Streikdrohung Gewerkschaft wirft Telekom Zahlenmanipulation vor
Hamburg - René Obermann gibt sich alle Mühe, wie ein lockerer Manager zu wirken. Nach amerikanischer Art duzt er seine Vorstandskollegen, zum Beispiel "den Karl", also Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick. Auch er selbst ist für sein Umfeld einfach "der René", zumindest redet sein Pressesprecher in dieser Form von ihm.
Trotzdem kommt der Vorstandsvorsitzende der Telekom bei seinen Mitarbeitern nicht gut an. Erst wenige Monate ist der Manager im Amt - und hat sich schon viele Feinde geschaffen. Da helfen auch keine bunten Charts über die angeblich rosige Zukunft des Unternehmens, die Obermann auf der heutigen Bilanzpressekonferenz präsentiert. Ohne Pult und Tisch stellt er sich seinen Zuhörern, gestikulierend geht er auf und ab wie ein Prediger.
Das Problem ist die Botschaft, die Obermann verkündet. Rund 50.000 Mitarbeiter will er in eine Servicegesellschaft auslagern - und das zu deutlich schlechteren Bedingungen als bisher. Gerüchteweise ist die Rede von 40 Stunden Arbeitszeit pro Woche statt bisher 34, auch beim Gehalt will das Unternehmen angeblich sparen. Erst gestern haben Tausende wütende Telekom-Mitarbeiter gegen die Pläne demonstriert.
Versteckspiel mit Floskeln
Allerdings: Genau wissen die Beschäftigten immer noch nicht, was auf sie zukommt. Wie soll die Servicegesellschaft aussehen? Welche Mitarbeiter sind betroffen? Zu solchen Details schweigt Obermann. Auch heute, auf der Bilanzpressekonferenz, versteckt sich der Manager hinter allgemeinen Floskeln. "Wir müssen effizienter werden", sagt er, "wir haben keine Alternative", und: "es muss nun gehandelt werden". Konkret verrät er nur eine Zahl: Insgesamt will das Unternehmen 4,2 bis 4,7 Milliarden Euro einsparen - "und damit ist alles gesagt".
Für die Arbeitnehmer ist das nicht befriedigend. Bei der Gewerkschaft Ver.di haben Fachleute deshalb nachgerechnet, was auf die Beschäftigten tatsächlich zukommen könnte. Das Ergebnis ist ernüchternd: Statt der von Obermann angekündigten 50.000 wird es wohl sogar 60.000 Beschäftigte treffen. "Was Obermann heute erzählt hat, heißt gar nichts", sagt Ver.di-Funktionär Ado Wilhelm SPIEGEL ONLINE.
Vor allem bei den Call-Centern, die ausgelagert werden sollen, nenne die Telekom bewusst falsche Zahlen. "Mit der Wahrheit rückt der Vorstand nur scheibchenweise heraus", schimpft Wilhelm, der stellvertretender Aufsichtsratschef bei T-Mobile ist. So habe Obermann bei den von ihm genannten 50.000 Mitarbeitern nur die operativ Tätigen mitgerechnet. Bedenke man aber auch die übrigen Beschäftigten, zum Beispiel in Leitungsfunktionen, komme man rasch auf 60.000. "Unsere Zahl ist definitiv seriöser", sagt Wilhelm.
Für die Arbeitnehmer stehen die Signale deshalb auf Kampf. Keine Entlassungen, keine Standortschließungen, gleiche Konditionen wie bisher - das sind die Forderungen von Ver.di. Zunächst will die Gewerkschaft einen Sozialtarifvertrag aushandeln, auch Obermann ist zu Gesprächen bereit. Doch wenn die scheitern - und danach sieht es derzeit aus - droht ein Arbeitskampf. "Ein Streik ist ausdrücklich nicht ausgeschlossen", sagt Wilhelm.
