Streiff-Rücktritt: Der Unbeugsame - DER SPIEGEL
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Streiff-Rücktritt Der Unbeugsame

Nur drei Monate nach seinem Amtsantritt schmeißt Airbus-Chef Christian Streiff die Brocken hin. Er hatte weder genug Lust noch Geschick, sich im deutsch-französischen Standort-Gezerre zu behaupten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Streiff war kein Manager mit Branchenerfahrung. Wobei das Metier, in dem sich ein Airbus-Manager bewegt, nicht allein auf Luftfahrt beschränkt ist. Politisches Geschick und die vollständige Bereitschaft, sich dem Diktat von außen zu beugen, ist mindestens ebenso wichtig, um an der Spitze des Flugzeugbauers zu reüssieren - eine Qualifikation, die nicht nur Kritiker Streiff absprechen.

"Spontan, impulsiv, ungeduldig, charismatisch, aber nicht immer geschickt", so beschrieben ihn die Mitarbeiter seines engsten Umfelds bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem französischen Verpackungskonzern Saint-Gobain. Dort übrigens endete seine Karriere nach 26 Jahren ebenso abrupt wie überraschend. Zunächst galt er sogar als Kronprinz für Saint-Gobain-Vorstandschef Jean-Louis Beffa, doch nur für kurze Zeit. Wenige Monate nach der "Inthronisierung" verließ Streiff den Baustoffkonzern, obwohl seine Leistung als Manager keinerlei Anlass zur Kritik geboten hatte. Sein Eigensinn und seine Sturheit hätten ihn zu viel Ansehen gekostet, hieß es später. Deshalb habe Beffa ihn schon in früheren Jahren gebeten, gelegentlich einen Gang zurückzuschalten, schrieb das "Handelsblatt": "Auch wenn man die Energie hat, Berge zu versetzen, ist es manchmal doch klüger, sie zu umgehen."

Auch seine ausgeprägte Schwäche für Deutschland trieb dem 51-Jährigen nicht gerade Anhänger in die Arme, jedenfalls nicht auf der einflussreichen und stets auf Mitsprache pochenden französischen Seite. Der im grenznahen Lothringen geborene Streiff spricht Deutsch ebenso gut wie Französisch und arbeitete mehrere Jahre in deutschen Unternehmen. Entsprechend innig sind seine Kontakte zu den Managern hier zu Lande. Beim Reifenhersteller Continental sitzt er ebenso im Aufsichtsrat wie beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp.

Ärger mit Forgeards Erben

Sein gering ausgeprägtes Talent für Diplomatie, sein Eigensinn und das Image als Mann vom gegnerischen Lager dürften ihm die Arbeit bei Airbus von Anfang an schwer gemacht haben. Zumal der geschasste EADS-Chef Noel Forgeard, der nur widerwillig seinen Posten geräumt hatte, noch über zahllose Parteigänger bei Airbus verfügt, die allesamt einen Ruf zu verlieren hatten. Und viele der strategischen Fehlentscheidungen, die ihre unseligen Auswirkungen jetzt entfalten, gehen auf das Konto dieser Seilschaft.

Dazu zählen die Probleme mit dem Prestigeobjekt A380 ebenso wie die Fehlplanungen beim Langstreckenjet A350. Auch der vierstrahlige A340 verlor in Zeiten hoher Kerosinpreise im Wettbewerb mit der zweimotorigen Konkurrenz, der Boeing 777, immer mehr an Boden. Diese Fehler musste Streiff in den vergangenen Wochen gnadenlos benennen.

Noch stärker aber dürften den Manager die Reibungsverluste zwischen der deutschen und der französischen Seite zu schaffen gemacht haben. Zu keinem Zeitpunkt haben die Verantwortlichen beider Parteien wirklich zusammengefunden. Politische Interessen dominierten stets die unternehmerischen Entscheidungen.

Ende September noch hatte der französische Außenminister und Präsident des Großraums Grand Toulouse, Phillippe Douste-Blazy, damit geprahlt, Streiff an die Kandare genommen zu haben. Er habe dem Airbus-Chef deutlich gemacht, dass der geplante mittelgroße A350 in Toulouse gebaut werden müsse. "Ich werde alles dafür tun, damit sich die Werke entwickeln können", hatte Douste-Blazy in aller Öffentlichkeit angekündigt, während intern um das dringend notwendig Sanierungsprogramm gerungen wurde.

Absprung zu Peugeot?

Aber auch die deutsche Seite versucht nach Kräften, mit den Franzosen mitzuhalten. Politik, Gewerkschaften und Arbeitgeber in Norddeutschland machen sich speziell für die Airbus-Fabriken in Hamburg stark. Der Arbeitgeberverband Nordmetall sprach sich öffentlich "mit Nachdruck" für Erhalt und Stärkung der norddeutschen Standorte aus.

Dabei hätte Streiffs Sanierungsprogramm eine Menge Zugeständnisse von allen Seiten erfordert. Ein milliardenschwerer Sparplan, Entlassungen und möglicherweise auch die Schließung einzelner Standorte - das hätte selbst ein Airbus-Chef schwer durchsetzen können, der Einfluss und Ansehen im Konzern besessen hätte. Streiff jedoch habe sich bei der Präsentation seines Planes "sehr einsam gefühlt", berichtet die französische Zeitung "La Tribune". Den Plan habe er dann "auf Verlangen der Aktionäre und vor allem auf Druck des französischen Finanzministeriums abschwächen müssen".

Andere hätten sich vielleicht beugen lassen und verschwiegen, was sie für notwendig halten. Nicht jedoch Streiff.

Glückliche Fügung, dass ihm gerade rechtzeitig ein Angebot unterbreitet wurde, das ihm die Rückendeckung für seinen aufrechten Gang verschafft. Vor kurzem erst kam die Eigentümerfamilie des französischen Traditionskonzerns Peugeot mit der Frage auf ihn zu, ob er nicht die Nachfolge des Konzernlenkers Jean-Martin Folz antreten wolle, der Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand geht.

Wenn er annimmt, ist der Unbeugsame gelandet.