu fundamentalen Anlageentscheidungen gezwungen werden, weil Aktien aus formellen Kriterien in einen Index aufgenommen werden, dort an Bedeutung gewinnen oder verlieren und dann vielleicht auch wieder rausfliegen.
Plädoyer für mehr Weitsicht
Die Aktie des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP etwa war bis zum vergangenen Jahr, als sie in die deutsche Aktienoberliga, den Dax, aufgenommen wurde, eine der besten Aktien Deutschlands. Erst seitdem sie ein Dax-Wert ist, dümpelt die MLP-Aktie - nach heftigen Kursverlusten - lustlos vor sich hin, weil sie zunehmend Spielball der Index-Käufer geworden ist.
Ich frage: Muss nicht ein Fondsmanager gerade dann eine Aktie als aussichtsreich identifizieren und kaufen, bevor sie durch die Aufnahme in einen Index geadelt wird? Sind Aktien nicht dann besonders gut, wenn sie noch auf dem Weg in einen Index sind? Eine Microsoft-Aktie in ihren ersten Jahren zu kaufen wäre sicherlich ein größerer Dienst für die Anleger, als sie nun zu kaufen, wenn sie die Aktienindizes der Welt beherrscht.
"Kurzfristige Denke" auch im Fall Porsche
Und wäre es nicht die große Leistung von Fondsmanagern gewesen, schon vor einigen Jahren in die MLP-Aktie zu investieren, dann dabei zu bleiben, bis zu dem Tag, an dem die Indexmacher sie als "Großen der Branche" auszeichnen? Dann steht doch fest, dass die besten Tage des Wachstums Vergangenheit sind.
Das Beispiel Porsche zeigt außerdem, wie wenig wichtig die Teilnahme an einem Index für den Erfolg einer Aktie ist. Die Deutsche Börse meinte Porsche bestrafen zu müssen, indem sie den Autobauer aus dem Index MDax herausschmiss. Grund: Das Unternehmen weigerte sich wacker, Quartalsberichte abzugeben.
Fondsmanager müssen selbst denken
"Zu kurzfristige Denke", so der streitbare Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking. Während die Börsen- und Indexmacher den Fall Porsches in die Börsen-Bedeutungslosigkeit vorhersagten, geht es Porsche seit dem Rausschmiss blendend wie nie - und die Aktie notiert nahe dem Höchststand. Warum zum Teufel soll dann ein Fondsmanager die Porsche-Aktie nicht mehr kaufen. Nur, weil sie nicht mehr im Index ist?
Die Liste der Beispiele, welche die Absurdität des "Kaufen nach dem Index" zeigt, ließe sich endlos verlängern. Immer mehr Playern der Branche wird auch klar, dass der Index als Messlatte zumindest diskussionswürdig ist. Es geht ja nicht darum, die Indizes abzuschaffen und das Sparbuch als Erfolgsmaßstab für Aktienfondsmanager zu deklarieren, auch wenn das den Profis manchmal am liebsten wäre.
Neue Messlatten überspringen
Nein, Fondsanleger erwarten von ihren Fondsmanagern, dass sie aktiv Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Dass sie bewusst abweichen von einer Indexzusammensetzung, die formell begründet, aber inhaltlich unsinnig ist. Die bestimmte Werte eines Indexes, die einfach out sind und veralteten Industrien angehören, ausklammern und stattdessen auf spannende Zukunftswerte setzen.
Dann könnten sich zukünftig vielleicht andere Kriterien für den Erfolg von Fondsmanagern durchsetzen. Etwa die, ob einmal angegebene Prognosen und Renditeziele eingehalten werden. Wenn der Manager beispielsweise eines internationalen Aktienfonds langfristige Anlageziele in Aussicht stellen würde, etwa "100 Prozent Zuwachs in zehn Jahren" (was einer jährlichen Rendite von durchschnittlich rund sieben Prozent entspricht), dann würde er realistische Ziele setzen und Anlegern eine Chance geben, selbst einzuordnen, ob sie diese Messlatte für ausreichend halten. Und es wäre einfacher für jeden nachzuvollziehen, ob der Fondsmanager einen guten Job gemacht hat.
Statt willkürlich gewählten Indizes nachzulaufen, welche die Anlagerealität nicht widerspiegeln, muss die Fondsbranche entscheidungsfreudiger werden, klare Messlatten setzen und dann zeigen, dass diese zu überspringen sind.