Erst Widerstand gegen die Billigmarke - nun kommt sie doch
Ob sich Obermann davon beeindrucken lässt? Zumindest ist es fraglich. Schließlich ist der Ärger mit den Mitarbeitern nicht die einzige Sorge des Konzernchefs. Auch seine Aktionäre sitzen ihm im Nacken. "Wir haben zurzeit eine Kapitalverzinsung von unter sechs Prozent", sagt Obermann. "Das ist auf lange Sicht nicht tragbar."
Auch heute machte die Telekom ihren Anteilseignern keine Freude: Als das Unternehmen seine Zahlen für das Geschäftsjahr 2006 bekannt gab, sackte der Aktienkurs um knapp 2,5 Prozent ab. Sämtliche Unternehmenssparten hatten beim Umsatz eingebüßt, der Konzerngewinn sank von 5,6 auf 3,2 Milliarden Euro.
Für Obermann bleibt noch einiges zu tun, wenn er die Interessen seiner Mitarbeiter und die seiner Aktionäre unter einen Hut bekommen möchte. Welche Priorität er setzt, darüber lässt er keinen Zweifel. In seiner heutigen Präsentation erwähnt er die geplante Auslagerung nur am Rande, selbst die Zahl der 50.000 betroffenen Mitarbeiter ist ihm nur auf Nachfrage zu entlocken.
Ausführlich widmet er sich dagegen dem Teil, "den wir die strategische Ausrichtung nennen". Statt vieler verschiedener Marken wie T-Com, T-Mobile und T-Online soll es künftig nur noch zwei Markennamen geben: T-Home für zuhause und T-Mobile für unterwegs.
Außerdem plant das Unternehmen eine neue Billigmarke. Der Grund ist simpel: Bei vielen Verbrauchern ist die Marke Telekom zu negativ besetzt. "Vor allem bei jungen, preisbewussten Konsumenten haben wir keinen guten Markenwert", sagt Obermann in erstaunlicher Offenheit. Bei intensiven Internetnutzern sei es sogar "noch unbefriedigender".
Wie die neue Marke heißen wird, verrät Obermann nicht. "Im Detail wollen wir darüber gar nicht sprechen. Wir werden es einfach machen." Nur so viel: Ein großes T werde im Markennamen auf keinen Fall vorkommen. Als Ziel für die Billigmarke gibt Obermann einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro bis 2010 an.
Besonders pikant: Obermann selbst war noch vor wenigen Wochen gegen die Einführung einer Billigmarke, erst vor wenigen Tagen hat er seine Meinung geändert. "Das ist alles sehr hektisch vorbereitet worden", heißt es aus dem Umfeld des Unternehmens. "Eine langfristige Planung sieht anders aus."
Beim Service will die Telekom die Nummer eins sein
Ein Herzensanliegen ist Obermann dagegen die Kundenzufriedenheit - zumindest wenn man seinen Beteuerungen glauben darf. Beim Service müsse die Telekom noch deutlich besser werden, wiederholt der Vorstandschef regelmäßig. Heute gibt er nun die Zielmarke vor: "Wir wollen im Vergleich zu allen Wettbewerbern den besten Service haben."
Viele Kunden werden über diese Ankündigung vermutlich lächeln. Doch Obermann sagt, er meine es ernst: "Ich weiß, wo wir stehen. Wir haben bei der Kundenzufriedenheit nicht das Niveau, das wir brauchen. Das heißt aber nicht, dass wir unser Ziel nicht verfolgen." Schon im kommenden Jahr werde die Telekom die Wettbewerber bei der Kundenzufriedenheit eingeholt haben.
Doch selbst wenn die Verbraucher mit dem Service der Telekom schlagartig zufrieden wären: Ein Problem wird bleiben. Seit Jahren laufen dem Unternehmen die Kunden im Festnetz davon, allein im vergangenen Jahr verlor das Unternehmen zwei Millionen klassische Anschlüsse. "Das traditionelle Geschäft wird auch in den kommenden Jahren weiter rückläufig sein", sagt Obermann. "Dieser Realität müssen wir ins Auge schauen."