Streik bei ZF Getriebe Arbeitskampf für sechs Minuten
Brandenburg an der Havel - Der Besuch von Brandenburgs Wirtschafsminister Ulrich Junghanns passte in die Dramaturgie des Gewerkschaftsfunktionärs "Sie kommen nur, um den Streikbrechern das Rückgrat zu stärken", rief IG-Metall-Verhandlungsführer Hasso Düvel dem CDU-Politiker nach: "Sie haben sich von den Arbeitgebern benutzen lassen".
Doch die Wirkung verpufft nur allzu schnell. Für kurze Zeit sind Pfiffe zu hören, Buh-Rufe und Pressluft-Trompeten, wie sie Stadionbesucher gerne benutzen. Nachdem gegen kurz vor sieben die rund 300 ZF-Werker das Spalier passiert haben, um zur Schicht anzutreten, kehrt vor dem Werkstor des Getriebeherstellers ZF in Brandenburg schon wieder Ruhe ein.
Noch eine Zeitlang versucht eine Reihe von Funktionären, vor den Toren von einem provisorisch mit Lautsprechern bestückten Auto-Anhänger herunter die Menge ein wenig aufzuwühlen. Von gleichem Lohn für gleiche Arbeit ist die Rede, davon, dass Arbeitszeitverkürzung Arbeitsplätze schafft und dass die Arbeitgeber die Verantwortung für den Streik trügen, weil sie nicht verhandelten - der Beifall fällt dünn aus, die Pressluft-Trompeten machen den meisten Lärm.
Insgesamt beteiligen sich an diesem Montag noch immer rund 11.000 Beschäftigte in ganz Ostdeutschland an den Arbeitsniederlegungen. Betroffen sind insbesondere die Ost-Ableger großer Konzerne, wie die gläserne Manufaktur von VW in Sachsen, der Waggonbauer Bombardier in Hennigsdorf, DaimlerChrysler und Thyssen in Ludwigsfelde - und eben die Getriebefabrik von ZF in Brandenburg.
Der Arbeitskampf der IG Metall geht jetzt auch in Brandenburg an der Havel in die zweite Woche und allmählich sind sich die Streikenden nicht mehr so sicher, wozu das gut sein soll, was sie da tun. Fragt man direkt, so kommen erst einmal die eingeübten Parolen: "13 Jahre nach der Wende haben wir ein Recht auf gleichen Lohn", sagt einer der Angesprochenen. Ein Kollege, der aus Stuttgart angereist ist, um seine Solidarität zu zeigen, pflichtet ihm bei und schimpft auf die Großunternehmen, die die zusätzlichen Kosten schließlich locker wegstecken könnten.
Locker wegstecken muss zum Beispiel der BMW-Konzern, der von dem Streik bei ZF direkt betroffen ist, nach Einschätzung von Fachleuten ein Umsatz-Minus in Höhe von rund 48 Millionen Euro pro Tag. Weil die Getriebe fehlen, muss die Produktion in den Werken Regensburg, München und Teilen von Dingolfing ab Montag eingestellt werden. 10.000 Mitarbeiter wurden bereits in die Kurzarbeit geschickt.
Auch Zulieferer trifft der Streik, deren Teile BMW bei stillstehenden Bändern nicht abnimmt. Noch einmal 30.000 Arbeitsplätze. Die Bundesanstalt für Arbeit wird allein die Kurzarbeit bei BMW nach ersten Berechnungen rund 1,7 Millionen Euro kosten. Darüber hinaus muss BMW weitere 900.000 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen bezahlen.
Der Preis dafür erscheint inzwischen manchem der Streikenden zu hoch. Vor den Toren werden die Vorbehalte nur leise formuliert. Drinnen, bei den Streikbrechern, werden sie offen ausgesprochen.
"Wir haben nichts davon, wenn nachher die Arbeitsplätze gestrichen werden, die wir uns jetzt bequem streiken", sagt einer derjenigen, die am Montagmorgen den Weg durch das Spalier der Streikposten gefunden haben. Auch er habe vier Tage an dem Ausstand teilgenommen, weil er die Position der Gewerkschaft im Prinzip richtig findet, aber nun sei es genug, denn die inzwischen absehbaren Folgen seien zu schwerwiegend.
Ein Kollege geht mit den Gewerkschaften ungleich härter ins Gericht: "Der Streik bringt allein den Funktionären etwas, die Arbeiter werden die Nachteile zu spüren bekommen." Ein Großteil seiner Kollegen vor der Tür dächte genauso, sie stünden nur unter dem Kuratel der Gewerkschaft. Und dann rechnet er vor, was die Arbeiter bei ZF bei einem Streikerfolg bestenfalls erreichen können: "38 Stunden arbeiten wir laut Tarifvertrag. Davon müssen Sie 2,5 Stunden für Pausen abziehen, die uns die Firma ohnehin schon freiwillig bezahlt. Bleiben 30 Minuten pro Woche, die wir gewinnen".
Das sind sechs Minuten pro Arbeitstag.
Den Preis bezahlen aber nicht allein die Arbeitnehmer, die zurzeit in Lohn und Brot stehen. Viel härter wird es diejenigen treffen, die zurzeit noch vor den Arbeitsämtern Schlange stehen. Angesichts der Kosten des Streiks für die Unternehmen betrachtet Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft die Andeutung von BMW, sein Engagement im Osten zu überdenken, anders als die Gewerkschaftsvertreter, nicht als leere Drohung. Möglich sei, dass im Werk Leipzig nur noch rund 4500 neue Arbeitsplätze entstehen würden. Bislang hatte BMW mit einer Belegschaft von bis zu 5500 geplant.
Schon hat ein US-Zulieferer ein Projekt in Sachsen, bei dem 700 Arbeitsplätze entstehen sollten, auf Eis gelegt. Auch der Elektronik-Riese Siemens will Investitionen im Osten mit spitzen Fingern prüfen.
Die Drohung der West-Konzerne, ihr Engagement in den neuen Bundesländern zu überdenken, beeindrucke ihn schon, sagt ein Streikposten, doch jetzt so einfach wieder zur Arbeit gehen? "Dann verlieren wir doch jeden Respekt bei denen da oben".