Strategiewechsel: Telecom Italia gegen alle - DER SPIEGEL
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Strategiewechsel Telecom Italia gegen alle

Der Streit um die Ausrichtung der Telecom Italia hat im Rom eine politische Debatte ausgelöst. Heute musste der Wirtschaftsberater von Regierungschef Romano Prodi zurücktreten. Doch auch unter Branchenexperten sind die Pläne des Konzerns umstritten.
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Mailand - Es sind nicht eben die besten Tage in der Regierungszeit Romano Prodis. Mit Angelo Rovati geht einer der wichtigsten Berater von Bord, die Opposition hatte selten so gute Gelegenheit für öffentlichkeitswirksame Schelte - und in der Sache ist der italienische Regierungschef so weit von seinem Ziel entfernt wie zuvor.

Begonnen hatte alles damit, dass Prodi seinem Ärger über die Umstrukturierungspläne der Telecom Italia in aller Öffentlichkeit Luft machte. In Anschluss daran entspann sich eine Diskussion in den Medien, die Führungskräfte in Politik und Wirtschaft normalerweise hinter verschlossenen Türen führen. Dabei machte das Amt des Ministerpräsidenten auch Pläne der Telecom bekannt, die aus verhandlungstaktischen Gründen vorerst besser geheim geblieben wären. Im Gegenzug veröffentlichte das Unternehmen schließlich ein 28-seitiges Empfehlungspapier aus dem Palazzo Chigi mit Vorschlägen zum Umbau der Telecom Italia - und stellte die Regierung damit vollständig bloß.

Rovati zog zwar heute die Konsequenzen und reichte seinen Rücktritt ein, um "jeglichem Versuch einer Instrumentalisierung entgegenzuwirken". Doch der Schaden ist kaum noch zu reparieren. Prodis Regierung steht als klassisch linke, staatswirtschaftlich orientierte Regierung da, "die sich in ungehöriger Weise in die Wirtschaft einmischt, die Pläne des freien Marktes torpediert und dirigistische Attitüden entwickelt", kritisierte der Industrieverband Confindustria in der Tageszeitung "Il sole 24 ore".

Neue Struktur ist beschlossene Sache

Besonders bitter für Prodi ist, dass er sein Ansehen für nichts und wieder nichts beschädigt hat. Denn die Pläne der Telecom Italia hat er in keiner Weise beeinflussen können - obwohl der Streit auch bei Italiens größter Telefongesellschaft Spuren hinterlassen hat: Konzernchef Marco Tronchetti Provera trat am Freitag aus Protest gegen die Einmischung aus Rom von seinem Posten zurück.

Wie sein Nachfolger, der Wirtschaftsanwalt Guido Rossi, heute bekräftigte, soll der Umbau jedoch planmäßig erfolgen: Die Telecom Italia soll in eine Holding umgewandelt werden, unter deren Dach drei Tochtergesellschaften ihre Geschäfte mit dem Festnetz, dem Mobilfunk und dem Internet betreiben - ein radikaler Bruch mit der bisher verfolgten Strategie eines integrierten Telefonkonzerns.

Die Pläne waren nicht nur in der Regierung, sondern auch auf den Finanzmärkten auf starke Vorbehalte gestoßen. Denn Beobachter rechnen fest damit, dass damit der Verkauf der Mobilfunksparte Telecom Italia Mobile (TIM) programmiert ist. Dabei hatte Telecom Italia die Tochter erst vor zwei Jahren wieder vollständig in den Konzern eingebunden - und 20 Milliarden Euro dafür bezahlt.

Interessen der Großaktionäre

Dass der Konzern das teure Geschäft jetzt schon wieder rückgängig machen könnte, verwundert Experten: "Aus strategischer Sicht verstehe ich diesen Schritt nicht", sagt Sonia Rabussier, Analystin bei Sal. Oppenheim gegenüber manager-magazin.de. "Sinnvoll und üblich sei es eigentlich, ein gebündeltes Angebot aus Festnetz und Mobilfunk zu schaffen. So könnten Synergien entstehen - das war ja auch die bisherige Strategie der italienischen Telecom." Zudem sei das Mobilfunkgeschäft mit Gewinnmargen um die 30 Prozent die profitabelste Sparte des Unternehmens.

Hintergrund des Aufteilungspläne, so vermuten Experten, ist der Versuch Tronchetti Proveras, die Interessen der Großaktionäre der Telecom Italia zu bedienen, allen voran die der Pirelli-Gruppe. Die öffentliche Empörung ist auch deshalb so groß, weil Tronchetti Provera gleichzeitig an der Spitze des Reifenkonzerns steht und die Übernahme der Telecom Italia vor fünf Jahren selbst eingeleitet hatte.

Angesichts der hohen Schulden der Telecom Italia in Höhe von 41 Milliarden Euro aber war das Engagement für Pirelli in der jüngsten Vergangenheit immer mehr zu einer Belastung geworden. Der Verkauf der hoch profitablen TIM könnte nun einen großen Teil der Probleme lösen. An Interessenten mangelt es nicht. An vorderster Stelle wird die Deutsche Telekom genannt, aber auch Vodafone und dem mexikanischen Anbieter América Móvil werden Ambitionen auf dem italienischen Markt nachgesagt. Möglich ist auch, dass Private-Equity-Unternehmen wie Permira, Apax Partners und Carlyle zum Zuge kommen.

Guter Zeitpunkt für einen Verkauf

Aus unternehmerischer Sicht spricht sogar einiges für den Verkauf. Der italienische Mobilfunkmarkt gilt als ausgereizt. Hinzu kommt der Druck auf die Margen, weil die staatlichen Behörden in den EU-Staaten immer wieder die Gebühren senken, die die Ex-Monopolisten von Konkurrenten für die Nutzung ihrer Festnetz- und Mobilfunknetze bekommen. Ein besserer Preis als zurzeit wird sich für TIM so schnell nicht wieder erzielen lassen, so das das Kalkül der Experten.

Die politische Perspektive ist naturgemäß eine ganz andere. Durch den Verkauf von TIM würde der letzte Mobilfunkanbieter in ausländische Hände wechseln. Ein Vorstellung, die weder der italienischen Regierung noch der Öffentlichkeit behagt.

Der umgekehrte Weg bereitet den Italienern weniger Kopfschmerzen. Erst heute gab die Telecom Italia die Übernahme des Internet-Geschäfts von AOL Deutschland bekannt. Das Geschäft im Wert von 675 Millionen Dollar soll in vier bis sechs Monaten abgeschlossen werden. Mit insgesamt 3,2 Millionen Kunden in Deutschland - davon rund zwei Millionen Breitbandkunden - werden die Italiener damit über ihre Tochter Hansenet nach eigenen Angaben zum bundesweit zweitgrößten Breitband-Anbieter.

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